900 Hektar sollen bebaut werden

Bauern gehen auf die Barrikaden: Protest gegen Wohnbaupläne

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Über 500 Leute besuchten die Info-Veranstaltung in dieser Turnhalle in Feldmoching.

Die Stadt möchte bauen – und zwar auf rund 900 Hektar Fläche rund um, vor allem aber westlich von Feldmoching. Doch die betroffenen Bauern machen mobil gegen die Pläne.

München - Wahnsinn, ist das voll hier! Über 500 Leute sind da in dieser Turnhalle in Feldmoching – dabei ist das doch eigentlich bloß eine Info-Veranstaltung der Stadt, wie es offiziell heißt. In Wirklichkeit erleben wir aber den Bauern-Aufstand von Feldmoching. Ihnen geht es um alles: um das Land, das sie von ihren Eltern und Großeltern geerbt haben, auf dem sie Gemüse anbauen – und das sie jetzt vielleicht für günstiges Geld an die Stadt verkaufen müssen, damit hier im Lauf der nächsten Jahrzehnte Tausende von Wohnungen entstehen können. Diese städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) wollen sie nicht hinnehmen. Und das spürt man auch ganz deutlich an diesem Montagabend. Aufgeheizte Stimmung, harte Diskussionen, echte Angst und das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden. Denn: Bei dieser SEM auf 900 Hektar Fläche (siehe unten) könnte es im heftigsten Fall sogar um Enteignung gehen. Und selbst, wenn es nicht so weit geht, fühlen sich die Grundbesitzer betrogen. Eine SEM kann nämlich die Bodenpreise einfrieren. Das soll Spekulation verhindern und so für günstigen Wohnraum sorgen. Gleichzeitig heißt es aber für die Verkäufer: deutlich weniger Geld für ihre Flächen!

Als Vertreter der Stadt sind Steffen Kercher und Michael Bacherl vom Planungsreferat vor Ort – ihnen schlagen Kälte und Skepsis aus dem Publikum entgegen. Kercher erklärt, warum der Wohnungsbau dringend nötig ist. Und: Die strittige Fläche ist das letzte freie Areal des Stadtgebiets… Kercher versichert aber, dass alles im Einvernehmen mit den Eigentümern geschehen soll. Sein Versprechen an die Feldmochinger: „Es wird in den nächsten zehn Jahren unser Hauptgeschäft sein, sie davon zu überzeugen, dass solche Maßnahmen für beide Seiten Vorteile haben können.“ In München sei in den vergangenen Jahren niemand für den Wohnbau enteignet worden. In Einzelgesprächen wolle man nun herausfinden, inwieweit man die Eigentümer mit ins Boot holen kann.

Aber genau das, dieses Ins-Boot-Holen, scheint in weiter Ferne zu liegen. 95 Prozent der betroffenen Grundstückseigentümer haben sich zur Initiative Heimatboden zusammengeschlossen – sie sagen der Stadt den Kampf an. Da ist zum Beispiel Alex Zech (49), dessen Familie einen Ackerbaubetrieb an der Karlsfelder Straße betreibt (siehe Umfrage rechts). Er und seine Heimatboden-Kollegen sind zwar nicht grundsätzlich gegen Wohnungsbau – aber das müsse auf die richtige Weise passieren. Die Initiative plädiert für das Sobon-Modell: Mindestens ein Drittel der Wertsteigerung bleibt beim Eigentümer. Ob es dazu wirklich kommt, kann noch niemand sagen.

Angenehm für beide Seiten an diesem hitzigen Abend: Entschieden ist noch nichts. Zunächst muss das Planungsreferat dem Stadtrat einen Einleitungsbeschluss vorlegen. „Das sollte im Mai passieren“, erklärt Initiativensprecher Josef Glasl. Aufgrund der großen Gegenwehr reden wir da aber mittlerweile schon vom Sommer…

Hier will die Stadt bauen

Die Stadt möchte bauen – und zwar auf rund 900 Hektar Fläche rund um, vor allem aber westlich von Feldmoching. Dafür hat sie eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) angekündigt, in deren Folge das Eigentum der Flächen an die Stadt übergehen kann. Zunächst einmal geht es um Vorarbeiten. Zu klären ist etwa: Von welcher Fläche reden wir hier genau? Eignet sich das Gebiet wirklich für den Wohnungsbau? Und mit welchem Konzept funktioniert das am besten? Komplizierte Fragen… Die Antworten darauf zu finden, dauert schon rund zehn Jahre – und erst dann fällt die Entscheidung für oder gegen das Gesamtprojekt. Im Ja-Fall folgen nun der Erwerb der Flächen, die konkrete Planung und schließlich der Bau. Dafür muss man noch einmal zehn bis 20 Jahre rechnen. Wie viele Wohnungen in Feldmoching entstehen könnten, ist noch nicht sicher – möglich scheint aber Platz für etwa 50.000 Menschen.

Tue alles, um den Betrieb zu retten

Stefan Hausler (28): „Ich betreibe unsere Gärtnerei schon in der vierten Generation. Ich hänge sehr an ihr und werde alles tun, um sie zu retten. Das Vorhaben der Stadt wäre das Aus für Betriebe wie unseren! Dabei sind sie so wichtig. Wir versorgen Supermärkte und die Gastronomie mit unseren Produkten. Ersatzflächen in der Region zu bekommen, ist utopisch. Das nächste, wo ich für das Geld was bekomme, wäre der Bayerische Wald.“

Für das Geld ist kein Ersatzland zu kriegen

Martin Zech jr. (41): „Die Existenz unseres Ackerbaubetriebs ist extrem gefährdet. Alle Flächen sollen bebaut oder in Landschaftsparks überführt werden. Ersatzflächen sind nicht verfügbar. Und selbst wenn sie es wären, könnte ich mir für den Richtwert von zehn Euro pro Quadratmeter einen Teppich kaufen, aber defintiv kein Ersatzland in der Region.“

Bitte regionale Produkte fördern!

Alex Zech (49): „Da reden alle die ganze Zeit davon, wie wichtig regionale Produkte sind – und dann soll uns das Land genommen werden, auf dem wir diese anbauen! Unsere Familie baut in ihrem Ackerbaubetrieb an der Karlsfelder Straße Mais, Getreide und Futterbohnen für Vieh in der Region an.“

Nahversorgung gibt es bald nicht mehr

Martin Zech sr.: „Wir werden durch diese Vorgehensweise kaputt gemacht! Die Nahversorgung, auf die wir hingetrimmt wurden, gibt es bald nicht mehr. Die Stadt möchte meiner Familie 100 Hektar Ackerland an der Feldmochinger Straße nehmen. Das ist Diebstahl!“

Franz (57, ) und Andreas (25) Grünwald mit Florian Obersojer: „Wir fürchten um unser Wohnhaus, die Maschinenhalle und Stallungen – alles befindet sich auf der Fläche. Wir müssten wegziehen, unser Milchviehbetrieb in Ludwigsfeld wäre ausgelöscht.

Tanja Buchka

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Kommentare

der Hasenbergler
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Das alles ist nur der Größenwahn unseres Oberbürgermeisters. Diese hochtrabenden SEM-Plaene sind schon allein aus rein finanzieller Sicht nicht zu realisieren. Jetzt wird 25 Jahre untersucht und geplant, damit man es anschließend einstampfen kann. In dieser Zeit wird keine einzige Wohnung gebaut! Die Stadt soll endlich Bebauungspläne aufstellen, damit in vernünftigen Mass von Privat gebaut werden kann.

Antje Hubacz
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Ich möchte gerne mal wissen, wie das verkehrstechnisch zu lösen ist. Zu Stoßzeiten braucht man mit dem Bus 175 für knapp 4 km von der Haltestelle Am Blütenanger bis zur U-Bahn OEZ schon 20 bis 30 Minuten. Die Straßen sind nunmal 1-spurig in einer Richtung, teilweise nicht mal das, weil zugeparkt. Und hier wohnen nur ein paar Tausend Leute und dann sollen ca. 30.000 dazukommen?????

Tina djegoAntwort
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ich verstehe Sie vollkommen , wäre auch nicht begeistert an Ihrer Stelle, aber so wird es in Zukunft in und um München nunmal aussehen,auf kurz oder lang wird alles zugebaut werden da wir für Zugezogene und "Gäste" ja schließlich Wohnungen benötigen.Wo sollen alle hin ? Das ist ja jetzt schon katastrophal ....da kann sich keiner mehr aussuchen wen er in der Nachbarschaft will oder nicht.