tz-Mietertag

Seniorin (85) hilflos im Hasenbergl - Allein in der Wohnhölle

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Franziska Becker ist verzweifelt: Die 85-Jährige lebt mutterseelenallein im 16-Parteien-Gebäude an der Linkstraße im Hasenbergl, ihre Wohnung gleicht einer Baustelle.

85-jährige Franziska Becker ist nach 26 Jahren die letzte Bewohnerin in ihrem Mietshaus. Sie lebt in unzumutbaren Zuständen. Ihr Vermieter will sie loswerden, vermutet sie.

Kein Esstisch, kein Schrank, überhaupt so gut wie keine Möbel. Die Küche leer – kein Herd, kein Ofen, nicht einmal eine Spüle und schon gar keine Geschirrspülmaschine, nur zwei kleine Kommoden und Anschlüsse für eine Küchenausstattung, Kabel hängen aus der Wand. Im Wohnzimmer stehen lediglich ein Stuhl und ein Bett, in der Ecke ein Berg Tüten voller Kleidung. Im Schlafzimmer ein leerer Wäscheständer. Wie kann ein Mensch hier leben?

Die 85-jährige Franziska Becker lebt so seit mehr als zwei Jahren in einer Wohnung an der Linkstraße im Hasenbergl. Wie jeden Monat hat sie auch jetzt wieder 563 Euro Miete an ihren Vermieter überwiesen, wie ein der tz vorliegender Überweisungsbeleg zeigt. Und trotzdem diese ständige Angst: Der Vermieter, so sagt die Seniorin, will sie aus der Wohnung haben. Sie sei die einzige verbliebene Bewohnerin im Haus – sonst würde hier im Gebäude niemand mehr wohnen...

Wir wollen den Vermieter dazu befragen, doch unter der im Mietvertrag angegebenen Adresse ist er für die tz nicht zu erreichen. Laut Handelsregister war unter der Adresse eine Firma eingetragen – es handelte sich um eine Versicherungsvermittlung, der Eintrag ist mittlerweile gelöscht, die Telefonnummern führen zu keinem Anschluss. „Ich habe mich auch schon gewundert, warum ich den Herrn nie telefonisch erreichen kann“, sagt Franziska Becker.


Seit 26 Jahren lebt sie in dem Haus, nie habe es Ärger gegeben mit dem Vermieter. Nun aber sei sie die letzte von ehemals 16 Mietparteien in dem Haus und soll auch raus. Beim Besuch der tz scheinen die anderen Wohnungen tatsächlich unbewohnt – niemand öffnet auf ein Klingeln. Franziska Becker ist alleine. An einer Wand in ihrer Wohnung hängt ihr Hochzeitsbild, ihr Mann Herbert, der bei der Müllbeseitigung der Stadt München arbeitete, ist schon vor mehr als einem Jahrzehnt verstorben.

Die Seniorin sucht Hilfe, will unbedingt umziehen. Sie möchte selbstständig bleiben, weiß aber, dass sie irgendwann Hilfe brauchen wird: Ihr Hausarzt hat ihr ein Attest ausgestellt, in dem er schreibt, dass es wegen einer beginnenden Demenz aus ärztlicher Sicht nicht mehr sichergestellt ist, dass sich seine Patientin auf Dauer alleine versorgen kann. Das Attest, ausgestellt am 21. März dieses Jahres, trägt die Überschrift: „Zur Vorlage beim Wohnungsamt“. Dort war die Seniorin auch und hat eine Sozialwohnung beantragt. Doch da ihre Rente von rund 1700 Euro zu hoch ist, wurde der Antrag abgelehnt. Die Seniorin ist verzweifelt, sagt: „Ich weiß wirklich nicht mehr weiter.“

Die tz erkundigte sich beim Sozialreferat, wer alten Menschen hilft, wenn diese alleinstehend sind. „Wenn wir um Hilfe gefragt werden, sind wir in den Alten- und Servicezentren und den Sozialbürgerhäusern zur Stelle“, sagt Melanie Weindl, die im Amt für soziale Sicherung arbeitet und die Alten- und Servicezentren in der Stadt fachlich steuert. Es komme häufig vor, dass sich besorgte Nachbarn oder Bekannte von an Demenz erkrankten Senioren an die Stadt wenden. „Man braucht da keine Angst davor zu haben, dass man dem Betroffenen schadet. Wir werden nur tätig, wenn der Senior seine mündliche Einwilligung zur Hilfeleistung gibt.“ Über den Kopf von Betroffenen hinweg passiere nichts, es werde kein Zwang ausgeübt.

Franziska Becker gab ihre Einwilligung. Sie will sich helfen lassen und träumt davon, bald „ganz normal“ zu wohnen: mit Möbeln und einer Küche, am liebsten im Münchner Norden, wo sie Bekannte hat.

Hier gibt es Hilfe für Senioren

Für Menschen jeden Alters, die sich in einer gefährdenden Lebenslage befinden, sind die Sozialbürgerhäuser der Landeshauptstadt München die richtigen Ansprechpartner. Senioren können sich zudem an eines der 32 Alten- und Service-Zentren (ASZ) wenden. Diese sind ein Angebot der offenen Altenhilfe in München – sie sind regional im gesamten Stadtgebiet verteilt und bieten Beratung zu allen Fragen des Älterwerdens und eine Vielfalt von Begegnungsmöglichkeiten sowie Gruppen und Kursen. Die Besucherzahlen bewegen sich pro ASZ durchschnittlich zwischen 70 und 100 Personen täglich. Die ASZ sind sowohl präventiv wie auch bei bereits vorhandenem Hilfe- und Unterstützungsbedarf tätig. Neben der Beratung vermitteln die ASZ auch an andere Einrichtungen und Dienste. 

Die tz-Mietexperten

Schreiben Sie uns – die Spezialisten vom Mieterverein kümmern sich: Anja Franz, Mietrechts-Expertin, Stephan ­Immerfall, Leiter der Rechtsabteilung, und Vize-Geschäftsführerin Angela Lutz-Plank. 

Mail an lokales@tz.de

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