In der Lerchenau

Die nächste alte Siedlung bedroht: Der Eggarten soll umgepflügt werden

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Bedrohtes Idyll: Eine Neubebauung des Areals ist laut Verwaltung so gut wie sicher.

Die Kolonie Eggarten im Münchner Norden soll neu bebaut werden – Bürgerinitiativen schlagen deshalb Alarm. Der Bezirksausschuss fordert eine maßvolle Nachverdichtung und den Erhalt alter Siedlungsstrukturen. Anwohnerin Birgit Schmid klagt: „Die Eigentümer lassen uns gerade ausbluten.“

München - Bleiben wird sie nicht. Nicht in ihrer jetzigen Form. München braucht neuen Wohnraum. Und die Kolonie Eggarten südlich des Lerchenauer Sees ist nur dünn besiedelt und daher in den Augen der Stadtplaner als Bauland gut geeignet. In einem Beschlussentwurf hat das Münchner Planungsreferat nun bekannt gegeben, dass es mit den Grundstückseigentümern, der CA Immo und der Büschl-Gruppe, ein Strukturkonzept für die Kolonie erarbeiten will. Darin soll auch der Naturschutz berücksichtigt werden.

In der Bürgerversammlung allerdings hatten die Bewohner Feldmoching-Hasenbergls gefordert, dass der Eggarten in seiner jetzigen Form erhalten bleibt. Dieser Wunsch wird ein Traum bleiben. Eine Neubebauung des Areals ist laut Verwaltung so gut wie sicher, die Frage ist nur, wann. Der Bezirksausschuss (BA) Feldmoching-Hasenbergl ist zwar nicht grundsätzlich dagegen, doch hat er den neuen Beschlussentwurf des Planungsreferats abgelehnt. Der BA fordert unter anderem, dass der alte Baumbestand sowie Teile der bestehenden Bebauung erhalten bleiben. Zudem sollen die neue Siedlung auf Basis alter Strukturen entwickelt und die Bürger in Form von Workshops beteiligt werden.

Ein nostalgisches Paradies, eine Ruheoase in der Stadt

Der Eggarten war früher Teil der Wittelsbacher Fasanerie, in den 20er-Jahren dann eine Arbeiter- und Handwerker-, nach dem Zweiten Weltkrieg eine Eisenbahnerkolonie. Heute wirkt er wie ein nostalgisches Paradies, eine Ruheoase in der Stadt. Aktuell stehen auf den einst 84 Parzellen etwa 20 Häuser. Der Rest liegt brach oder wird als Kleingartenanlage genutzt. Während die Hausgrundstücke der Büschl-Gruppe gehören, stehen die Kleingärten im Eigentum der CA Immo. Die Unternehmen haben eine gemeinsame Entwicklungsgesellschaft für die Siedlung gegründet. Doch können sie nicht wirklich planen, denn in einigen der Häuser leben bis heute Menschen. Viele der älteren Anrainer genießen sogar Wohnrecht auf Lebenszeit.

In seinem Beschlussentwurf gibt das Planungsreferat an, dass – nach Angabe der beiden Firmen – „mit den Bestandsmietverhältnissen einvernehmliche und sozial verträgliche Lösungen gesucht“ werden.

Seit 30 Jahren ist Birgit Schmid  Mieterin im Eggarten – jetzt ist ihr Idyll akut bedroht.

Birgit Schmid, seit 30 Jahren Mieterin im Eggarten, ist eine von ihnen. Und sie weiß anderes zu berichten. „Das sind Immobilienleute hoch zehn. Die würden den alten Leuten noch nicht mal eine Wohnung zur Verfügung stellen oder eine Zwischenfinanzierung übernehmen, etwa bei älteren Damen mit geringer Rente. Ich habe das gegenüber dem Vermieter schon mal angesprochen. Da hieß es: Nein, eine Wohnung könnten sie in solchen Fällen nicht zur Verfügung stellen.“

„Er ist mein Herz, ich kämpfe bis zum Schluss“

Schmid selbst genießt zwar kein lebenslanges Wohnrecht, ist dem Eggarten aber eng verbunden. „Er ist mein Herz, ich kämpfe bis zum Schluss“, sagt sie. Sollte die Kolonie einmal geräumt werden, würde sie München wahrscheinlich verlassen. Aktuell sei die Lage zwar ruhig, doch überlege sie sich sehr genau, ob sich eine Renovierung an ihrem Haus noch lohne.

Als die CA Immo im Nachbargarten Bäume fällen ließ, kamen ihr die Tränen. „Dort standen auch Bienenkörbe. Dem Imker sind ein paar Völker gestorben.“ Sie befürchtet, dass die Grundstückseigentümer aus dem Eggarten eine Geisterstadt machen, die Siedlung ausbluten lassen, bis keiner mehr da ist. „Kündigen können sie nur, wenn sie Baugenehmigungen haben. Deswegen wollen sie die Leute mit Abfindungen raushaben.“ Schon aktuell herrsche vor Ort eine unheimliche, verlassene Stimmung. Beim Nachbarn verschwänden Dinge aus dem Garten. Bei Schmids selbst würden immer wieder Radreifen zerstochen. „Früher habe ich nie das Gartentor abgeschlossen, jetzt schon.“

„Der Eggarten ist kein Acker, sondern historisches Gebiet“

Der Zustand des Eggartens macht auch den Altstadtfreunden München und der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Münchner Norden“ Sorgen. Beide fordern den Erhalt des „einzigartigen Siedlungsgebiets, in dem die Zeit stehen geblieben ist“, wie es Martin Schreck von den Altstadtfreunden formuliert. „Der Eggarten ist kein Acker, sondern historisches Gebiet, das der Nachwelt Wohn- und Lebensformen aus längst vergangenen Zeiten aufzeigt.“ Ob er dies noch lange tut, ist ungewiss.

Erst kürzlich hatte der brachiale Abriss eines Siedlungshäusls in Obergiesing für Wirbel gesorgt. Lesen Sie auch: Nach illegalem Abriss in Obergiesing: Ist die ganze Siedlung in Gefahr?

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

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