Philipp Lahm ist Fußballer des Jahres

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Bub stürzte aus zehn Metern in den Tod

Angelo! Ein Engel, der nur zwei Jahre lebte

Der kleine Angelo wurde auch Bubu genannt.

München - Anfang Januar stürzte der kleine Angelo (2) aus zehn Metern höhe in die Tiefe - und erlag kurz darauf seinen schweren Verletzungen. Die Familie steht in der Trauer eng zusammen.

Steckdosen- und Tischkantenschutz, Türsperren und Schaumstoff für scharfe Ecken, sogar die Glas-Vitrine wurde vorsichtshalber abgebaut – an alles hatte der stolze Großvater gedacht, um die Wohnung für sein erstes Enkelchen Angelo (2) kindersicher zu machen. Nur die Fensterschlösser – die hatte er nicht angebracht. „Ich mache mir solche Vorwürfe“, sagt er. Doch wer könnte sich anmaßen, in einer solch tragischen Verkettung unglücklicher Umstände irgendeine Schuldzuweisung auszusprechen?

Sie sind noch enger zusammengerückt in diesen schweren Tagen. Der erwachende Frühling, die Sonne, das bunte Leben – das alles findet gerade jenseits der geschlossenen Vorhänge in der Familien-Siedlung an der Panzerwiese (Hasenbergl) statt. Im Halbdunkeln sitzen sie oft zusammen auf dem großen Sofa. Angelos Mutter Irene (22), ihre jüngeren Geschwister Simona (16) und Mike (18) mit ihren Eltern Tanja (39) und Johann H. (44). Jeder für sich mit seinen Gedanken und Erinnerungen. Und doch fest verbunden in der Trauer. Denn einer fehlt. Der kleine Angelo – liebevoll „Bubu“ genannt – ist tot. Am 3. März gegen 15 Uhr erwachte er aus seinem Mittagsschläfchen, stand ganz leise auf, kletterte auf sein heißgeliebtes Audi-Tretauto und erreichte auf diese Weise den Fenstergriff. Ein Familienmitglied, das an diesem Mittag ein paar Stunden auf Angelo in der Wohnung aufgepasst und ihn nach dem Essen schlafen gelegt hatte, war ahnungslos. Das Fenster ging leicht auf, schon krabbelte Bubu hinaus auf das Flachdach. Von dort stürzte das Kind zehn Meter tief hinab auf den Walter-Sedlmayr-Platz.

Vom 3. Stock dieser Wohnanlage am Walter-Sedlmayr-Platz in Feldmoching stürzte Angelo zehn Meter in die Tiefe.

Zwei Tage lang kämpften die Ärzte um das Leben des Kindes. Dann gab es keine Hoffnung mehr, sein Hirn war bereits tot. Angelos Leben hing nur noch an Maschinen. „Die Ärzte haben uns darauf vorbereitet, Abschied zu nehmen.“ Es war, als ob es Bubu seinen Liebsten leicht machen wollte. „Ich bin mir ganz sicher, dass er mir noch einmal zuzwinkerte“, sagt seine Mutter Irene. „Als ob er sagen wollte: ,Es ist gut. Lasst mich gehen.’“ Und auch die Großeltern, die viele Stunden lang seine Händchen und Füßchen hielten, sind sich sicher: „Er hat gewusst, dass wir bei ihm sind.“ Am 5. März starb Bubu. Die Oma hat noch einmal seine Haut eingeölt, ihm seinen Lieblings-Strampelanzug angezogen.

Alle Antennen der Familie sind seitdem auf Irene gerichtet, die noch immer unter Schock steht. An dem Tag, an dem Bubu verunglückte, hatte sie gerade erfahren, dass sie wieder schwanger ist. Dramatischer können Leben und Tod nicht zusammenspielen.

An ihrem 22. Geburtstag – dem 13. März – trug sie ihren Sohn auf dem Westfriedhof zu Grabe. „Ich wollte es so“, sagt sie tonlos. Sie wohnt zur Zeit bei ihren Eltern im Hasenbergl, sucht Schutz in ihrer großen, liebevollen Familie. Auch Irenes jüngere Schwester ist schwanger. Ihre eigene Wohnung am Walter-Sedlmayr-Platz hat sie seit dem Unglück nicht mehr betreten. Die Familie wird das Wohnungsamt bitten, Irene eine andere Bleibe zuzuweisen. „Im Erdgeschoss, wenn es möglich wäre“, lautet ihr Wunsch.

Fast alle Gespräche in diesen Tagen drehen sich um Bubu. Kerzen brennen, Fotos werden herumgereicht. Bubu in der Badewanne, Bubu im Kinderwagen, das erste Zähnchen, seine liebsten Spielzeuge. Sein handgenähtes Kuschel-Bärchen von der Oma und immer wieder sein hinreißendes Lachen. „Er war unser Leben“, sagt der Opa. „Wir sind froh, dass wir sein ganzes Leben in Fotos dokumentiert haben.“ Irene vergräbt ihr Gesicht in Bubus Riesen-Plüschbären: „Sie sucht seinen Duft“, sagt ihre Mutter unter Tränen. „Man fühlt sich so hilflos.“

In ihrer Trauer denken die H.‘s dennoch dankbar an all jene, die ihnen beistanden. An die Ärzte, Schwestern und Pfleger im Krankenhaus, die sich rund um die Uhr mit großem Einfühlungsvermögen um Bubu und seine Angehörigen kümmerten. An die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams, die der Familie H. in den bittersten Stunden ihres Lebens Tag und Nacht zur Seite standen. Johann H. war tief beeindruckt: „Ich habe nicht gewusst, dass es Menschen gibt, die so etwas ehrenamtlich neben ihrem Beruf machen.“

Auch die Anteilnahme der Nachbarn, der Freunde, der Psychologin und all der fremden Menschen, die ein Blümchen an der Unglücksstelle stelle niederlegen, beten oder eine Kerze anzünden, hat der Familie gut getan. Leider gab es auch einen ungeheuerlichen Zwischenfall: Der Porzellan­engel, den Tanja H. an der Unglücksstelle aufgestellt hatte, wurde gestohlen. „Das hat mich tief getroffen.“

Angelo wird für alle Zeit ein Teil der Familie sein. Zur Zeit sparen die H.‘s wo es geht. Irene wünscht sich so sehr einen großen Schutzengel aus Stein auf dem Grab ihres Kindes. Oder wenigstens eine Grabplatte mit einer Engel-Gravur – „weil er doch unser Angelo, unser Engel war.“

In aller Trauer versucht die Familie, nach vorne zu sehen, Kraft zu tanken – vor allem für die beiden Mädchen. In einigen Monaten schon werden Irene und ihre Schwester im Abstand weniger Tage ihre Babys zur Welt bringen. Zwei neue Leben. Neue Hoffnung, Neues Glück.

Dorita Plange

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