Er lernte mit 25 Jahren schreiben

Ex-Analphabet schreibt jetzt Bücher

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Tim Thilo Fellmer war bis ins Erwachsenenalter Analphabet . In der tz spricht er über die furchtbaren Ängste und Selbstzweifel – und wie er sie besiegte.

München - Bis Mitte 20 hat der Frankfurter Tim Thilo Fellmer nie richtig lesen und schreiben gelernt. Und heute? Heute schreibt er Bücher.

Tim Fellner ist mit 44 Jahren Kinder- und Jugendbuchautor, Verleger und Kämpfer gegen Analphabetismus in der ganzen Republik. Wir trafen den Mann im Rahmen der Gasteig-Ausstellung zum Thema (siehe Kasten).

Der Teufelskreis begann in der Grundschule. Die Lehrer schafften es nicht, Tim das Lesen beizubringen. Der Alltag gestaltete sich von da an extrem schwierig. „Der Aufwand ist viel größer, zurechtzukommen“, sagt Fellmer. Er erinnert sich an viele Tricks, mit denen er sich durchs Leben schmuggelte. In der Hauptschulzeit erledigten viele für ihn seine Hausaufgaben – oder er schaute ab. „Man fängt an zu lügen, um sich aus der prekären Lage zu winden.“

So legte er beispielsweise einen Arm in eine Schlinge oder gab vor, Brillenträger zu sein. „Damals verlor ich immer mehr den Glauben an mich. Ich fühlte mich dumm und war mir sicher, nie mehr Lesen und Schreiben zu lernen.“ Ein ständiges Gefühl des „Versagens und Nichtschaffens“ umgab ihn. Nach zweimaligem Wiederholen und mogelte er sich durch die Hauptschule.

Die erste Euphorie danach war schnell dahin. Es folgte blanke Zukunftsangst. Fellmer probierte viele Berufe, machte eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker. Bald wurde jedoch, „der „Leidensdruck zu stark“ – und er entschied, sich und dem Lesen und Schreiben noch eine Chance zu geben. Mit Mitte 20 meldete er sich zum ersten Alphabetisierungskurs bei einer Volkshochschule an. Der Beginn eines über zehnjährigen Kampfes, den er erfolgreich meisterte.

In dieser Zeit begann er Kinderbücher zu schreiben. Diese Leidenschaft ist bis heute geblieben. Er liebt es, „die Kinder von meinen Geschichten zu begeistern“. Heute ist er ausgeglichen und glücklich. „Das ist eine ganz andere Lebensqualität, ich kann ein selbstbestimmteres Leben führen.“

Der Teufelskreis ist durchbrochen.

Die Ausstellung im Gasteig

Die Analphabetismus-Plakat-Aktion in und um München hat einen handefesten Grund: In Deutschland gibt es mehr als 7,5 Millionen erwachsene Menschen, die nicht lesen und schreiben können – 14 Prozent der Gesamtbevölkerung, auf Bayern bezogen wären das knapp eine Million Betroffene.

Das ist das Resultat einer Studie der Universität Hamburg. Noch bis Sonntag kann man sich im Gasteig (Black Box) näher zum Thema informieren, etwa per Videos. Kursleiter und Mitarbeiter bayerischer Volkshochschulen betreuen die Schau von 10 bis 16 Uhr, Eintritt frei.

A. Plitt

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