Influenza-Welle angerollt

Fiese Grippe legt München flach - Impfung hilft kaum

Prof. Vogel hört Peter Behrends ab, der sich trotz Impfung infiziert hat.

München - Einige Winter hat sie uns verschont, jetzt schlägt die gefährliche Grippe wieder zu: „Die Influenza-Saison ist in vollem Gange!“, warnt das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).

Besonders der Landeshauptstadt hat sie schon einen Fieberschub verpasst. „Wir haben die Grippe seit vergangener Woche“, bestätigt der Münchner Infektiologe Dr. Nikolaus Frühwein. Und zwar heuer durch ein besonders bedrohliches Influenza-Virus!

Der Infektiologe Dr. Nikolaus Frühwein warnt.

In der zweiten Januar-Woche ging alles los: Seitdem baut sich die Welle auf, melden die Influenza-Experten im Robert-Koch-Institut (RKI). Seitdem steigt die Zahl der Infizierten. In der letzten Januar-Woche kamen in Bayern laut RKI schon über 1000 neue Virusnachweise hinzu. In der vergangenen Woche sind schon rund 1200 verzeichnet, obwohl die Erfassung noch läuft. Die Dunkelziffer ist groß, aus der Statistik kristallisiert sich möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs heraus. Die Grippe-Karte des RKI zeigt: München und das südliche Oberbayern sind Brennpunkte – es gibt viele Fälle mit „stark erhöhter Aktivität von Atemwegserkrankungen“.

Der gefährliche Grippevirus H3N2.

Die echte Influenza ist nicht mit einem grippalen Infekt zu verwechseln: „Die Symptome kommen wie aus dem Nichts“, sagt Dr. Frühwein. Heuer beobachtet er nicht immer ein extremes Fieber, dafür wochenlanger trockener Reizhusten. Immer leiden die Kranken unter starken Kopf- und Gliederschmerzen – sie fühlen sich tagelang völlig fertig. Das Influenza-Virus verändert sich ständig. Heuer grassiert vor allem der Typ H3N2. Dieser Erreger sei seit 2000 für die drei Grippewellen mit den meisten Todesopfern verantwortlich. Statistisch errechnete das RKI in den vergangenen Jahren bis zu 24.000 Tote durch die Influenza in Deutschland.

Was H3N2 heuer erst recht gefährlich macht: „Die Impfung wirkt nicht so, wie wir es gerne hätten“, sagt Dr. Frühwein. Geimpfte können sich trotzdem infizieren (siehe unten)! Weil bei ihnen aber die Symptome nicht so stark ausfielen, könne sich die Spritze immer noch lohnen.

"Mich hat's trotz Impfung erwischt!

Peter Behrends (51) aus München ist ein vorbildlicher Patient. Er geht regelmäßig zur Grippeschutzimpfung – und zwar mit der ganzen Familie. „Damit sind wir immer gut gefahren, wir waren im Winter kaum mehr ernsthaft krank“, erzählt der zweifache Familienvater. Aber heuer erwischte es ihn trotz Impfung – und seine Frau gleich mit. „Die Influenza kam schleichend, erst hatte ich nur etwas Husten. Ich bin von einer normalen Erkältung ausgegangen“, erzählt Behrends, während er sich von Prof. Vogel abhören lässt (siehe Foto oben). „Doch dann kamen Fieber und Schweißausbrüche dazu.“ Allerdings, so Behrends, habe er heuer nicht so heftig unter der Grippe gelitten wie vor sieben Jahren, als er schon mal daran erkrankt war. „Also scheint die Impfung zumindest ein bisschen was gebracht zu haben. Ich gehe nächsten Herbst wieder hin!“

In der Nacht hatte ich plötzlich 39 Grad Fieber

Praxisleiterin Charlotte Komm nimmt einen Nasenabstrich bei Ralph vor.

Pulverschnee, Sonne satt – verständlich, dass ein bisserl Husten und leichte Halsschmerzen Ralph Unterholzer (12) nicht vom Skifahren abhalten konnten. „Auf der Piste ging’s mir noch ganz gut“, erzählt der Schüler aus Mühldorf, „aber dann bin ich nachts plötzlich schweißgebadet aufgewacht. Ich hatte 39 Grad Fieber.“ Montag ging’s dann zur Untersuchung zu Prof. Vogel (hier nimmt Praxisleiterin Charlotte Komm gerade einen Nasenabstrich vor). Diagnose: Influenza. Jetzt darf Ralph erstmal nicht in die Schule. Aber das kann er vermutlich eher verschmerzen als die fiesen Grippe-Symptome...

Jeder zweite Erkrankte ist geimpft

Damit rechnen die wenigsten Patienten: Im Herbst sind sie extra noch brav zur Grippeschutzimpfung gegangen – und jetzt liegen sie trotzdem mit einer Influenza flach. So ergeht es derzeit ungewöhnlich vielen Münchnern. Im tz-Interview analysiert der erfahrene Münchner Internist Professor Dr. Georg E. Vogel die Ausnahme-Situation.

Herr Professor Vogel, wievielen Patienten müssen Sie gerade erklären, dass die Impfung für die Katz war?

Prof. Dr. Georg E. Vogel: Meistens war die Impfung ja nicht ganz umsonst, weil sie den Verlauf der Influenza zumindest abschwächt. Außerdem klären wir unsere Patienten bereits vor der Impfung darüber auf, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gegen eine Ansteckung gibt. Aber man muss schon zugeben: Die geringe Wirksamkeit des diesjährigen Impfstoffs in der Breite hat uns kalt erwischt. In unserer Praxis ist derzeit mindestens jeder zweite Influenza-Patient trotz Impfung erkrankt. Eine so hohe Ausfall-Quote habe ich noch nie erlebt.

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Prof. Vogel: Die Influenza wird durch verschiedene Virentypen ausgelöst, die sich permanent genetisch verändern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sammelt darüber Daten, wertet diese aus und entwickelt eine Empfehlung für die Impfstoff-Kombination. In dieser Grippesaison ist die Strategie der WHO nicht aufgegangen.

Welche Folgen hat das?

Prof. Vogel: Viele geimpfte Patienten sind verunsichert. Sie gehen erst spät oder gar nicht zum Arzt – im Irrglauben, dass sie sich nur eine harmlose Erkältung eingefangen haben können. Dieses Zögern kann fatal sein, denn im Frühstadium lässt sich die Influenza praktisch noch im Keim ersticken. Deshalb gilt: Bei Fieber deutlich über 38 Grad, plötzlichem Leistungsabfall oder ständigen Schweißausbrüchen sollte man schnell zum Arzt gehen – ob man geimpft ist oder nicht.

David Costanzo/Andreas Beez

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