Fachkreise begeistert

Der flexible Balkon: Münchner Architekte begeistern mit dieser Idee

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Drinnen oder draußen sitzen? Die Idee von flissade ist, den Balkon hinter die Fassade zu verlegen. Ein System ausleicht versetzbaren Glasflügeln sorgt für flexible Raumgestaltungsmöglichkeiten.

Zwei Münchner wandeln Wohnraum mit beweglichen Glasflügeln in Freisitze um - und bekommen viele Preise dafür.

Im Winter trägt die Stadt Trauer. So empfinden Lisbeth Fischbacher und Daniel Hoheneder den Anblick der verwaisten Balkone, auf denen neben einem Bierkasten höchstens noch ein paar welkende Blumen vor sich hindümpeln. Deswegen haben die beiden Münchner Architekten eine Lösung entwickelt, die den Raum in allen Jahreszeiten nutzbar macht. Eine Chimäre aus Balkon und Loggia, die je nach Bedarf und Wetter gewandelt werden kann. Damit möchten die beiden so revolutionär wie die Einbauküche werden, die vor knapp 100 Jahren erfunden wurde und die Küche von Grund auf verändert hat.

Über einen Hinterhof gelangt man in das Gebäude an der Schwindstraße 5, Dort, tief in der Maxvorstadt, hat die flissade GmbH ihren Sitz. Die ehemalige Druckerei versprüht heute Start-up-Flair: Ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit hohen Decken und Betonwänden. In einer Ecke steht ein Prototyp der Erfindung. Etwa vier mal vier Meter, mit einem großen Tisch in der Mitte. Der Raum wirkt wie ein Wintergarten ohne Eingangstür und mit Blick in den Hinterhof.

Auf Schienen können die Elemente je nach Bedarf direkt an der Fassade platziert werden...

Fischbacher und Hoheneder wirken ein wenig aufgeregt, als sie in dem kleinen Raum stehen. Beide haben an der Technischen Universität München Architektur studiert. Dort hatte auch ihr Projekt seinen Anfang. Die Aufgabe damals lautete: Räume energieeffizenter nutzen. Dafür sollten Balkone verschwinden, die Wärme und damit Energie verschwenden.

Die Idee der Architekten

Die Idee der beiden: Den Balkon hinter die Fassade verlegen. Und damit dort kein Platz vergeudet wird, sorgt ein System aus Schienen dafür, die Fenster je nach Bedarf direkt an der Fassade oder tiefer im Gebäude zu parken, oder für kompletten Durchzug zu sorgen. „Wenn man im Sommer abends mit Freunden auf dem Balkon sitzt, braucht nur einer aufzustehen, die Elemente zu verschieben – und sofort sitzt man innen im Esszimmer“, erklärt Lisbeth Fischbacher. Für den Wechsel von Drinnen und Draußen muss der Raum eine Menge aushalten. Regen, Sonne, Schnee. „Hier kann ein Meter Schnee stehen“, sagt Daniel Hoheneder.

... oder tiefer im Gebäude, sodass ein überdachter Balkon entsteht (li.). Entwickelt hat die Idee das Münchner Architekten-Duo Lisbeth Fischbacher und Daniel Hoheneder.

Städte verändern sich, und nicht nur in München ist Wohnraum knapp. Durch Nachverdichtung und die Umwidmung von Bürogebäuden, die häufig keinen Balkon haben, sind viele Wohnungen klein oder bieten geringere Lebensqualität. Deshalb boomen neue Konzepte für Wohnraum. Geteilte Gemeinschaftsflächen, mobile Wohneinheiten oder die Möglichkeit, die Flächen zu verändern, liegen voll im Trend.

Auch die Idee des wandelbaren Balkons kommt gut an, zumindest in Fachkreisen. Innovationspreis Bayern, Münchner und Bayerischer Gründerpreis, DETAIL-Produktpreis – die flissade-Macher haben schon einige Auszeichnungen eingeheimst. Dazu Förderungen vom Bund, der EU und dem Freistaat, die der jungen Firma helfen sollen. Mehrere Angestellte beschäftigen Hoheneder und Fischbacher inzwischen. Ein maßgefertigter Wohnbalkon der Münchner kostet je nach Größe mehrere tausend Euro. „Natürlich ist flissade bisher noch neu auf dem Markt und eher für größere Abnehmer wie Wohnungsbaugenossenschaften geeignet“, sagt Hoheneder. So wollen die Münchner Stadtwerke die Balkone kommendes Jahr bei einem Pilotprojekt in Neuhausen-Nymphenburg einbauen. Dafür arbeiten sie mit dem Südtiroler Fassadenbauunternehmen Frener & Reifer zusammen, die das System herstellt und verbaut. Für die Zukunft möchten die Gründer mit noch mehr Partnern kooperieren, die ihren Balkon fertigen und montieren. Außerdem soll die Produktionskette von der Planung bis zur Herstellung künftig möglichst digital ablaufen, wofür Hoheneder ein Planungsprogramm entwickelt hat, das Architekten verwenden können.

Ob und wann sich das alles einmal rechnet, ist noch nicht absehbar. An Selbstbewusstsein mangelt es den beiden Architekten freilich nicht. Wie der Wohnbalkon einst im Sprachgebrauch heißen wird, da ist sich Lisbeth Fischbacher schon sicher: „Irgendwann sagt man: Lass uns auf die Flissade gehen!“

von Tarek Barkouni

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