Ministerium schiebt ab

Flüchtlinge mit Jobs bangen um Bleibechancen

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Würde gern als Krankenschwester arbeiten: Maryam Mirzay, Versorgungsassistentin in der Schön-Klinik.

Sie wollen lernen, arbeiten, sich integrieren – doch vielen Flüchtlingen bleibt das verwehrt. Nach Weisungen des bayerischen Innenministeriums wird nur noch gefördert, wer gute Bleibechancen hat.

München - Stammen sie nicht aus einem der „Top 5“-Länder, in welche eine Rückkehr derzeit als zu unsicher gilt, haben Flüchtlinge schlechte Karten – egal wie gut ihre Chancen auf dem Münchner Arbeitsmarkt wären. Vergangene Woche hat OB Dieter Reiter (SPD) in einem Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) einen Kurswechsel gefordert. Der Bedarf an Fachkräften in und um München sei groß. Unternehmen seien trotz vieler Hürden bereit, Geflüchtete zu integrieren. Sechs Prozent aller Ausbildungsplätze seien von jungen Geflüchteten besetzt, Tendenz steigend.

Stadt, Arbeitsagentur, Jobcenter und Wirtschaftsverbände arbeiten seit Längerem zusammen, gut funktionierende Strukturen sind entstanden. Wie zum Beispiel das „Zentrum Flucht“ in der Arbeitsagentur, das Flüchtlinge bei der Arbeitssuche ebenso unterstützt wie Unternehmen, die Flüchtlinge beschäftigen wollen. Das Zentrum bietet berufsbezogene Deutschkurse an, Qualifizierungen und Praktika. Unter den Kooperationspartnern sind Dax-Unternehmen ebenso wie kleine Handwerksbetriebe. Die erste Bilanz: durchweg positiv. Erfolgsgeschichten gibt es einige, etwa die von Maryam Mirzay.

„In Deutschland hätten wir eine Chance“

Die 40-Jährige kam Mitte 2014 mit ihrem Mann und drei Kindern aus Pakistan. Wegen der Taliban fürchteten sie um ihr Leben. „In Deutschland hätten wir eine Chance, haben Bekannte erzählt“, sagt Mirzay. In ihrer Heimat hatte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, die jedoch in Deutschland nicht anerkannt wird. Doch sie ließ sich nicht unterkriegen. Mirzay besuchte einen Deutschkurs, machte ein Praktikum bei der Schön-Klinik. Ihre Deutschlehrerin stellte den Kontakt zum Zentrum Flucht her. Dort besuchte sie einen weiteren Deutschkurs, schaffte die Prüfung zum B1-Niveau. Über ein Förderprojekt nahm sie an weiteren Kursen teil, machte zwei Praktika, in einem Seniorenheim und erneut bei der Schön-Klinik. Dort war man so zufrieden mit der 40-Jährigen, dass man ihr einen Job als Versorgungsassistentin anbot. Nach sechs Monaten Probezeit ist ihr Arbeitsvertrag nun unbefristet. „Ich habe so viel Unterstützung erfahren, dafür bin ich so dankbar“, sagt sie.

Sie paukt weiter Deutsch. Im März steht die B2-Prüfung an – Voraussetzung für viele Jobs. Gerne möchte sie auch hier in München in ihrem gelernten Beruf arbeiten, dafür auch noch mal eine Ausbildung machen. Doch bisher ist unklar, ob sie bleiben kann. Auch Pakistan ist nicht unter den Top-5-Ländern. Das Asylverfahren läuft. Bisher wird ihre Aufenthaltsgenehmigung immer nur um sechs Monate verlängert. Jedesmal wieder müssen sie und ihre Familie bangen. Auch ihr Mann hat Arbeit gefunden. Ihr ältester Sohn besucht die Berufsschule, will eine Schreinerlehre machen. Die zwei jüngeren Kinder besuchen das Gymnasium, haben gute Noten. „In Pakistan hätten wir keine Zukunft“, sagt die Mutter.

Große Unsicherheit treibt die Menschen um

Die Unsicherheit teilt sie mit vielen, denen das Zentrum Flucht schon geholfen hat. 2016 organisierte es 35 Qualifizierungen, 36 Menschen begannen eine vom Zentrum begleitete Ausbildung, mehr als 50 schlossen eine Ausbildung ab, 165 fanden eine Arbeit. 109 Berufsintegrationsklassen sind in der Stadt entstanden, mit jeweils 20 Schülern – potenzielle Fachkräfte.

Doch vielen darf das Zentrum Flucht nicht mehr helfen. Nur Flüchtlinge aus dem Iran, Irak, aus Eritrea, Somalia und Syrien, die eine gute Bleibeperspektive haben, dürfen mit Unterstützung rechnen. Das Problem: Durch bürokratische Änderungen in der Zuweisung darf München seit Jahresbeginn von diesen Top-5-Ländern nur noch Menschen aus Somalia aufnehmen. „Die Zahl der Flüchtlinge, die wir unterstützen können, ist spürbar zurückgegangen“, sagt Anne Beck, Sprecherin der Arbeitsagentur.

„Die langjährige Erfahrung mit den Integrationsleistungen für Geflüchtete hat gezeigt, dass Zugang zu Bildung und Beschäftigung ein wesentliches Schlüsselelement für sozialen Frieden in der Stadtgesellschaft darstellt“, hat Reiter in seinem Brief geschrieben. Bleibt abzuwarten, ob seine Worte Gehör finden.

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