Ibrahim hat es geschafft

Ein syrischer Flüchtling erzählt: Unser langer Weg nach München

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Erleichtert und glücklich: Ibrahim (rechts) und sein Cousin Muhammd sind in München endlich in Sicherheit.

München - Ibrahim wollte nur weg vom Krieg und vom IS-Terror. Das hat er endlich geschafft. Der tz erzählt der Syrer die Geschichte seiner Flucht über 3300 Kilometer, die er mit Handy-Fotos dokumentiert hat.

Drei Wochen hat Ibrahim auf dem Boden geschlafen. Er hat wenig gegessen – und war oft durstig. Er hat sich die Füße wund gelaufen. Doch am Dienstagmittag auf dem Münchner Bahnhofplatz lächelt er unentwegt, strahlt Ehrenamtler und Polizisten an.

Ibrahim, der in Syrien kurz vor seinem Schulabschluss stand, und sein Cousin Muhammd (22), der Jura studieren will, kommen aus der Rebellenhochburg Homs, bedroht vom Islamischen Staat. Dies ist seine Geschichte, die er auf Englisch und mit Händen und Füßen erzählt:

Kein Schatten, kein Wasser: Das öde Niemandsland zwischen Griechenland und Mazedonien.

In der syrischen Wüste ist es heiß, verdammt heiß. Doch Ibrahim, Muhammd und ihre Gruppe von 54 Syrern sind noch kräftig. Zu Fuß und in Lastwagen schaffen sie es bis zu einem kleinen Boot, das sie über die Türkei nach Griechenland bringt. Von dort geht es weiter mit einer Fähre. An kahlen Orten in Griechenland und Mazedonien verbringen sie den größten Teil der Reise – zu Fuß geht’s bis nach Serbien. Am Tag ist es heiß, die Sonne brennt. „Unicef hat Wasser verteilt. Aber die Helfer hatten nicht genug“, sagt Ibrahim. In der Nacht ist es kalt, die Gruppe schläft auf dem Boden. Sie sind dem Wetter schutzlos ausgeliefert.

Erschöpft von tagelangen Fußmärschen durch Mazedonien ruhen sich die Männer auf dem Boden aus.

In Mazedonien erleben die Flüchtlinge die Hölle: Ein wenige Monate altes Baby stirbt. Jeder hat so viel Leid erfahren, kämpft mit Ängsten und Schmerzen und gegen den eigenen Körper: Doch der Tod des Kindes ist unerträglich. „Mazedonien, Serbien, Ungarn – das war die Hölle“, erzählt Ibrahim. Mazedonische Polizisten verprügeln seinen Cousin Muhammd. „Die Polizei ist verrückt“, sagt Ibrahim. Die Flüchtlinge setzen ihren Weg wie in Trance fort.

Flüchtlinge in Serbien: Von hier aus fliehen viele über die grüne ­Grenze nach ­Ungarn.

Was genau in Serbien passiert ist, erklärt Ibrahim mit dem immer gleichen Wort. „Mafia, Mafia, Mafia.“ So wie er es sagt – wütend und verächtlich – müssen die Flüchtlinge ausgenommen und gedemütigt worden sein. In Ungarn fahren die entkräfteten Männer mit einem Taxi zum Bahnhof in Budapest. Bis sie in München sind, können sie nicht glauben, dass die letzten 700 Kilometer so einfach sind.

„Deutschland ist freundlich und gut“, sagt Ibrahim und lächelt sein aufrichtiges Lächeln. Kurz bevor er in den Bus steigt, der ihn in eine Erstaufnahmeeinrichtung nach Straubing bringt, zeigt er noch ein Foto: Sein Bruder Nuretin (7) grinst da frech in die Kamera. Ihn, seine Schwester (21), ihr Baby und die Eltern hofft Ibrahim in drei Monaten hierher holen zu können. Man kann sich nicht ausmalen, wie er dann strahlen wird.

Jasmin Menrad

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