Sichtbarer werden

Flüchtlingshelfer wollen übergreifendes Bündnis gründen

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Tausende Münchner engagieren sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. 

Unter Münchner Flüchtlingshelfern rumort es. Während sie daran arbeiten, Geflüchtete in die Gesellschaft zu integrieren, scheint die politische Welt um sie herum oft unverständlich und unmenschlich zu agieren. Einige möchten sich jetzt neu organisieren und stärker einmischen. Heute Abend soll es losgehen.

München - Tausende Münchner engagieren sich seit Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Nun zeichnet sich frische Bewegung ab: Offenbar beginnen die Helferkreise, sich neu zu organisieren und zu konsolidieren. Ein Ziel könnte sein, eine von bestehenden Bündnissen und Parteien unabhängige Initiative zu bilden - gerade angesichts der Bundestagswahl im September. 

Für den 23. April ist eine „Vollversammlung“ aller für Flüchtlinge Engagierten auf dem Marienplatz geplant. Am heutigen Montagabend findet im Feierwerk ein erstes “Koordinierungstreffen” statt, zu dem alle Interessierten eingeladen sind (19 Uhr, Kranhalle, Hansastraße 39-41).

Offener Brief an alle Helferkreise

Thomas Lechner ist einer der zentralen Köpfe hinter der Bewegung. Der Flüchtlingshelfer, der hauptberuflich in der „Fachstelle Pop“ des Feierwerk arbeitet, hat kürzlich einen Offenen Brief an sämtliche Münchner Helferkreise verschickt. Darin beschreibt er persönlich, wie aus seiner Helfertätigkeit ein fester Wille erwachsen ist, sich politisch einzumischen: Lesen Sie Thomas Lechners Offenen Brief hier.

Lechner sagt, er habe schon viele positive Rückmeldungen erhalten. Mit seinem Brief scheint er vielen Leuten aus der Seele zu sprechen. Wie groß die Wut vieler Helfer ist, hat sich auch am vergangenen Samstag gezeigt, als mehr als 1000 Engagierte aus ganz Oberbayern bei einer Sternfahrt nach München kamen, um sich auszutauschen und an der Bavaria ein wirkmächtiges Protestfoto zu machen.

Geballter Frust: Unterhalb der Bavaria haben mehr als tausend Flüchtlingshelfer am Samstag gegen die bayerische Asylpolitik protestiert.

Ein weiterer zentraler Kopf der neuen Bewegung ist Marina Lessig, die unter anderem 2015 die Helfer am Hauptbahnhof koordiniert hat. Auch sie will die Münchner Szene gerne enger zusammenführen, wo es möglich und nötig ist. Auf den Helferlisten von damals hatten sich mehr als 5000 Menschen eingetragen - ein mögliches Potenzial der neuen Bewegung. Auch der Münchner Flüchtlingsrat unterstützt die Idee unter dem Motto: “Aufstand der Leisen – Sichtbar werden – Demokratie leben”.

Lesen Sie hier ein Interview mit Marina Lessing vom Oktober 2015: „Bringt Flüchtlinge wieder nach München“

„Demokratische Kräfte neu bündeln“

Lechner sagte gegenüber Münchner Merkur und tz, es gelte, gegen das Ohnmachtsgefühl anzugehen, das viele Menschen ergriffen habe angesichts vieler politischer Entwicklungen, darunter das Erstarken rechter Bewegungen. Die repräsentative Politik sei in der Krise, “weil die Politiker nicht mehr das Ohr bei den Leuten haben”, sagt er. “Die demokratischen Kräfte müssen neu gebündelt werden, in all ihrer Vielfalt.” In der Gesellschaft, allzu oft unter dem Radar der Politik, gebe es ungeheuer viel Solidarität.

Thomas Lechner ist einer der zentralen Köpfe hinter der Bewegung.

Um die Vielfalt soll es auch heute Abend gehen: Lechner will keine feste Richtung vorgeben, sondern die Leute erstmal diskutieren lassen. Vor allem soll es nicht nur um ein “Dagegen” gehen - sondern darum, konkrete Forderungen an die Politik zu entwickeln und die Versammlung am Marienplatz zu planen. Lechner sagt, er sei vor einigen Jahren in Spanien gewesen, als sich dort tausende Menschen auf öffentlichen Plätzen zusammenfanden, um gegen die Bankenpolitik zu demonstrieren und zu diskutieren: „Das hat mich tief beeindruckt.”

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