Flughafen-Ausbau: So denken die Anwohner

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Drehkreuz München: Momentan hat der Flughafen im Erdinger Moos zwei Startbahnen, eine dritte (rot markiert) soll Engpässe abzubauen helfen

München - Braucht der Münchner Flughafen eine dritte Startbahn? Die Frage erhitzt seit Jahren die Gemüter. Jetzt haben die Flughafen-Betreiber selbst eine Studie in den Umlandgemeinden in Auftrag gegeben: die Ergebnisse.

Der Bürger in der Flughafenregion reist selbst gern, fühlt sich wohl in seiner Heimat, befürchtet aber persönliche Nachteile, falls die dritte Startbahn gebaut wird: Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage in den direkten Anwohnergemeinden.

„Sind Sie gegen den Bau einer 3. Startbahn?“ Nein, diese Kernfrage wurde im Flughafenumland nicht gestellt. Zumindest nicht so direkt. „Weil dann wahrscheinlich ein Großteil Nein gesagt hätte“, meint Rudolf Strehle, Umland-Beauftragter der Flughafen München GmbH (FMG), zur Umfrage. Also fragte das damit beauftragte Institut: „Erwarten Sie für sich persönlich durch den Ausbau des Flughafens eher Vor- oder Nachteile?“ Das Ergebnis: 48 Prozent der Befragten glauben, dass die dritte Bahn eher Nachteile bringe, 21 Prozent rechnen sich Vorteile aus. Der Rest wollte sich nicht festlegen.

Das war aber auch schon der schlechteste Wert, den Michael Kerkloh am Montag vorlesen musste. Der Flughafenchef stellte die Ergebnisse der repräsentativen Bevölkerungsumfrage vor, die das Institut TNS infratest im Auftrag der FMG zwischen 24. September und 28. Oktober durchgeführt hatte. 2073 Menschen in 38 Gemeinden rund um den Flughafen wurden jeweils rund eine halbe Stunde lang interviewt. Das sind 17 Kommunen mehr als bei der Akzeptanzanalyse im Jahr 2003.

Der neuen Untersuchung zufolge beurteilen 74 Prozent der Bevölkerung im Landkreis Freising die persönlichen Auswirkungen positiv. „Im Landkreis Erding sind es sogar 85 Prozent“, sagte Kerkloh. Eittings Bürgermeister Georg Wiester erklärt sich diesen hohen Wert damit, „dass diesmal vom Flughafen weiter entfernte Gemeinden mit in die Befragung aufgenommen wurden“. In Eitting würden sich höchstens zehn Prozent pro Airport aussprechen. „Etwas verhaltener“, so berichtete Kerkloh, hätten die Befragten geurteilt, wenn es um die künftige Flughafenentwicklung ging. So erwarten 56 Prozent der Bürger weiterhin positive Auswirkungen für sich persönlich und 62 Prozent Vorteile für die Region. Die Mehrheit der Befragten befürworte auch die Weiterentwicklung des Airports zu einem internationalen Drehkreuz. Demnach sehen 61 Prozent der Bürger persönliche Vorteile, 72 Prozent Chancen für die gesamte Region. Neun von zehn Befragten glauben, dass der Drehkreuzbetrieb Bayerns Wirtschaft zugute komme. Erfreut zeigte sich Kerkloh über die hohe Verbundenheit der Bürger mit ihrer Region. „91 Prozent der Befragten bejahten die Frage, ob sie gerne in dieser Region leben. Das sind drei Prozent mehr als bei einer Vorläuferuntersuchung aus dem Jahr 2003.“

Und noch mal zur Startbahn: Diese, so las Kerkloh aus der Studie, „wird nach Einschätzung von fast 90 Prozent der Bevölkerung gebaut werden, wobei allerdings die Hälfte der Befragten mit einem verzögerten Baubeginn (geplant ist 2013) rechnet“.

Dieter Priglmeir

Pro

- Auf den bestehenden Bahnen kommt es zu Engpässen. Pro Stunde können maximal 90 Flugzeuge starten oder landen. Mit einer dritten Startbahn wären 120 Flüge möglich.

- Der Münchner Flughafen entwickelt sich zum Knotenpunkt. Fluglinien werden gebündelt, so dass weniger Verbindungen notwendig sind. Dafür braucht es Zubringerflüge. „Terminal 2 wird schon jetzt zum Umsteigen genutzt“, so Flughafensprecher Robert Wilhelm. 2015 eröffnet der „Satellit“, ein weiteres Abfertigungsgebäude.

- Die dritte Bahn schafft Arbeitsplätze. 30 000 Beschäftigte sind derzeit am Flughafen tätig. Für jede Million zusätzliche Fluggäste pro Jahr entstanden rund 900 Arbeitsplätze. Mit der neuen Startbahn könnten die Passagierzahlen bis 2025 von 34 Millionen auf 58 Millionen steigen.

- Die Attraktivität der Wirtschaftsregion hängt von der Infrastruktur und der Anbindung an die Weltmärkte ab. Besonders die Interkontinentalverbindungen müssen ausgebaut werden, damit sich Unternehmen hier niederlassen. Bayern ist ein beliebtes Urlaubsziel. Viele verdienen ihren Lebensunterhalt im Tourismusbereich. Die dritte Startbahn festigt die Stellung als Tourismusregion.

Contra

- Der Bau ist sinnlos. Dass die Passagierzahlen steigen, liegt nicht an mehr Abflügen, sondern an den größeren Maschinen, mit denen die Flug­gäste transportiert werden. München soll zu einem Transitflug­hafen ausgebaut werden. „Aber Umsteiger bringen Bayern nichts. Die lassen kein Geld hier, nur Abgase“, sagt Hartmut Binner von der Bürgerinitiative Aufgemuckt.

- Die Kosten würden sich auf drei Milliarden Euro belaufen – voraussichtlich. Dabei sind noch nicht einmal die derzeitigen Schulden des Flughafens abbezahlt.

- Ein Stadtteil von Freising (Attaching) muss abgesiedelt werden. Das betrifft etwa 200 bis 300 Menschen, bei deren Häusern der Schallpegel auf über 70 Dezibel steigen wird.

- Das Gesundheits­risiko steigt. Eine Studie über die Anwohner am Flughafen Köln belegt, dass ab einem nächtlichen Dauerschallpegel von 53 Dezibel das Schlaganfallrisiko bei Frauen über 40 um 122 Prozent steigt. Laut Aufgemuckt wurde auch der erste Fall von Krebs gemeldet, der durch die Umweltbelastung des Flughafens verursacht wurde. Die Umweltbelastung wird weiter steigen. Der Flugverkehr trägt weltweit mit neun Prozent zum Klimawandel bei – Tendenz steigend.

Zahlen und Fakten aus dem Airport-Jahresbericht 2010

Passagier-Aufkommen 34 742 222
Ranking bei Passagierflügen in Europa / Deutschland 7 /2 (hinter Frankfurt)
Flugzeugbewegungen 389 939
Cargo (geflogene Luftfracht und Luftpost) 286 830 Tonnen
Regelmäßig angeflogene Länder 69
Angeflogene Städte weltweit 242
Fluggesellschaften am Airport 100
Gesamtverkehr am verkehrsreichsten Tag (10.9.) 1291 Starts und Landungen
Passagiere im Verkehrsreichsten Monat September 3 488 499
Durchschnittlich an einem Tag abgefertigte Passagiere 95 128

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