Der Todesflug!

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Die Martin-Greif-Straße – ein Trümmerfeld.

München - Am Freitag jährt sich zum 50. Mal die größte Katastrophe, die München seit Ende des Zweiten Weltkrieges erschüttert hat: Der Absturz eines Kurier-Flugzeuges der US-Luftwaffe nahe der ­Theresienwiese.

 Er forderte 52 Menschenleben. Der Münchner Dokumentarfilmer Edwin Bude und tz-Reporter Johannes Welte begaben sich auf Spurensuche und sprachen mit Zeugen der Tragödie, die sich nur knapp drei ­Jahre nach dem Absturz des Manchester-United-Fluges in Riem ereignete.

Es war ein trüber Tag, als die vollgetankte Convair C 131 D Samaritan am alten Flughafen in Riem mit ihren knapp 5000 PS zum Start rollte. Die Lufthansa-Maschinen blieben wegen schlechter Sicht am Boden, doch das Kurierflugzeug der US Army war auf dem Weg nach Northolt bei London. An Bord waren neben der siebenköpfigen Besatzung 14 Passagiere: Studenten, die die Weihnachtsfeiertage in London verbringen wollten.

Bilder des Absturzes

Vor 50 Jahren: Flugzeugabsturz in München

Die Unglücksstelle

Es sind fünf Mädchen und sieben Burschen zwischen 17 und 18 Jahren, unter ihnen ist John K. Connery (18), der Sohn des Piloten Major John Connery (40), der die Gruppe eingeladen hatte. Sie sind Schüler der Münchner Maryland-Universität, einer Einrichtung für Kinder von US-Armeeangehörigen. Am Flughafen ist auch der Lufthansa-Abfertiger Gottfried Niedermaier (heute 79): „Der Motor ist vier mal nach dem Anlassen wieder ausgegangen“, erinnert sich der Anzinger. „Beim fünften ist er dann gelaufen.“

Dann rollt die Maschine zur Startbahn und hebt um 14.05 Uhr Richtung Westen ab. „Schon nach rund drei Kilometern setzte das linke Triebwerk wieder aus“, so Niedermaier. Der Pilot versuchte Höhe zu gewinnen, damit er wieder umkehren kann. Über der Theresienwiese versuchte der Pilot, eine Rechtskurve zu fliegen, um wieder nach Riem zurückzukehren. An der 97 Meter hohen Turmspitze der Paulskirche blieb er mit der rechten Tragfläche hängen. Niedermaier: „Offenbar hat er sie im Nebel nicht gesehen.“ Um 14.09 Uhr stürzte die Convair auf der Martin-Greif-Straße auf einen Straßenbahnzug der Linie 10, der gerade Richtung Ganghoferstraße fuhr. 5000 Liter Flugbenzin entzündeten sich in Bruchteilen von Sekunden und verwandelten die Absturzstelle in eine Flammenhölle.

„Die Stichflamme schoss weit über die Dächer von St. Paul hinaus, sie muss 60 Meter hoch gewsen sein“, erinnert sich der Kirchenarchivar von St. Paul, Alois Lankes (80). „Feuerwehr und Polizei kamen mit brennenden Reifen an, weil sie durch das brennende Flugbenzin fahren mussten.“ Verzweifelt versuchten 120 Berufsfeuerwehrmänner zu verhindern, dass die damalige Tankstelle an der Martin-Greif-Straße von den Flammen erreicht wurde – mit Erfolg. „Das hätte sonst ein noch viel größeres Inferno gegeben“, so Lankes.

Doch für alle 20 Insassen des Flugzeugs und 32 Menschen in der Tram kam jede Hilfe zu spät – sie verbrannten bis zur Unkenntlichkeit. „Ich dachte mir nur: Oh Gott die armen Leute. Man hatte einen Kloß im Hals vor Trauer, dass man die Leute nicht herausbringen kann,“ so Helmut Würz (77), der damals als Bundeswehrsoldat auf dem Heimweg durch die Bayerstraße lief.

Die schlimmsten Flugzeug-Katastrophen

Die schlimmsten Flugzeugabstürze

Er überlebte das Inferno schwer verletzt

Einer der letzten, der bei der Tragödie dem Tod von der Schippe sprang, ist Manfred Hoch (68). Der damalige Optiker-Lehrling rannte vom Stachus bis zum Hauptbahnhof der Tram hinterher. „Ich sprang auf die fahrende Tram auf und ahnte nicht, dass das mein Leben verändern würde.“

An der Martin-Greif-Straße traf das Flugzeug den hinteren Waggon wie aus heiterem Himmel. „Die Tram stand sofort in Flammen, die Leute sind von der Hitze im Stehen bewusstlos geworden.“ Dem Umstand, dass er ganz hinten stand und man die Tramtüren mit der Hand öffnen konnte, verdankt Hoch sein Leben. Als lebende Fackel sprang er aus der Bahn und wälzte sich im Schnee. „Mein brennendes Haar hat gezischt.“

Manfred und Bärbel Hoch mit seiner Armbanduhr, die beim Absturz stehen blieb

Ein Autofahrer brachte Hoch in die Klinik an der Nußbaumstraße, mit 40 Prozent verbrannter Haut. Es grenzt an ein Wunder, dass er überlebte. „Ich stand zwei Monate auf der Kippe, wurde künstlich ernährt.“ Nach fünf Monaten durfte er die Klinik verlassen, bis 1993 gab es aber noch 36 Operationen, bis Gesicht und Hände wieder in Form gebracht worden waren. Sieben Jahre lang kämpfte Hoch mit dem Versorgungsamt um 25 000 Euro Schmerzengeld. Dabei hatte auch die Seele gelitten.

„Er trank, als ich ihn als Krankenschwester 1964 in der Wolfart-Klinik in Gräfelfing kennen lernte“, erzählt Hochs Ehefrau Bärbel (70). „Ich half ihm, wieder Mut zu fassen.“ 1967 nahm Hoch wieder eine Lehre auf, als Repro-Fotograf, und folgte schließlich seinem Onkel als Druckereichef. Am Freitag wird Hoch zum 50. Mal seinen zweiten Geburtstag feiern. „Zu Hause, mit Aal,“ lacht er. Gratulieren werden ihm zwei Töchter und vier Enkelkinder.

Münchnerin verlor Mutter in der Tram

Brigitte Payer war gerade 15, als sie mit ihrem Vater in Großhadern vergeblich auf ihre damals 38-jährige Mutter Margarete Seiler wartete. „Sie arbeitete in der Zahnklinik und war in der Tram auf dem Heimweg, die bei dem Absturz in Flammen aufging.“

Margarete Seiler verbrannte in der Trambahn.

Zuerst hörte die Familie im Radio von dem Unglück. „Mutter war sehr zuverlässig, mein Vater ahnte bald, was los ist. Doch wir hofften noch am Sonntag, dass sie heim kommt.“ Die Polizei brachte dann ein paar Stofffetzen, die zum nagelneuen Teddy-Mantel der Mutter gehörten, den sie eigentlich erst an Weihnachten bekommen sollte. „Mutter hatte immer im Spaß gesagt, sie bekommt einmal ein Staatsbegräbnis. Das wurde auf makabre Art wahr.“ Die Toten wurden in der Alten Messe zu einer öffentlichen Trauerfeier aufgebahrt.

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