Formular als Kostenfalle: Patient scheitert vor Gericht

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Udo L. mit Anwältin Dagmar Schön. Sie spricht von „Klassenjustiz".

München - Patient Udo L. (56) hatte Todesangst. Die Kosten einer Operation waren ihm in diesem Moment egal.

„Ich wollte so schnell wie möglich operiert werden, da habe ich alles unterschrieben…“ Aufgrund seiner Todesangst ist Patient Udo L. (56) in eine Kostenfalle getappt – er muss jetzt wohl mehrere tausend Euro an die Klinik nachzahlen. Gerade läuft der Prozess vor dem Münchner Landgericht.

Mit schweren Herzproblemen war Udo L. im März 2009 ins Klinikum Bogenhausen gekommen, weil er dringend einen Bypass benötigte. Unter dem Wust von Formularen, die er alle unterschreiben sollte, hatte es eines in sich: eine Wahlärztevereinbarung. Was das bedeutet, erfuhr L. später: 7145,82 Euro sollte er bezahlen! Weil er die Summe nicht aufbrachte, verklagte ihn das städtische Krankenhaus.

Von zusätzlichen Kosten sei nie die Rede gewesen, beteuerte Udo L. gestern vor dem Landgericht. „Ich hätte nicht bezahlen können, denn ich habe damals Hartz IV bezogen.“

Ein schwerer Schlaganfall hatte den früheren Bankberater bereits im Jahr 2000 aus der Bahn geworfen. „2004 wurde ich entlassen und bin in Hartz IV gefallen.“ Dabei sei er auch noch herzkrank geworden.

2009 hatte sich sein Zustand dramatisch verschlechtert. Dazu kam die Angst: „Meine Eltern sind auch an einem Herzinfarkt gestorben. Ich wollte noch nicht sterben.“ Deshalb unterschrieb er viel Kleingedrucktes. Dass sich darunter eine Wahlärztevereinbarung befand, so seine Anwältin Dagmar Schön, sei eine „arglistige Täuschung“. Zumal Udo L. trotz Merkosten keinen Vorteil hatte: „Ich bekam das gleiche Essen und lag im gleichen Zimmer.“

Wäre da nicht besondere Aufklärung nötig gewesen? Vorsitzender Richter Johannes Brose: „Wir meinen, das ist nicht der Fall.“ Er ließ keinen Zweifel daran, dass das Gericht Udo L. zur Zahlung verurteilen werde. Anwältin Schön entsetzt: „Das finde ich unsäglich!“

Unter diesem Druck ließ sich L. auf einen Vergleich ein: Er stottert monatlich 75 Euro ab. Nach zwei Jahren hat er seine Ruhe, wenn die Klinik den Vergleich nicht noch widerruft.

E. Unfried

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