Gehirnerschütterung, ein blaues Auge und Prellungen

Münchnerin klagt an: Hier schlägt mich ein Polizist beim WM-Fest am Flughafen

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Eine Szene aus dem ­Video: Vier Männer drücken Jelena zu Boden.

Was ist am Sonntag rund um das Public Viewing zum WM-Finale am Flughafen passiert? Eine Frau will von Polizisten geschlagen worden sein. Jetzt wird wegen des Vorfalls ermittelt.

München - Es ist nur ein kurzes Video - aber es wirkt heftig. Wir sehen vier Männer, die auf einer Frau knien und sie mit Gewalt festhalten. Jene Männer: Es sind drei Polizisten und ein Sicherheitsmann, aufgenommen am Sonntag am Flughafen. Und jene Frau, die da am Boden lag, zeigt uns jetzt die Verletzungen, die sie davongetragen hat.

Sie klagt an: „Polizisten haben mich so zugerichtet!“ Sie und eine enge Freundin beklagen unangemessene Gewalt der Beamten und verstehen die Welt nicht mehr. Die Polizei sieht die Sache anders: Bei der Frau seien nach dem Einsatz keine Verletzungen erkennbar gewesen, zuvor sei sie aggressiv aufgetreten. Nach einer tz-Nachfrage ermittelt das Landeskriminalamt.

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Seit November in München

Die junge Frau auf dem Video ist Jelena, eine 29-jährige Kroatin. Sie lebt seit November in München und spricht noch nicht so gut Deutsch. Eine Freundin (66) erzählt: „Jelena arbeitet am Flughafen und hat dort am Sonntag nach der Arbeit mit Freunden etwas getrunken und das WM-Finale angeschaut.“ Kroatien spielte gegen Frankreich (2:4), am Airport lief die Partie im Public Vie­wing. Die Freundin sagt: „Jelena ist sehr fußballbegeistert und kann sehr laut schreien, wenn es spannend ist.“

Das passte offenbar einem anderen Zuschauer nicht. Er hat die Frau angeblich angeschnauzt, sie solle „die Klappe halten“, sonst werde er die Polizei holen. „Jelena war sich keiner Schuld bewusst und sagte, das könne er gern tun.“ Kurz darauf standen Sicherheitsleute neben der Kroatin und - so die Freundin - zerrten sie weg. „Sie hat nicht verstanden, warum sie einen Platzverweis bekommen hat und hat nachgefragt“, sagt die 66-Jährige.

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Junger Polizist soll Jelena mit Faust aufs linke Auge geschlagen

Abseits des Public Viewings sollen Polizisten gewartet haben. Als Jelena sich erkundigte, was los ist, soll ihr ein junger Polizist mit der Faust aufs linke Auge geschlagen haben. Die Kroatin soll versucht haben, die Situation zu erklären. Als Beamte sie am Arm festhielten, soll sie darum gebeten haben, sie loszulassen. Daraufhin sollen die Polizisten und ein Security-Mitarbeiter sie zu Boden geworfen haben. „Sie wehrte sich, weil sie gar nicht wusste, wie ihr geschah“, sagt die Freundin. Man habe Jelena Handschellen angelegt, dann hätten Polizisten sie mit zur Dienststelle genommen.

Nach etwa eineinhalb Stunden sollen die Beamten Jelena zur S-Bahn geschickt haben. „Als sie zu Hause war, hat sie über fürchterliche Kopfschmerzen geklagt“, erzählt die Freundin, die Jelena ins Krankenhaus brachte. Diagnose: eine Gehirnerschütterung, ein blaues Auge und Prellungen. 24 Stunden musste Jelena zur Beobachtung in der Klinik bleiben.

Ein blaues Auge, mehrere Kratzer am Rücken ...

Hausarzt überweist sie an Augenarzt und Psychotherapeut

Am Dienstag hatte sie einen Termin beim Hausarzt, der ihr eine Überweisung zum Augenarzt und zum Psychotherapeuten mitgab. Eineinhalb Wochen ist sie nun krankgeschrieben. „Jelena war völlig verstört, hatte Angst vor der Polizei. Sie hatte sogar Angst, Anzeige zu erstatten.“ Das will die junge Frau nach einigem Grübeln schließlich heute tun.

Die Polizei erfuhr erst durch die tz-Recherche von den Vorwürfen. Nach einer ersten Überprüfung stellt sich die Situation aus ihrer Sicht so dar: Die Veranstalter sollen die Frau des Public Viewings verwiesen haben, weil sie alkoholisiert und aggressiv gewesen sei. „Sie kam der Aufforderung nicht nach, den Platz zu verlassen“, sagt ein Sprecher. Um den Platzverweis durchzusetzen, habe man „unmittelbaren Zwang“ angewendet. Es habe eine Rangelei gegeben, die Frau habe sich gewehrt. Diese Szene ist offenbar im Video zu sehen.

Im Anschluss nahmen die Beamten die Frau in Gewahrsam. Bei der Entlassung nach rund eineinhalb Stunden sei sie aus Sicht der Beamten unverletzt gewesen. Da sie nichts gesagt habe, habe man keine Veranlassung gesehen, einen Arzt hinzuzuziehen. Da weder von der Betroffenen noch von Zeugen Beschwerden vorlagen und es keine Anzeige gab, habe es zunächst keinen Grund gegeben, der Sache nachzugehen. Das hat sich nun geändert.

... ein Fußabdruck am Gesäß: Freunde dokumentierten mit diesen Fotos die Folgen der Rangelei mit Polizeibeamten vom Sonntag.

Ermittlungen des Landeskriminalamtes

Das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) hat am Mittwoch Kenntnis von dem Vorfall vom Sonntag am Flughafen bekommen. „Wir werden die Ermittlungen aufnehmen“, bestätigt Sprecher Carsten Neubert der tz. Das Sachgebiet Interne ­Ermittlungen des LKA ist zuständig für strafrechtliche Ermittlungen gegen Beschäftige der Polizei.

Das heißt: Die ­Behörde wird immer dann eingeschaltet, wenn der Verdacht besteht, dass ein Beamter im Dienst eine Straftat begangen haben könnte. In diesem Fall führt das LKA die Ermittlungen, weil ein Beamter während seiner Dienstzeit eine Körperverletzung begangen haben könnte. Pro Jahr ermittelt das LKA etwa 900 bis 1000 Mal gegen Polizeibeamte. Das Ergebnis dieser Ermittlungen wird dann der Staatsanwaltschaft vorgelegt. Diese prüft die Vorfälle ebenfalls und erhebt in den seltensten Fällen Anklage.

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Stefanie Wegele

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