Schoppenstube: Der Aufstand der Stammgäste

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Wir gehen hier nicht raus! Die Gäste in der Schoppenstube tragen ihre Wirtin Gerti, um ihre Unterstützung zu zeigen

München - Die Fraunhofer Schoppenstube soll schließen - da machen aber längst nicht alle mit. Die Stammgäste der Traditionskneipe geben ihren Lieblingsladen noch lange nicht auf - und Wirtin Gerti auch nicht!

Da, schaut her!“ Gerti (64) pfeffert ein dickes Buch auf den Tresen. Es ist ein neu gekauftes Gästebuch mit vielen leeren Seiten. Mit trotzigem Blick sagt sie: „Für all die vielen Gäste, die in Zukunft noch hierherkommen werden.“

Nach dem ersten Schock über das drohende Aus für ihre Fraunhofer Schoppenstube (tz berichtete) zeigen die Wirtin und ihre Stammgäste Kampfbereitschaft. Es ist der erste regulär geöffnete Abend nach der Nachricht, dass der Eigentümer den Mietvertrag wegen Lärmbelästigung kündigen will. Gegen 22 Uhr scheint es noch, als hätten die Gäste schon mit 39 Jahren Schoppenstube abgeschlossen. Nur drei Tische sind besetzt, leise tönt ein trauriger Johnny-Cash-Song aus den Boxen.

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Um viertel nach elf aber geht die Türe auf – und lange nicht mehr zu. Dutzende Gäste strömen herein. Sie kommen vom Neuen Arena-Kino. Dort lief gerade der Doku-Film „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ über das Phänomen Schoppenstube. Sofort bildet sich ein Pulk um die Wirtin. Ein Mann fällt ihr in die Arme. Es ist der Produzent und Regisseur des Doku-Films, Peter Goedel. Er motzt los: „Lärmbelästigung – bei dir! So ein Schmarrn! Du bist doch die Erste, die alle sofort ermahnt, falls es mal zu laut wird.“

Es dauert nicht lange, bis ein Tourist aus Norddeutschland mit einsteigt: „Die arme Frau kann man doch noch ein paar Jahre machen lassen, bis sie in Rente geht…“ Gerti muss heute noch öfter die Tische wechseln als sonst. Jeder Gast hat das Bedürfnis, alte Geschichten zu erzählen. Konrad Held (63), seit 35 Jahren Stammgast, zeigt auf einen dunklen Tisch in der Ecke. „Weißt du noch? Da saß ich immer mit meiner Frau, als wir noch ganz frisch verliebt waren.“

Um Mitternacht schlingt Gerti einen Kartoffelsalat herunter. „Ich hab’ heut keine Zeit zum Essen gehabt – ein Interview nach dem anderen.“ Aber auch den isst sie nicht auf. Als die Tür aufgeht, springt sie auf: „Der Rosi!“ Regisseur Marcus H. Rosenmüller nimmt Gerti fest in die Arme. „Ich musste heute einfach kommen.“ Gerti strahlt. Stammgast Bettina Ranetsberger (37) stellt sich dazu. „Gerti, ich glaube da nicht dran, dass Du schließen musst. Du hast so viele Unterstützer …“ Rosenmüller nickt.

Als zum wiederholten Mal die Frage aufkommt, ob der Vermieter sich noch einmal gemeldet habe, schüttelt Gerti nur den Kopf. „Ist doch egal, ob der sich meldet“, ruft ein junger Mann ihr zu. „Wir machen einfach immer weiter! Er kann uns ja nicht raustragen!“

Nina Bautz

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