Gerti soll aus Schoppenstube raus - nach 39 Jahren!

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Wirtin Gerti (64) in ihrer Fraunhofer Schoppenstube: In der Hand hält sie Liedtexte zum gemeinsamen Singen und eine Glocke. Sie läutet persönlich jeden Abend die urige Gaudi mit Live-Musik ein

München - Die Fraunhofer Schoppenstube und ihre Wirtin Gerti sind Kult - auch über die Münchner Stadtgrenzen hinaus. Nun hat der Vermieter nach 39 Jahren den Pachtvertrag gekündigt. Aber Gerti und ihre Gäste wollen kämpfen.

Der italienische Sender Rai Uno hat über sie berichtet, auch die New York Times und zahlreiche deutsche Zeitungen. Sogar in Reiseführern ist sie genannt - und einen Kinofilm gibt es über sie: Gerti Guhl (64) ist die Münchner Kult-Wirtin. Jetzt muss sie offenbar nach 39 Jahren aus ihrer Fraunhofer Schoppenstube raus. „Ich habe am Ostermontag einen Anruf bekommen, dass mein Mietvertrag gekündigt wird. Bitte helft mir!“; sagt sie zur tz.

Die Kneipe an der Reichenbachbrücke ist wirklich einzigartig: Zu später Stunde begrüßt die Wirtin, die jeder nur „Gerti“ nennt, die Gäste persönlich und fragt alle nach dem Namen. Wer quatscht, wird mit dem Glöckchen ermahnt. Dann teilt sie Liedblätter aus und junge Partygänger trällern mit urigen Bayern aus vollem Hals „Kriminaltango“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“. Fast immer spielt einer der befreundeten Musiker auf. Beim Schunkeln mit Bier und Weinschoppen hat Gerti schon zu Freundschaften verholfen und Paare verkuppelt. „Das darf man nicht kaputtmachen“, wünscht Gerti am Dienstag unter Tränen. „Das ist meine Familie, mein Leben!“

Sie hat ihrem Mann, der 2007 an Krebs verstarb, am Sterbebett versprochen, dass sie die Stube in seinem Sinne weiter betreibt. „Aber seitdem versuchen die Vermieter immer wieder, mich rauszubringen. Die wollen den Wert des Hauses steigern und ein schickes Büro oder so reinmachen.“ Oft konnte Gerti das Ende abwenden. „Aber jetzt hieß es, dass bald die schriftliche Kündigung kommt. Dann ist Ende des Jahres Schluss.“ Einer der Eigentümer, der nicht genannt werden will, sagte zur tz: „Wir müssen kündigen, weil wir auf die Mieter Rücksicht nehmen müssen, die unter der Lärmbelästigung leiden.“

„Ooooh nein! Das wäre schrecklich!“, „Ja, san die narrisch?“, „Sauerei!“ - Im Internet auf der Facebook-Seite überschlagen sich die Kommentare entrüsteter Fans. „Das kommt für uns nicht in Frage“, heißt es weiter. Von einer möglichen Demo ist die Rede. Auch Tatort-Schauspieler Udo Wachtveitl, der bekennender Schoppenstube-Fan ist, würde ein Engagement gegen die Schließung unterstützen. Er sagte zur tz: „Ohne die Schoppenstube würde München ärmer werden. Sie hat Institutions-Charakter. München darf nicht zu Disneyland mit atmosphäreloser, keimfreier Gastronomie verkommen.“

Sein prominenter Kollege, Regisseur Marcus H. Rosenmüller, pflichtet bei: „ Das Thema Lärmbelästigung verstehe ich nicht. Die Schoppenstube ist seit Jahrzehnten dort, das wissen doch die Mieter. Als ich hierher gezogen bin, habe ich mich da gleich aufgehoben gefühlt. Da trifft man auf Gleichgesinnte, da sind halt auch die normalen Leit’.“ Gerti setzt auf ihre Stammgäste: „Wir sind eine Großfamilie und müssen jetzt zusammen kämpfen!“

Jede vierte Kneipe ist mittlerweile schon dicht

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Jede vierte Kneipe in Bayern hat seit 2001 dicht gemacht! Diese Zahlen kommen jetzt vom Statistischen Bundesamt und der Welt am Sonntag. In Deutschland sank die Zahl demnach von 48 000 auf 36 000! Bayern ist mit 24,5 Prozent weniger Gaststätten ganz vorne dabei. Die Gründe sind zahlreich, wie Franz Bergmüller vom Verein zum Erhalt der Bayerischen Wirtshauskultur erläutert: „Zum einen hat die Kommunikation übers Internet zugenommen. Ebenso verdrängen die vielen Ketten, Multikulti-Restaurants und Fastfood-Anbieter die gemütlichen Wirtshäuser.“ Besonders stark betroffen sind ländliche Orte, die keine touristische Ziele sind. „In Oberfranken ist das Problem besonders groß, da es dort besonders viele Wirtschaften gab und die Abwanderung zunimmt“, erklärt Prof. Hans Hopfinger vom Eichstätter Lehrstuhl für Kulturgeografie. „In rund 500 Orten in Bayern gibt es gar keine Gaststätte mehr.“ Hier sind laut Franz Bergmüller auch die immer häufiger werdenden größeren Feste verantwortlich. „Hinzu kommt, dass Vereinsheime, Feuerwehrhäuser und andere Pseudo-Gastronomien das Bier billiger anbieten können.“

Nina Bautz

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