Freie Wähler halten Plan für schöngerechnet

S-Bahn: Zweite Stammstrecke gar nicht finanzierbar?

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Diese Karte zeigt, wie wenig die 2. Stammstrecke für die Außenäste bringt.

München - Droht der 2. Stammstrecke das gleiche Schicksal, wie dem gescheiterten Transrapid? Einem neuen Gutachten der Freien Wähler zufolge ist das Milliardenprojekt möglicherweise nicht förderfähig.

Sprich: Es dürfte nicht mit öffentlichen Geldern bezuschusst werden und wäre damit unfinanzierbar. Ist die 2. Stammstrecke für die S-Bahn das nächste platzende Luftschloss?

Der von Bürgerinitiative Haidhausen beauftragte Gutachter Dr. Martin Vieregg hat nochmals das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Stammstrecke nachgerechnet. Dieses muss über 1 liegen, damit es vom Staat bezuschusst werden kann. Ergebnis: Vieregg kommt auf einen Faktor unter 0! Das Problem sind vor allem die Umsteigezeiten, die von den Gutachtern unterschiedlich berechnet wurden. Während die vom Bundesverkehrsministerium beauftragte Intraplan mit dem 2. Tunnel auf eine Fahrzeitersparnis der S-Bahnfahrgäste von insgesamt 630.000 Minuten pro Tag ausgeht, kommt Dr. Vieregg auf eine Verlängerung der Fahrzeiten von satten 768.000 Minuten!

Der Münchner Freie-Wähler-Landtagsabgeordnete Michael Piazolo geht von einem Fehler in den Berechnungen von Intraplan aus: „In einer Antwort der Staatsregierung auf unsere Anfrage hieß es, dass alle Umsteigezeiten eines Fahrgastes gleich gewertet wurden. Dabei sehen die Grundsätze des standardisierten Bewertungsverfahrens vor, dass der erste Umsteigevorgang mit Strafminuten belegt werden muss.“ Per Dringlichkeitsantrag im Landtag fordern die Freien Wähler nun die Staatregierung auf, die Berechnungen offenzulegen, um diese Unstimmigkeiten aufzuklären. Sollte die Stammstrecke nun an der Finanzierbarkeit scheitern, kritisiert Piazolo das Fehlen eines Plan B. „Da ergibt für die Verantwortlichen das psychologische Problem, den jetzigen Plan zu beerdigen.“

Piazolo kritisiert auch, dass die Verbesserungen nach dem Bau des 2. Tunnels auf viel Streckenästen nicht zum Tragen kämen. Verbesserungen an einigen Linien stünden Verschlechterungen an anderen gegenüber. „Es werden an den Außenästen keine neue Gleise verlegt. Wenn die Regionalbahn aus Rosenheim in Grafing Verspätung hat, zuckelt ihr die Express-S-Bahn hinterher. Forderungen der Freien Wähler, die Außenäste auszubauen, lehnte die CSU stets ab.“

Was will der Pendler?

Der Landkreis München startet eine Studie zu Visionen und langfristigen Entwicklungsperspektiven im Öffentlichen Personennahverkehr. Dabei stellt der Landrat Christoph Göbel (CSU) im Rahmen der Online-Studie den Teilnehmern die Frage, welche Verkehrskonzepte geeignet sind, die Mobilität im Landkreis München für die Zukunft zu gestalten. Bislang habe man nur die MVV-Regionalbuslinien detailliert betrachtet. Jetzt sollen verstärkt „schienengebundene Verkehrsmittel und tangentiale Verkehrsbeziehungen“ untersucht werden, die es ermöglichen, von Stadtrandgemeinde zu Stadtrandgemeinde zu kommen, ohne in die Stadtmitte zu müssen. Die Umfrage ist bis Montag, 4. Februar, hier zu finden.

Diese Vorhaben wurden gestoppt

Parktunnel vor Aus: Es war eine wunderschöne Idee, die das Schwabiger Architektenpaar Hermann Grub und Petra Lejeune hatte: Legt den Mittleren Ring in eine Röhre unter den Englischen Garten und heilt die klaffende Wunde in Deutschlands berühmtesten Park! Die Stadt und der Freistaat waren elektrisiert, doch am Geld ist das Projekt aller Voraussicht nach gescheitert. Denn der Freistaat will sich nur an der Wiederherstellung der Oberfläche nach dem Ende der Bauarbeiten beteiligen, ließ jüngst Staatskanzlei-Chef Marcel Huber (CSU) die Stadt wissen. Münchens CSU-Chef Ludwig Spaenle warf OB Dieter Reiter (SPD) vor, die Prioritäten bei der Beantragung falsch formuliert zu haben. Die Verkehrswirkung habe da Vorrang, nicht die Natur. Grub schlägt vor, es nochmal zu versuchen.

Dritte Startbahn in der Sackkasse: Im Juli 2005 begann der Flughafen mit den konkreten Planungen einer 3. Startbahn. Die Kapazität des Flughafens soll damit von 90 auf 120 Flugbewegungen pro Stunde gesteigert werden. Die Pläne platzten am 17. Juni 2012 durch einen Bürgerentscheid in München, der sich gegen das Projekt aussprach. Die vor allem bei den Bewohnern der Flughafenregion unbeliebte dritte Piste wurde zwar baurechtlich am 19. Februar 2014 genehmigt. Im Rathaus will man nur bei langfristig steigenden Flugbewegungen die Münchner erneut abstimmen lassen. Ministerpräsident Horst Seehofer sah jüngst keine zwingende Notwendigkeit – im Gegensatz zur CSU-Landtagsfraktion.

Transrapid hat ausgeschwebt: In zehn Minuten vom Hauptbahnhof zum Terminal: Der Transrapid war eines der Lieblingsprojekte des Ex-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU). Die Magnetschwebebahn sollte mit 350 km/h das Anbindungsproblem des Flughafens an die Stadt lösen. Als die Kosten von zunächst 1,85 Milliarden Euro auf drei Milliarden Euro hochschnellten, beerdigten Bund und Land das Projekt 2008. Auf die Express-S-Bahn, die sofort als Alternative genannt wurde, wartet man heute noch. Der dafür notwendige Tunnel in Daglfing gilt wegen der Kosten als nicht finanzierbar.

Johannes Welte

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