Bundestag beschließt Pkw-Maut

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Müller-Pächter: "Wir haben alles verloren"

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Dulni und Oliver Deringer (re.) sind verzweifelt

München - Oliver Deringer (42) ist verzweifelt. Der Pächter einer Müller-Brot-Filiale in München-Solln hat durch die Pleite des Konzerns "alles verloren". Das hat auch Folgen für die Angestellten.

„Wir haben alles verloren“, sagt er, „nicht nur 15 000 Euro, sondern auch unser Vertrauen.“ Nach dem Skandal bei Müller-Brot hatte er gehofft und noch mehr gearbeitet, doch am Samstag trafen ihn die Worte des Insolvenz­verwalters Dr. Hubert Ampferl (43) „wie ein Blitz“.

Hygiene-Mängel: Hier wird das Müller-Brot entsorgt

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Ampferl hatte die Pächter der rund 250 Müller-Filialen in einem Gasthaus in Massenhausen bei Freising versammelt. Oliver Deringer nahm seine hochschwangere Frau Dulni (29) mit: „Ein großer Fehler! Das schürte ihre Existenzangst.“

Bei der Versammlung erfuhren die Deringers, dass ihre Kaution in Höhe von 15 000 Euro futsch ist. „Obwohl die Müller-Geschäftsführung uns vor 14 Monaten hoch und heilig versprochen hat, das Geld nicht auf ein Firmenkonto, sondern separat anzulegen.“ Für den 42-Jährigen „eine Frechheit sondergleichen! Ich fühle mich betrogen“. Die Hälfte der 15 000 Euro, die er als Sicherheitsleistung an Müller überwies, hatte er angespart, für die restlichen 7500 Euro nahm er einen Kredit auf. Nun steht er – wie viele andere Pächter – erst mal vor dem Nichts.

„Ich weiß nicht, wie es weitergeht“, sagt der 42-Jährige. Zunächst will er die Waren verkaufen, die er noch hat. Auch hat er schon Jobangebote von anderen Firmen, „aber im Moment herrscht in meinem Kopf nur Leere und Verzweiflung.“

Der Insolvenzverwalter bot den Pächtern an, weiter Ware von anderen Herstellern zu liefern. Zudem gab Ampferl bekannt, dass die Pächter vorerst nur die Ware bezahlen müssten, nicht aber die Pacht. Dass sich der Insolvenzverwalter den Pächtern stellte, findet Oliver Deringer mutig. „Er kann ja nichts für den Schlamassel!“ Von Müller-Brot war dagegen nur ein Verkaufsleiter gekommen. Vor allem verärgerte es die Pächter, dass Eigentümer Klaus Ostendorf ihnen nicht Rede und Anwort stand. Denn nicht nur Pächter Deringer glaubt, „dass da ein Traditionsbetrieb bewusst und gewollt gegen die Wand gefahren wurde“.

Viele haben sich in der Versammlung sehr aufgeregt, sagt Deringer: „Da gab es tumultartige Szenen. Einige Ehefrauen mussten ihre Männer festhalten, um Handgreiflichkeiten zu verhindern.“

Susanne Sasse

Kein Geld für die Reinigungskräfte

Die Situation für die 1100­ Beschäftigten von Müller-Brot in Neufahrn (Kreis Freising) wird immer prekärer. Nicht nur dass die Produktion weiterhin still steht – weil die hygienischen Zustände immer noch katastrophal sind –, jetzt droht auch noch das Filialnetz zusammenzubrechen, weil viele der Franchisenehmer vor der Pleite stehen. Und das wäre für den geplanten Verkauf des Unternehmens katastrophal. Denn die Großbäckerei ist für Kaufinteressenten vor allem interessant, weil sie (noch) über ein großflächiges Vertriebsnetz verfügt.

Insolvenzverwalter Dr. Hubert Ampferl (43), der seit Donnerstag – unterstützt von 15 Mitarbeitern – Müller-Brot aus der Krise führen soll, steht deshalb vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss nicht nur zusehen, dass er die Produktion wieder in Gang bekommt, er muss auch die Pächter bei der Stange halten. Und das, obwohl keinerlei finanzielle Reserven mehr vorhanden sind. Nicht einmal mehr für die Reinigungskräfte reicht das Geld! Ampferl, der einen schnellen Verkauf von Müller-Brot anstrebt, will deshalb heute Gespräche mit Banken führen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, soll es bereits einen ernsthaften Kaufinteressenten geben. Der dürfte allerdings über das Ergebnis der Lebensmittelkontrolleure am Freitagabend wenig begeistert gewesen sein: Denn dem Management der Großbäckerei ist es in den letzten zweieinhalb Wochen nicht einmal gelungen, wenigstens ein Drittel der Produktionsstätten so zu reinigen, dass wieder Brot, Brezn und Semmeln gebacken werden können. Die Lebensmittelfahnder entdeckten am Freitag erneut Mäusekot und Ungeziefer! Für einige Insider war die Verlängerung des Produktionsstopp dennoch nicht nachvollziehbar. „Das ist eine politische Entscheidung“, meinte ein Branchenkenner.

Insolvenzverwalter Dr. Hubert Ampferl informierte am Samstag die Pächter in einer Gaststätte in Massenhausen (Kreis Freising) über die Lage. Laut Informationen des Bayerischen Rundfunks bot er ihnen dabei an, zunächst einmal auf die Pacht zu verzichten. Wenig Hoffnung konnte konnte er den etwa 250 Pächtern und ihren Angehörigen aber hinsichtlich geleisteter Kautionszahlungen machen. Das Geld ist weg (siehe Text oben)!

Neufahrns Bürgermeister Rainer Schneider fürchtet angesichts der Entwicklung beim Müller-Brot mit dem Schlimmsten: Massenentlassungen! „Einige Hundert Mitarbeiter werden wohl freigestellt sagte er der Nachrichtenagentur dapd.

Kaum zu fassen: Nach Recherchen der Landtags-SPD ist der Hygiene-Skandal bei Müller-Brot wohl kein Einzelfall: 2011 sollen gegen 209 (!) Backbetriebe im Freistaat Bußgelder verhängt worden sein. Die SPD verlangt jetzt vom Gesundheitsministerium nähere Einzelheiten zu den Fällen.

WdP

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