1. tz
  2. München
  3. Stadt

Ein Jahr nach den Baumbesetzungen: So geht es im Münchner Forst Kasten weiter

Erstellt:

Von: Leoni Billina

Kommentare

Umweltschützerin Malwina Andrassy im Forst Kasten
Umweltschützerin Malwina Andrassy im Forst Kasten © Markus Götzfried

Die Baumbesetzungen im Zuge des Streits um den Kiesabbau im Forst Kasten sind mittlerweile ein Jahr her. Bürgerinnen und Bürger engagieren sich weiter für den Erhalt des Waldes. Was sich getan hat und wie es weitergeht.

Links und rechts des Forstweges präsentiert sich der Wald wie aus einem Märchen: verschlungenes Dickicht, Laubbäume, Fichten, die Sonne blitzt durch die Baumkronen. Vögel zwitschern, ansonsten: Ruhe. Plötzlich tut sich ein Abgrund auf, jäh bricht das idyllische Bild: Der Blick fällt auf eine riesige Kiesfläche, Sand, Steine. Laster, die in der großen Grube aussehen wie Spielzeug, fahren hin und her, ein Förderband transportiert Kies ab. Staubwolken türmen sich auf.

Im Forst Kasten stehen Gegensätze nebeneinander. Der Forst ist Bannwald und genießt damit einen besonderen Rodungsschutz. Seit Jahren wird dort jedoch bereits Kies abgebaut, seit Jahren gibt es dagegen Widerstand. Der Stadtrat genehmigte vor einem Jahr einer weiteren Baufirma die Rodung und Auskiesung einer 9,5 Hektar großen Fläche.

Eigentümer jener Fläche ist die Münchner Heilig-Geist-Spital-Stiftung. Sie finanziert mit den Einnahmen aus der Bewirtschaftung des Forstes unter anderem das Heim Heilig Geist.

Der Widerstand gegen den Kiesabbau ist groß

Vor der Entscheidung formierte sich Widerstand: Klima-Aktivisten besetzten den Wald, wurden von einem Großaufgebot der Polizei geräumt. Bürger demonstrierten. Die Rathaus-Politiker stimmten der Auskiesung – teils zähneknirschend – dennoch zu. Keine leichte Entscheidung, sagt Anne Hübner (SPD), Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, eine Entscheidungsfreiheit habe aber kaum bestanden.

Die Firma Gebrüder Huber Bodenrecycling bekam den Zuschlag, muss nun innerhalb von zwei Jahren den Antrag auf Abbaugenehmigung stellen. Ob es diese geben wird, hänge von der Entscheidung der Genehmigungsbehörde – dem Landratsamt – ab, sagt Hübner.

Malwina Andrassy, kommissarische Vorsitzende vom Bund Naturschutz Ortgruppe Würmtal Nord, engagiert sich seit Jahren für den Erhalt ihres geliebten Waldes: „Die neue Kiesgrube wäre ein massiver Einschnitt, dabei ist die rote Linie schon längst überschritten“, sagt sie.

Es braucht zukunftsfähige Alternativen

Es sei klar, dass man den Kiesabbau derzeit nicht gänzlich ersetzen könne. Aber es gebe zukunftsfähige Alternativen: Holzbau, Recycling. „Kies ist nicht unendlich vorhanden. Es gibt kein endloses Weitermachen.“ Sollte der Antrag zum Kiesabbau genehmigt werden, würde der Bund Naturschutz klagen. Dann ging der Streit vor Gericht weiter.

Auch Astrid Pfeiffer von der Ortsgruppe Würmtal Nord empört sich über das Vorgehen im Forst: „Wir denken, dass durch die Klimakatastrophe bei derartigen Genehmigungen zum Kiesabbau mittlerweile fachlich anders abgewogen werden muss.“ Ökologische Kriterien müssten viel stärker gewichtet werden, als es früher der Fall gewesen sei. Sie macht „das Wachstumsdogma“ der Region München verantwortlich für den Druck auf den Wald. Wo die Baumaterialien für das Wachstum herkämen, darüber werde nicht nachgedacht: „Eine Stadt kann erst wachsen, wenn genügend Infrastruktur und ökologisch gewonnene Baumaterialien da sind.“

Der Haftbefehl liegt in der Schublade

Einer der Baumbesetzer im vergangenen Mai war Klima-Aktivist Ingo Blechschmidt. Er erhielt einen Platzverweis, der mittlerweile abgelaufen ist. „Was nicht abgelaufen ist, sind die Worte der Haftrichterin, die über mich entschied“, sagt der Mathe-Dozent, „sie ließ mich frei, ergänzte jedoch, dass sie den Bescheid über vier Wochen Haft in der Schublade behalte und jederzeit wieder herausholen könne.“

In München werde er sich deshalb weiterhin nicht engagieren können. Er legt sein Augenmerk derzeit darauf, die Verkehrswende in Augsburg voranzutreiben. Aber: „Wenn die Rodungsgefahr akut werden sollte, wären sofort wieder Aktivisten und Aktivistinnen im Wald.“ Eine Neubesetzung sei binnen eines Tages jederzeit möglich, sagt er.

Für Malwina Andrassy ist der Erhalt des Forst Kasten eine Herzensangelegenheit. Gestern erfuhren die Umweltschützer: Das Landratsamt hat die Genehmigung für die Auskiesung einer weiteren Fläche genehmigt. Im Eiltempo organisierten sie eine Demo vor dem Rathaus in Planegg. Sie geben nicht auf.

Zwei Radler fahren entlang eines Forstweges im Forst Kasten
Trügerische Idylle: Um den Forst Kasten brennt ein erbitterter Streit © Markus Götzfried

Auch interessant

Kommentare