Auf dem Friedhof kam der Trickdieb

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Das Ehepaar Traudl und Walter Retzenhauser konnten einen Trickbetrüger abwimmeln, der ihnen billige Lederjacken für 500 Euro andrehen wollte

München - Trickbetrüger nehmen eiskalt die Schwächsten ins Visier – mit Vorliebe Senioren, die sich nicht wehren können. Dabei machen sie neuerdings nicht mal mehr vor dem Friedhof halt.

Skrupel, Schamgefühl oder Ehrfurcht vorm Alter? Fehlanzeige, solche Gefühle kennen sie nicht. Trickbetrüger nehmen eiskalt die Schwächsten ins Visier – mit Vorliebe Senioren, die sich nicht wehren können.

Wie viele Opfer dieses Schicksal teilen, belegt die Statistik der Münchner Polizei. Allein 2010 registrierten die Beamten 390 Fälle von „versuchtem und vollendetem Trickdiebstahl“. Dabei richteten die Täter Schäden von einer halben Million Euro an.

Doch das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Viele Opfer zeigen die Straftaten nämlich gar nicht erst an – oder haben es im letzten Moment geschafft, den Ganoven Paroli zu bieten.

So wie Walter Retzenhauser. Er blieb nicht mal auf dem Friedhof verschont, behielt aber zum Glück kühlen Kopf. In der tz erzählt er, wie er den Trickdieb abblitzen ließ.

Vor gut zwei Wochen geht Retzenhauser über den Ostfriedhof: „Dort besuche ich einmal im Monat das Grab meiner Eltern.“ Ein Mann stürmt auf ihn zu, redet mit italienischem Akzent drauf los: „Wir kennen uns. Wie geht’s dir denn? Bist ja kaum älter geworden.“

Retzenhauser ist perplex, denn ihm sagt das Gesicht nichts. Trotzdem lässt er sich auf ein Gespräch ein. Denn früher hat Retzenhauser mal in der Speditionsbranche gearbeitet: „Da trifft man viele Menschen, ich dachte mir: Vielleicht kennen wir uns ja doch.“

Plötzlich erzählt der Fremde etwas von Lederjacken: „Die schenk’ ich dir. Du bist mein Freund“, sagt er. Retzenhauser fühlt sich von dem Redeschwall wie erdrückt. Dann will der Fremde plötzlich 500 Euro für sein vermeintliches Geschenk haben. „Der war so aufdringlich, wollte mir die Jacken unbedingt zeigen. Ich bin ihn nicht losgeworden“, berichtet Retzenhauser. Der Unbekannte lässt nicht locker, doch der Rentner handelt goldrichtig. „Ich habe gesagt, ich hätte kein Geld, nur Schulden. Dann ist er endlich abgezogen.“

Der Münchner sieht noch, wie der Mann mit einem Van mit italienischem Kennzeichen davonbraust. Zwei Wochen später lesen Retzenhauser und seine Frau Traudl eine Meldung in der tz: "Betrüger lädt sich bei Rentnern zum Kaffee ein".

Es geht um ein Ehepaar (83 und 87), das in Nymphenburg angesprochen worden war. Ein Unbekannter hatte behauptet, die beiden „von früher“ zu kennen, bot Pelze und Lederjacken an. Er schaffte es, sich in die Wohnung des Ehepaars einzuladen. Dort stahl er unbemerkt 500 Euro. „Genau die gleiche Masche wie bei mir“, schimpft Retzenhauser. „Solchen Typen gehört das Handwerk gelegt.“

Jacob Mell

„Viele betagte Opfer schämen sich“

Das Kommissariat 65 (K 65) kämpft täglich gegen Trickbetrüger jeder Art. Die Beamten machen in zivil Jagd auf Taschendiebe in der Innenstadt und dem Oktoberfest. Sie ermitteln, wenn falsche Enkel, Handwerker oder Geldwechselbetrüger auftauchen. Die Fahnder müssen sich stets auf neue Tricks einstellen. Und sie sind erst zufrieden, wenn beispielsweise die Täter einer Serie gefasst sind. Die tz sprach mit Reinhold Bergmann, dem Chef des Trickbetrug-Kommissariats:

Gibt es überhaupt einen Schutz vor Trickbetrügern?

Bergmann: Erstes Gebot ist, keinen Fremden in die Wohnung zu lassen. Wenn ein Unbekannter ein Glas Wasser möchte, kann man ihm dieses zur Not durch die mit einer Sperrkette gesicherte Wohnungstüre reichen. Sind die Täter erst mal in der Wohnung, dann haben die meist betagten Opfer keine Chance mehr. Dann ist es zu spät.

Sie und Ihre Kollegen haben viel mit den Opfern zu tun. Wie verarbeiten die meist betagten Menschen einen solchen Trickbetrug?

Bergmann: Für viele Geschädigte ist das ein Angriff auf den Schutzbereich Wohnung. Sie fühlen sich nicht mehr sicher, wenn sie von einem Fremden bestohlen wurden. Viele schämen sich auch, weil sie den Betrug nicht gemerkt haben. Andere werden depressiv. Vor allem, wenn sie um ihre Ersparnisse gebracht worden sind.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich Opfer oder vielleicht auch Zeuge eines Trickbetrugs geworden bin?

Bergmann: Auch im Zweifel immer den Polizeinotruf 110 wählen. Je schneller wir informiert werden, desto größer die Chance, die Täter festzunehmen.

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