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„Hier geht es ums nackte Überleben“

Fünf Jahre Kälteschutzprogramm: Das tut die Stadt für Obdachlose

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Nach fünf Jahren Kälteschutz zieht die Stadt eine Zwischenbilanz: Immer mehr Armutszuwanderer nutzen die Räume, das Programm funktioniert und bleibt notwendig. 

München - In München darf niemand auf der Straße erfrieren: Mit diesem Anspruch startete die Stadt vor fünf Jahren ihr Kälteschutzprogramm. Nun haben die Verantwortlichen bilanziert: Es funktioniert sehr gut – und es bleibt bitter notwendig.

Haus 12 der Bayernkaserne: Linoleumboden, Gemeinschaftsduschen, karg eingerichtete Zimmer mit bis zu 16 Betten. Schwer Betrunkene kommen ins „VIP-Zimmer“ mit vier Betten, sagt Anton Auer, Bereichsleiter beim Evangelischen Hilfswerk, das im Auftrag der Stadt die Kälteschutzräume betreibt. Luxus sieht anders aus.

Seit rund einem Jahrzehnt wandern Bürger aus ärmeren EU-Ländern zu, die hier Arbeit suchen – aber anfangs keinen Anspruch darauf haben, in regulären Einrichtungen der Wohnungshilfe untergebracht zu werden. Rudolf Stummvoll, Leiter des Amts für Wohnen und Migration, erläutert: „Wir mussten sie nicht unterbringen. Aber sie waren da.“ Also beschloss die Stadt 2012, ihnen – ebenso wie einheimischen Obdachlosen, die nicht in Wohnheime ziehen wollen – einen minimalen humanitären Schutz ab November zu gewähren: Übernachtung im Warmen und Beratung – ein bundesweit einzigartiges Programm.

Hilfswerk-Geschäftsführer Gordon Bürk zeigte ein Päckchen: Jeder Ankömmling erhält eine Einweg-Decke, ein Laken, ein paar Blatt Klopapier. „Das hier ist keine Luxusherberge“, sagte Bürk, „hier geht es ums nackte Überleben.“ Es dürften keine Anreize gesetzt werden. Aber er sähe es als „Anzeichen für den Niedergang der Gesellschaft, wenn Menschen im Winter hier keine Bleibe finden“.

Rund 900 Plätze hält die Stadt in der Bayernkaserne bereit. Im Winter 2012/13 übernachteten hier 1692 Erwachsene, im vergangenen waren es bereits 3111 plus 182 Kinder. „Das sind Lebensgeschichten, die zum Teil sehr dramatisch sind“, sagte Andreea Untaru, die die Beratungsstelle „Schiller 25“ leitet. Die größten Gruppen sind Rumänen (25 Prozent), Bulgaren (22), Deutsche (11) und Italiener (5). Jeder Zweite bleibt nur wenige Nächte, jeder Vierte mehr als einen Monat. Im Schnitt waren pro Nacht 333 Betten belegt. Männer, Frauen und Familien sind getrennt untergebracht. Geöffnet ist von 17 bis 9 Uhr, nachts wacht ein Sicherheitsdienst.

Wer übernachten will, muss vorher in die „Schiller 25“. Laut Untaru drehen sich die meisten Beratungsgespräche der Sozialarbeiter um das Thema Arbeit. Viele Fragen gilt es zu klären bei prekären Arbeitsverhältnissen im Bau- oder Reinigungsgewerbe. Die Menschen können die Postadresse der „Schiller 25“ nutzen, was entscheidend ist für eine reguläre Arbeitsaufnahme. Für manche Migranten gebe es aber kaum Perspektiven, so Untaru. Ihnen werde auch zur Rückkehr geraten.

Erstmals hatte der Kälteschutz heuer auch im April geöffnet, was laut allen Verantwortlichen sinnvoll war und beibehalten wird. Vorbei sind die Zeiten, da nur ab null Grad geöffnet war oder den Menschen die Decken verweigert wurden. Von Mai bis Oktober übernachten sie draußen: in Camps, Parks, Autos, betreut von Streetworkern. Jährlich zahlt die Stadt dem Hilfswerk 2,5 Millionen Euro.

OB-Gattin Petra Reiter, Schirmherrin des Netzwerks Wohnungslosenhilfe, lobte die Arbeit: „Wer dort Hilfe sucht, bekommt auch Hilfe – professioneller geht’s nicht.“ Sie machte sich aber dafür stark, den Menschen eine Freifahrkarte zu zahlen, damit sie „nicht zu Fuß kommen müssen oder als Schwarzfahrer kriminalisiert werden“.

Wo der Kälteschutz bleibt, ist ungewiss, die Bayernkaserne wird überplant und bebaut. Bis zum Winter 2021/22 kann das Haus noch genutzt werden. Stummvoll ist gelassen: „Die Idee ist aus München nicht mehr wegdenkbar.“ Das Problem der Armutszuwanderung allerdings auch nicht – „eher im Gegenteil, es nimmt noch zu“.

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