7,4 Millionen kamen in 100 Jahren 

Die Stadt der Zuagroasten: Was Neu-Münchner anzieht

+
Oliver Rothstein ein an einem seiner Lieblingsplätze - am Friedensengel. Er lebt seit sieben Jahren in München.

München wächst und wächst und wächst! Wussten Sie, dass unsere Stadt täglich rund 80 Menschen dazugewinnt? Das macht knapp 600 pro Woche. Lesen Sie was, sieben Zuagroaste erzählen.

München -  In 18 Jahren könnten mehr als 1,8 Millionen Menschen in der Landeshauptstadt leben. Das sind rund 300.000 mehr als jetzt. Zum einen lässt sich das rasante Wachstum auf die konstant ansteigenden Geburtenraten zurückführen. Zum anderen wandern jedes Jahr mehr Menschen zu als ab. 

Seit 1919, dem Beginn der statistischen Aufzeichnungen, sind genau 7.389.709 Menschen zu uns gekommen. Berücksichtigt man die Zahl der Wegzüge, so konnte die Landeshauptstadt im Laufe der vergangenen 98 Jahre einen Wanderungsgewinn von 972.062 verzeichnen. 

Die meisten Zuzügler zieht’s in die Randgebiete. Im Bezirk Aubing-Lochhausen-Langwied rechnet die Verwaltung bis Ende 2035 mit einem ­Bevölkerungswachstum von 89,6 Prozent. 

Aber was macht die Landeshauptstadt eigentlich so besonders? Warum zieht’s die ganze Welt zu uns? Wir haben sieben „Zuagroaste“ gefragt, warum sie ihrer Heimat den Rücken kehrten, was sie an München fasziniert und was „den ­typischen Münchner“ ausmacht. 

Köln - Liebe auf den zweiten Blick

Oli Rothstein (38) hat sich „erst auf den zweiten Blick“ in die Stadt verliebt. Weil er unbedingt an den Bavaria Filmstudios studieren wollte, kam der gebürtige Kölner vor etwa zehn Jahren nach München – und ist „irgendwie hängen geblieben“.

Mittlerweile arbeitet der 38-Jährige für ein Münchner Stadtmagazin. „Mein Job besteht darin, die Schönheit der Stadt zu beschreiben.“ Für ihn persönlich versprüht die Landeshauptstadt ihren Charme vor allem an der Isar. Seine Freizeit verbringt der Kölner aber auch gerne im Umland. „Die Lage der Landeshauptstadt – mit ihrer Nähe zu den Alpen – ist einfach unschlagbar“, schwärmt Rothstein.

Der typische Münchner? „Ist ein ruhiger Beobachter, ein gediegener Typ, der gutes Essen liebt und mindestens drei Sportarten beherrscht.“ Und er selbst? „Ich kann mich damit sehr gut identifizieren“, sagt er.

Kolumbien - Ich bleibe hier!

„Die Münchner machen es einem nicht gerade leicht, Kontakte zu knüpfen“, sagt Milton Mendieta (33). „Aber wenn man sich mal angefreundet hat, trennt einen so schnell nichts mehr.“ Vor etwa elf Jahren kam der gebürtige Kolumbianer nach Deutschland. Erst nach Mannheim, zwei Jahre später nach München. Dort nahm Mendieta eine Doktorandenstelle an. Seitdem arbeitet der 33-Jährige bei BMW. Außerdem lernte er deutsch, knüpfte Kontakte und schloss Freundschaften. Von einem Kollegen bekam Mendieta sogar ein paar bairische Sprachschätze beigebracht: „Oachkatzslschwoaf – kennst du?“, fragt er und grinst.

Wenn der gebürtige Kolumbianer Zeit hat, schnappt er sich sein Mountainbike und radelt durch die Stadt. Obwohl die Münchner „ein relativ verschlossenes Völkchen sind“, fühlt sich der 33-Jährige in der Landeshauptstadt wohl. „Ich bin eigentlich niemand, der weit in die Zukunft plant“, sagt er. „Aber ich bleibe auf jeden Fall hier.“

Milton Mendieta (33)

Portugal - Sprache als Barriere

Für Ricardo Carreira ist München ein Traum. Sich in der Großstadt zurechtzufinden, war für den 32-Jährigen „easy going“ – ziemlich leicht. Mittlerweile lebt der Portugiese seit über fünf Jahren bei uns. Richtig angekommen ist er allerdings erst vor einem Jahr, als er damit angefangen hat, sich intensiv mit der deutschen Sprache zu beschäftigen. „Durch meine Arbeit als Maschinenbau-Ingenieur habe ich jahrelang nur Englisch gesprochen“, sagt er.

Das sei auch völlig in Ordnung gewesen. Zumindest am Anfang. Irgendwann fehlte ihm der direkte Kontakt zu den Münchnern. „Die Verständigung kann wie eine Barriere wirken“, sagt er. Mit der Sprache kamen die Freundschaften. In ein paar Wochen wird der 32-Jährige zum ersten Mal Papa. Geheiratet hat Ricardo Carreira zwar in Portugal, aber seine Zukunft plant er bei uns.

Für Ricardo Carreira ist München ein Traum.

Indien - München schmeckt ihm so richtig gut

Als Bhagwant Singh (53) vor 24 Jahren nach Hannover gekommen ist, um einen alten Schulfreund zu besuchen, hat er sich „überhaupt nicht wohlgefühlt“, erinnert er sich: „Ich hatte damals fest vor, wieder nach Indien zurückzugehen.“ Doch die bayerische Mentalität stimmte ihn um.

Die Hannoveraner seien zwar nett, sagt er, aber im Vergleich zu den Münchnern sehr unterkühlt. „Aller Anfang ist schwer“, sagt Bhagwant heute. Mittlerweile lebt er in Gilching. Seine zwei Buben (11 und 13) spielen genau wie er damals jedes Wochenende Fußball. „Ich kenne alle 24 Mannschaften und jeden Trainer persönlich“, sagt er. Wenn Bhagwant nicht in seinem Imbiss in der Bayerstraße steht und indische Gemüsecurrys verkauft, feuert er seine Jungs auf dem Platz an. „Ich fühle mich unglaublich wohl in meinem Dorf“, sagt er. „Da, wo ich jetzt wohne, will ich später einmal sterben.“

Bhagwant Singh.

Bahamas - Das Wetter macht mich verrückt

Wer wie Shayne Stubbs die Bahamas verlässt, um nach München zu ziehen, muss sein Herz wirklich an die Stadt verloren haben. Geboren wurde der 21-jährige Tänzer in Deutschland. Seine Kindheit verbrachte er in Florida. Mit vier Jahren kam er wieder nach Deutschland, ging in Nordrhein-Westfalen zur Schule. Dort lernte er fließend Deutsch. Mit 16 zog es ihn erneut auf die Bahamas, im Juli 2014 wieder nach München. „Ich glaube, jetzt ich bin endlich angekommen“, sagt er und lacht.

Vor rund zwei Jahren bekam Shayne ein achtmonatiges Stipendium an den Performing Art Studios (Bergmannstraße, Schwan­thalerhöhe) angeboten. Er nahm an. Seitdem tanzt, singt und swingt sich der Künstler durch München. „Mein großer Traum ist ein Musical-Engagement am Deutschen Theater“, sagt er. Dass er sich vor etwa drei Jahren für München und gegen Berlin entschieden hat, begründet der Tänzer damit, dass man von München aus „unheimlich schnell in den Bergen ist“.

Und: „Ich liebe den Charme, den die alten Bauten in der Innenstadt versprühen“, sagt er. Das Einzige, was er an seiner alten Heimat vermisst, ist das beständige Wetter: „In München weiß man nie, was man anziehen soll – das macht mich ganz verrückt.“

Shayne Stubbs.

Kolumbien -  München ist mein Ort

Geboren wurde Mariela Guzman in Bogotá. Ihre Kindheit verbrachte die heute 55-Jährige zu Teilen in Panama, Honduras und Kolumbien. Nach der Schule zog sie nach Costa Rica und wurde Meeresbiologin. Durch Zufall lernte sie dort eine Frau aus Deutschland kennen. Die beiden freundeten sich an. Irgendwann beschloss Mariela, ihre Freundin in München zu besuchen. „Eigentlich wollte ich nie nach Deutschland“, gibt sie zu. Mittlerweile lebt die gebürtige Kolumbianerin seit 25 Jahren bei uns. Die Meeresbiologie hat sie gegen die Naturpädagogik eingetauscht. „Obwohl München nicht am Meer liegt, habe ich meinen Ort gefunden.“

Geboren wurde Mariela Guzman in Bogotá.

Portugal - Ich habe den Schritt nie bereut

Nachdem Lina Motas Ehemann vor fünf Jahren nach München gezogen ist, bekam die 31-Jährige plötzlich auch Lust auf ein Abenteuer. Um in Deutschland weiterhin als Krankenschwester arbeiten zu können, besuchte die gebürtige Portugiesin einen fünfmonatigen Deutschkurs. „Der, die das – die Artikel bringe ich immer noch durcheinander“, scherzt sie in fehlerfreiem Deutsch. Nachdem Lina den Kurs abgeschlossen hatte, packte sie ihre Koffer und reiste ihrem Mann hinterher. „Ich hatte ganz schön weiche Knie“, gibt sie heute zu. Bereut hat sie ihre Entscheidung allerdings nie. München sei zwar keine typische Großstadt, sagt sie. „Dafür aber unglaublich schön.“ Seit ein paar Jahren arbeitet Lina im Deutschen Herzzentrum an der Lazarettstraße. Im Dezember bringt sie ihr erstes Kind zur Welt. „Vielleicht wird unser Mädchen ja ein Christkind...“

Krankenschwester Lina Motas.


Darum sollte jeder Münchner unsere Stadtviertel-Seiten auf Facebook kennen

Welches ist Ihr Münchner Viertel? Sendling? Ramersdorf? Moosach? Das Westend? Wir haben Facebook-Seiten gegründet, auf denen wir alles Wichtige, Aufregende und Schöne und Ihre Liebe zu diesem einen Viertel mit Ihnen teilen. Hier entlang zur Liste.

Sarah Brenner

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn-Stammstrecke wird ein ganzes Wochenende lang gesperrt
S-Bahn-Stammstrecke wird ein ganzes Wochenende lang gesperrt
In diesem Viertel frisst die Miete den Großteil des Einkommens auf
In diesem Viertel frisst die Miete den Großteil des Einkommens auf

Kommentare