Viele Vereine steigen aus

Ganztagschule: Interesse lässt nach - das sind die Folgen

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Frontalunterricht: In Ganztagsklassen wird er immer wieder von Freizeit unterbrochen.

Er sollte die Schule revolutionieren: der gebundene Ganztag. Jahrelang hat die Stadt dieses Betreuungsmodell forciert. Doch das Interesse lässt nach. Das sind die Folgen.

München - Vor 13 Jahren beschloss der Stadtrat den gebundenen Ganztag. Das Konzept sollte Schule revolutionieren: den Unterricht auflockern und die Kinder bis nachmittags pädagogisch versorgen. Bildungsreferent Rainer Schweppe (SPD) forcierte in seiner Amtszeit von 2010 bis 2016 den Ausbau. Jahrelang ging es vorwärts: Viele Schulen führten den Ganztag ein, Eltern ließen sich überzeugen. Doch an den staatlichen Grund- und Mittelschulen stagniert nun der Trend – und es gibt sogar Rückschläge.

Den Anfang machte der Kreisjugendring. 2014 zog er sich aus dem als „mangelhaft“ empfundenen Ganztag zurück. Die Kritik: zu wenig Geld für Pädagogik, zu wenige Räume. Schweppe hielt das damals für einen Einzelfall.

53 von 134 Grundschulen haben Ganztagsklassen

Zurzeit bieten 53 von 134 Grundschulen rhythmisierte Ganztagsklassen an. Rhythmisierung heißt: Von 8 bis 16 Uhr wechseln sich Lern-, Übungs-, Freizeit- und Ruhephasen ab. Die Schüler müssen die komplette Zeit teilnehmen. Hat sich das Konzept einmal etabliert, schwärmen Rektoren davon – auch weil es als pädagogisch überlegen gilt. Doch der Start ist hart. Räume werden gebraucht: zum Musizieren, für Experimente, für Gruppenarbeit. Der Freistaat zahlt bis zu zwölf zusätzliche Lehrerstunden pro Woche. Daneben sind die Schulen auf Kooperationspartner, etwa Vereine, angewiesen, die pädagogische Angebote machen.

Doch diese steigen nun reihenweise aus. Der Verein Initiativgruppe ist nur noch an einer Grundschule im gebundenen Ganztag engagiert – bis Ende des Schuljahrs. Der Verein Spielen in der Stadt, der an sieben Schulen unter Vertrag ist, geht keine neue Kooperation mehr ein. Die Innere Mission, früher an sieben Schulen aktiv, zog sich 2016 zurück. Entsprechend stagniert der Ausbau: Zum aktuellen Schuljahr haben nur drei Grundschulen den Ganztag neu eingeführt, zum kommenden liegen laut Bildungsreferat fünf Anträge vor. Auch Eltern scheinen weniger interessiert: Wünschten sich 2012 noch 43 Prozent diese Betreuungsform, waren es 2016 nur 37 Prozent.

Die Ausstiegsgründe: „Das Geld reicht nicht“, sagt Manfred Bosl von der Initiativgruppe. Mit 6600 Euro pro Klasse im Schuljahr muss ein Verein drei Doppelstunden in der Woche gestalten. 5500 Euro davon zahlt die Stadt, 1100 der Freistaat. „Damit können wir unseren Kulturpädagogen kaum adäquate Honorare zahlen“, sagt Alexander Wenzlik von Spielen in der Stadt. Vor allem die Personalverwaltung werde nicht finanziert, laut Mechthilde Heiler vom Kreisjugendring auch das Material nicht. „Ständig müssen wir mit Schulleitern externe Fördergelder einwerben“, so Wenzlik. „Der gebundene Ganztag ist administrativ nicht zu leisten“, sagt Christine Trieb-Hummel von der Inneren Mission. Wenzlik wird deutlich: „Ein qualitativer Ganztag wird strukturell verhindert.“ Dass er funktionieren kann, zeigten die Realschulen, bei denen die Stadt finanziell freie Hand hat.

Seehofer soll „bedarfsgerechtes Ganztagsangebot“ wollen

Das „Netzwerk Ganztagsbildung“, dem zig Münchner Akteure angehören, hat kürzlich ein Forderungspapier erstellt. Zitiert wird Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der in seiner Regierungserklärung 2013 zusicherte, dass es „bis 2018 in allen Schularten“ für jeden Schüler bis 14 Jahre „ein bedarfsgerechtes Ganztagsangebot“ geben werde. Davon kann München nur träumen: Aktuell sind 75 Prozent der Grundschüler mit einem Betreuungsplatz – in Hort, Ganztagsschule oder Mittagsbetreuung – versorgt, während 86 Prozent einen bräuchten.

Laut Kultusministerium wird Seehofers Ganztagsgarantie umgesetzt, weil man ja jeden Antrag der Schulen genehmige. Die Akzeptanz des Ganztags hänge „nicht in erster Linie von der finanziellen Ausstattung ab“, sondern wesentlich „vom pädagogischen Konzept“ der einzelnen Schule. Dennoch werde „zurzeit geprüft“, die 6600 Euro aufzustocken. Zugleich betont das Ministerium, dass es vor allem den offenen Ganztag – bei dem Schüler nach dem Unterricht halbtags betreut werden – gerne mehr fördern würde.

Bildungsreferat: Alle neuen Schulen sind auf Ganztag ausgelegt

Zur Raumfrage verweist das Bildungsreferat darauf, dass alle Schulneubauten und -erweiterungen nach dem Lernhauskonzept erfolgten, das den Ganztag unterstütze. Referentin Beatrix Zurek (SPD) will am gebundenen Ganztag festhalten, aber weniger uneingeschränkt als ihr Amtsvorgänger. Mehrfach hat sie angekündigt, vor allem den Elternwünschen nachkommen zu wollen.

Zwar bedauern viele Vereine, den gebundenen Ganztag zu verlassen: „Weil das rhythmisierte Konzept viele Möglichkeiten für Chancengerechtigkeit bietet“, sagt Bosl. Doch nach Jahren des Herumexperimentierens ist laut Heiler eine Grenze erreicht. Manche Träger zieht es nun eher in den offenen Ganztag – der vom Freistaat besser finanziert ist.

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