Gastbeitrag der Verbraucherzentrale

Mal ernsthaft. Wie soll ein 27-Jähriger in München fürs Alter vorsorgen?

München - München, du bist so teuer. Wie soll ein 27-Jähriger Geld für später an die Seite legen? Wir haben Merten Larisch von der Verbraucherzentrale Bayern gefragt. In seinem Gastbeitrag beschreibt er ein aufschlussreiches Beratungsgespräch. 

„Na, sehr viel ist es ja nicht, was ich verdiene: monatlich netto etwa 1.800 Euro. Damit kann man in München nicht unbedingt eine Familie gründen, vor allem nicht, wenn ich auch noch fürs Alter sparen soll“, sagt mir Maximilian Fischer (Name wurde geändert). Drei Wochen hat er auf den Termin bei der Verbraucherzentrale Bayern gewartet, nun sitzt er vor mir im Beratungszimmer. Der 27-jährige angestellte Sozialpädagoge hat bei uns eine umfassende Altersvorsorgeberatung gebucht. Um knapp zwei Stunden übers eigene Geld zu reden. Wie sei er auf uns, die Verbraucherzentrale, gekommen? Über Freunde. Die hätten berichtet, dass man hier unabhängig beraten wird, ohne dass einem etwas aufgeschwätzt wird.

„Ich habe ja schon nach meinem Studium, vor zwei Jahren, bei einem Finanzberater einen Rentenvertrag abgeschlossen“, erzählt Herr Fischer. „Keine Ahnung, ob der Vertrag auch wirklich Sinn macht. Ich bezahle da 260 Euro im Monat rein, und nun verkündet mir die Versicherungsgesellschaft, sie könne den einen Fonds nicht mehr weiterführen und löst ihn auf. Ich soll mich jetzt für einen oder mehrere andere Fonds entscheiden – aber ich habe doch davon gar keine Ahnung. Außerdem ist der Wert viel geringer als meine eingezahlten Beiträge.“

Letztlich möchte der junge Mann auch wissen: Zahlt er damit zu viel oder zu wenig für seine Altersvorsorge? Oder solle er sein Geld lieber anders anlegen? „Lassen Sie uns einmal der Reihe nach vorgehen, Herr Fischer“, schlage ich vor. „Ihr finanzielles Leben soll nicht erst mit dem Rentenalter beginnen. Auch heute muss Ihre Kasse stimmen.“

Merten Larisch im Beratungsgespräch.

Gemeinsam schauen wir uns seine Finanzübersicht an, die er auf einem fünfseitigen Formular für das Gespräch aufgestellt hat: seine monatlichen Einnahmen, Ausgaben, bisherige Verträge für Versicherungsschutz. Miete 770 Euro, ein Kredit, als Geldanlage ein Bausparvertrag. Hat Fischer seine Finanz-“Baustellen“ gut im Griff? „ Altersvorsorge sollte aus einer gesicherten Deckung heraus erfolgen“, drücke ich es mal im Fußballslang aus. Also in der folgenden Reihenfolge: erst einmal eine eiserne Reserve für die unregelmäßigen zukünftige Ausgaben aufbauen. In einem gut verzinsten Tagesgeldkonto. Als nächstes: die zwei wichtigsten Versicherungen – richtig - abschließen. 

„Eine ausreichende Privathaftpflichtversicherung haben Sie schon. Der Berufsunfähigkeitsschutz ist leider an die fondsgebundene Rentenversicherung gekoppelt und läuft nur bis zum 60. Lebensjahr“, sage ich. Gesetzliche Rente erhält er im Zweifelsfall erst ab 67. Eine finanziell unüberbrückbare Zeit, wenn es hart auf hart kommt! Und von den 660 Euro versicherter Berufsunfähigkeitsrente könne er im Falle des Falls nicht so leben wie gewohnt, geschweige denn fürs Alter sparen. Ich erstelle ihm eine Tarifübersicht für Berufsunfähigkeitsversicherungen und erläutere ihm das weitere Vorgehen.

Nun fragt Fischer mich: „ Jetzt blieben noch roundabout 100 Euro monatlich für die Altersvorsorge übrig. Reicht das?“ Wir einigen uns: Die schnelle Tilgung seines mit 3,29 % Zins belasteten Kredits wird ihm durch die wegfallende Rate deutlich mehr finanziellen Spielraum geben. Das Geld dafür liegt in seinem Bausparvertrag, der mit 0,1 % Verzinsung vor sich hin dümpelt.

Für den zu erwartenden Fall planmäßiger Gehaltssteigerungen spielen wir mit Zahlen: Wir möchten wissen, wie hoch er seine Altersvorsorgebemühungen ansetzen sollte, wenn sein Berufsleben „normal“ verlaufen wird. Um einen moderaten Lebensstandard auch im Rentenalter halten zu können, ergibt sich bei ihm eine Größenordnung von etwa 250 Euro monatlicher Sparrate. Berücksichtigt sind hier zum Rentenbeginn: seine zu erwartenden gesetzlichen und betrieblichen Renten; auf der Ausgabenseite Steuern auf Alterseinkünfte, Kranken- und Pflegebeiträge und die Wirkung der Teuerung. 

Angesichts der 40-Jahr-Vorausschau ist klar: Es ist eine Prognoserechnung, die so in ihrer Genauigkeit nicht eintreten wird. Deshalb tut Fischer gut daran, von Zeit zu Zeit diesen modellhaften Finanzplan anzupassen. Wenn er mehr verdient, wenn er heiraten sollte oder eine Immobilie finanziert. „Und mit welcher Verzinsung haben Sie dabei gerechnet?“, fragt mich der Single. – „Eher mit einer Erwartungsrendite, die sich aus Ihrem – von uns besprochenen – Anlegerprofil ergibt“, erwidere ich. „Als ausgewogener Anleger gehen Sie aus heutiger Marktsicht von 3,5 % Rendite pro Jahr im Durchschnitt aus. Das bedeutet, dass die eine Hälfte Ihrer Sparrate von Ihnen verzinst angelegt wird, die andere in den Aktienmarkt.“

Konkret erläutere ich Fischer, wie ein Banksparplan funktioniert und bei welcher Bank dafür noch Zinsen über 1,5 % zu finden sind. Für die Teilanlage in den Aktienmarkt eignet sich als Basis ein flexibler Indexfonds-Sparplan auf einen breit streuenden Aktienindex wie den MSCI World. Angeboten werden diese vor allem von Direktbanken. Sie können jederzeit an die finanziellen Lebensverhältnisse angepasst werden, sind im Gegensatz zu gemanagten Fonds kostengünstig und frei von Managementfehlern.

„Und wie sieht es mit Rentenversicherung, Riester- und Rürup-Verträgen aus? Oder soll ich von dem Angebot meines Arbeitgebers für Bruttoentgeltumwandlung Gebrauch machen?“, fragt Fischer. Ich zeige ihm die Besonderheiten dieser geförderten Versicherungsprodukte auf: Hohe Kosten bei provisionsvermittelten Verträgen drücken meist zu stark auf die Rendite und fressen einen Teil der Förderung auf. Die Rentenhöhen sind oft unrealistisch kalkuliert. „Bruttoentgeltumwandlung lohnt sich für Sie nur, wenn Sie erstens einen Arbeitgeberzuschuss von mindestens 30, besser 40 Prozent erhalten und zweitens kein Eigenkapital für eine Immobilie ansparen möchten“, setze ich fort.

Nach 110 Minuten „individuellem Finanzcrashkurs“, wie es Fischer ausdrückt, sieht er seine Aufnahmefähigkeit für heute erschöpft. „Eins habe ich auf jeden Fall begriffen“, fasst der junge Mann zusammen. „Je einfacher die ausgewählten Sparprodukte, umso weniger Kosten gehen ab, umso mehr Rendite bleibt bei mir.“ Die komplizierte Fondspolice mit den intransparenten gemanagten Investmentfonds möchte er wohl nicht mehr fortführen.

Diesen Gastbeitrag schrieb Merten Larisch. Er berät seit 2002 als Projektleiter Altersvorsorge- und Geldanlageberatung bei der Verbraucherzentrale Bayern in jedem Jahr etwa 500 Verbraucherhaushalte individuell zu ihrem Finanzbedarf.

Weitere starke, bewegende, erstaunliche Gastbeiträge auf unserem Nachrichtenportal:

  • Das Leben in München ist teuer. Studentin Sandra Meier schreibt in ihrem Gastbeitrag über die (Un-)Möglichkeit, mit 25 Euro in der Woche in München zu leben. Sie sagt, sie nehme nur sehr ungerne Geld von ihren Eltern an. Sie will zeigen, dass sie auf eigenen Beinen stehen kann.
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Sehen Sie alle Gastbeiträge unseres Nachrichtenportals auf dieser Überblicksseite.

Rubriklistenbild: © dpa

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