Teil 3 unserer Serie

Ex-Tramfahrer packt aus: Die Angst vor Unfällen fährt immer mit

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Helmut R. spricht in seinem Gastbeitrag über seinen früheren Beruf als Trambahnfahrer.  Er möchte nicht erkannt werden, daher zeigen wir ihn nicht vollständig und haben seinen Namen geändert.

Helmut R.* war rund 20 Jahre in München als Tram- und Busfahrer unterwegs. Im dritten Teil unserer Gastbeitrags-Serie erzählt er, warum Fahrer immer mit einem Bein im Knast stehen.

Als Trambahnfahrer hat man außer der Notbremse und der Klingel nicht viele Möglichkeiten, einen Unfall zu verhindern. Die Angst fährt permanent mit. Man muss zu hundert Prozent konzentriert sein. In den letzten Monaten gab es mehrere tödliche Unfälle in München. Die Angst, dass einem so etwas auch mal passiert, ist sehr groß.

Mir ist nicht nur einmal jemand reingekracht. Vier oder fünf Mal habe ich einen Unfall gehabt. Im Vergleich zu anderen Kollegen bin ich noch relativ verschont geblieben. Bei mir gab es zum Glück niemals Verletzte. Trotzdem steht man als Trambahnfahrer immer mit einem Bein vor Gericht. Wenn ich als Fahrer die gefährliche Situation hätte erkennen müssen, dann wird es kritisch vor Gericht. 

Einen Unfall mit kleinen Kindern – so etwas merkt man sich

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass eine rote Linksabbieger-Ampel die Autofahrer teilweise gar nicht interessiert. Der Blinker ist draußen, aber das Bremslicht leuchtet einfach nicht auf. Da kann ich nur die Notbremse reinhauen und hoffen, dass nichts passiert.

Man weiß nie, wer in diesem Auto sitzt. Ich hatte mal einen Unfall mit einem Auto, in dem kleine Kinder saßen. Plötzlich stand ein Auto vor mir, dann krachte es auch schon. Ich kam nicht mal mehr dazu, die Notbremsung einzuleiten. 

Die zwei kleinen Kinder waren zum Glück angegurtet im Kindersitz, haben aber natürlich furchtbar geheult, weil sie sich erschrocken hatten. Glücklicherweise fuhr ich nicht mit hoher Geschwindigkeit. Dieser Unfall war 1996 – so etwas merkt man sich. 

Einmal riss ein Auto beim Schleudern die Tram-Tür heraus

Mein letzter Unfall war im Jahr 2000. Ich fuhr auf eine Kreuzung zu, die Autofahrer hatten Rot, die Straßenbahn hatte ihren Fahrbalken. Normalerweise muss zuerst die Straßenbahn die Kreuzung freimachen, erst dann bekommt der Autoverkehr grünes Licht. 

An dem Tag war es anders: Kurz bevor ich die Kreuzung queren konnte, schaltete die Ampel für die Autos auf Grün. Der Autofahrer, dessen Fahrzeug ich dann gerammt habe, hat nicht geschaut, ob da eine Tram kommt. Das war für die Versicherung sehr teuer, das Auto hat mit seinem Heck im Wegschleudern die zweite Tür der Straßenbahn rausgerissen. Es ist zum Glück nichts weiter passiert. Wäre er eine Zehntelsekunde früher in der Kreuzung gewesen, dann hätte ich ihn volle Kanne erwischt. Dann läuft es nicht ohne Verletzungen ab. 

Es gibt die allgemeine Regel, auf Schienenverkehr zu achten, wenn man das nicht beachtet, hat man ein Problem. 

Für die Person, die den Unfall verursacht hat, ging es nicht ganz glimpflich aus. Dem Fahrer hat der Wagen nicht gehört und der eigentliche Besitzer hatte die Versicherung nicht bezahlt. Der hat dann versucht, die Schuld auf mich abzuwälzen. Ich musste vor Gericht aussagen.

„Hat der Trambahnfahrer wieder einen abgeschossen...“

Mich ärgert die negative Darstellung der Fahrer in der Öffentlichkeit, wenn ein Unfall passiert ist. Im November ist vor dem Goethe-Institut eine Tram mit einem Lieferwagen der Post kollidiert. 

Die Kreuzung ist ampelgeregelt: Wenn also die Trambahn kommt, haben die Linksabbieger Rot. Das Postfahrzeug ist also bei Rot gefahren. In der Öffentlichkeit wurde das nicht gesagt. Da hieß es: „Hat der Trambahnfahrer mal wieder einen abgeschossen...“

Der Druck auf die Fahrer ist immens, ich bin froh, dass ich dem jetzt nicht mehr ausgesetzt bin. Wenn ich mal nicht so gut geschlafen habe – und das kommt vor –, dann würde das in einem Büro keinen großen Unterschied machen. Wenn ich deswegen aber als Tramfahrer einen Fehler mache und eine Situation falsch einschätze, dann sterben schlimmstenfalls Menschen.

Mein Rat an alle Autofahrer: Bevor ihr links abbiegt und wenn ihr Schienen seht: besser zweimal in den Rückspiegel schauen. Theoretisch mag die Strecke frei sein, und der Hintermann drängelt vielleicht auch schon, aber wenn die Tram euch erwischt, ist das Nebensache.

Meinen Kollegen würde ich raten: Genießt jeden Tag, an dem nichts passiert. 

*Dies ist ein Gastbeitrag von Helmut R. (52, Name von der Redaktion geändert); protokolliert von Vanessa Fonth

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