Teil 1 unserer Serie

Ex-Tramfahrer packt aus: Münchner Fahrgäste sind verwöhnt

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Helmut R. spricht in seinem Gastbeitrag über seinen früheren Beruf als Trambahnfahrer.  Er möchte nicht erkannt werden, daher zeigen wir ihn nicht vollständig und haben seinen Namen geändert.

Helmut R.* war viele Jahre in München als Tram- und Busfahrer unterwegs. Im ersten Teil unserer Gastbeitrags-Serie möchte er den Fahrgästen ins Gewissen reden.

Wegen Verspätungen regen sich viele Fahrgäste auf. Doch dafür können die Fahrer meist am allerwenigsten. Das hält Fahrgäste aber nicht davon ab, die Fahrer zu beschimpfen und zu beleidigen. Ich habe einige negative Erfahrungen gemacht. 

Wegen einer Verspätung bin ich schon mal richtig scharf angegangen worden. „Sie sind zwei Minuten zu spät, das ist eine Frechheit, zwei Minuten zu spät zu kommen.“ Mit dem Bus! Wo man es doch mit dem ganzen Autoverkehr zu tun hat. Manchmal ist nicht jede Ampel grün. Manchmal braucht man länger, weil man zum Beispiel noch einem Rollstuhlfahrer die Rampe ausklappt. Das dauert seine Zeit. 

Die Münchner im Speziellen sind schon sehr verwöhnt mit dem Fünf- oder Zehn-Minuten-Takt. Die Fahrer versuchen schon so pünktlich wie möglich zu sein. Es gibt einen Sekunden-Fahrplan. Ein U-Bahnfahrer zum Beispiel kann einen Fahrgast, der noch angelaufen kommt, nicht mitnehmen. Das geht einfach nicht, weil der nächste Zug schon hintenansteht. Das verstehen viele Menschen nicht und regen sich auf: „Warum hat der mir die Tür vor der Nase zugemacht?“, fragen die dann. 

Wenn der Fahrer auf diesen einen Fahrgast wartet, dann verspätet sich die nächste U-Bahn und so geht das dann weiter. Gerade an Bahnhöfen, die einen hohen Fahrgastwechsel haben. Ab der Münchner Freiheit fahren die schon an der absoluten Kapazitätsgrenze. 

Fahrgast schreit: „Das ist Körperverletzung! Ich zeige Sie an“

Es gibt zum Beispiel Fahrgäste, die nicht wissen, dass die Türen automatisch schließen. Nach vier Sekunden. Wenn sie dann nicht drin sind, werden sie angestoßen, aber die Türen öffnen sich wieder. 

Konkreter Fall: Stachus Richtung Hauptbahnhof, die Türen schließen sich und ich fahre los. Da höre ich hinter mir im Zug Fußgetrampel und denke mir, dass mich einer was fragen will. Kurz bevor diese Person den Fahrerstand erreicht, fängt sie schon an zu schreien: „Sie haben mich eingeklemmt, das ist Körperverletzung! Ich zeige Sie an.“

Ich wollte mich erklären und habe gesagt: „Entschuldigung, aber das sind Automatiktüren.“ Da wurde es noch schlimmer: „Da vorne braucht man sowieso nur einen dressierten Affen. Sie kommen mit Sicherheit aus dem Knast, sonst würde den Job doch keiner machen.“ 

Zwei Haltestellen später ist eine alte Dame ausgestiegen und hat beim Aussteigen zu mir gesagt: „Also, wie Sie da so ruhig bleiben können, ich zittere jetzt noch am ganzen Körper.“ Das zu hören, hat gut getan.

Die Münchner Fahrgäste sind schon sehr verwöhnt 

Ein anderes Mal habe ich einen Fußgänger knapp davor bewahrt, überfahren zu werden. Dafür durfte ich mir dann was anhören. Es war neblig und ich habe fast nichts gesehen. Ich fahre gerade die Haltestelle Chiemgaustraße an. Und da ist alles rot, nur die Straßenbahn darf zufahren. Und ich sehe noch im letzten Moment, dass da Fußgänger bei Rot über die Ampel gehen. Ich habe dann sofort die Notbremsung eingeleitet. Dabei wird Sand auf die Schienen gestreut, damit die Tram auch wirklich zum Stehen kommt. Außerdem läutet die Glocke automatisch. 

Ich schaffe es also gerade so anzuhalten, da schaut mich der eine an und sagt: „Was will du, du blöder Wi***“. Da fällt einem nichts mehr ein. Das bleibt hängen, obwohl das schon 15 Jahre her ist.

Irgendwann kommt einmal die Einsicht, es hätte jeder abkriegen können, der gerade zufällig im Fahrerhäuschen gesessen hätte. 99,9 Prozent der Fahrgäste sind in Ordnung. Aber diese 0,1 Prozent können einem den ganzen Tag verderben. 

Das Problem ist, solche Situationen bleiben hängen, das arbeitet in einem und entzieht einem die Aufmerksamkeit. Da bleibt was zurück. Es sind nicht die Einzelfälle, sondern die Summe der Einzelfälle. 

Es ist Ihnen zu teuer? Dann fahren Sie doch Taxi.

Es sind ja auch viele Fahrgäste der Meinung, dass wir zu teuer seien. Ein Fahrgast hat sich mal darüber aufgeregt, dass er für eine Einzelfahrkarte 2,80 Euro zahlen sollte. Er meckerte, dass er doch nicht die ganze Straßenbahn kaufen wolle. Ich habe auf den Taxistand gezeigt und zu ihm gesagt: „Drüben stehen die Taxis, da können Sie einsteigen, dafür zahlen Sie schon mal 3,50 Euro Grundgebühr und sind noch keinen Zentimeter gefahren. Für diese 2,80 Euro können Sie bei mir von Trudering bis nach Moosach fahren.“ 

Das Problem ist, dass die meisten Menschen nicht wissen, was alles dranhängt, dass ein Fahrzeug genau zu dieser Zeit auf dieser Strecke fährt. Erst muss die Strecke geplant, dann gebaut, dann müssen Fahrzeuge beschafft, dann die Fahrer angestellt werden. Die müssen jährlich geschult werden, die Fahrpläne werden abgestimmt aufeinander. Als Außenstehender ist das schwierig zu sehen, was alles dahintersteckt. Klar sind 3,20 Euro für die paar Meter viel - aber im Gesamten?

Das hier ist mein Appell an die Fahrgäste

Trambahnen oder Busse fahren immer - egal ob einer mitfährt oder nicht. An einem Sonntag war ich mit der Linie 194 nach Trudering seit 5 Uhr morgens unterwegs. Um 9 hatte ich den ersten Fahrgast. Ein privater Unternehmer würde nur zu Zeiten fahren, zu denen er Geld verdient. Die MVG aber ist dazu verpflichtet, immer zu fahren.

Manche wollen nur schimpfen und die Zusammenhänge gar nicht kennen. Daher nun mein Appell an die Fahrgäste: Habt bitte etwas mehr Verständnis für die Menschen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit, 365 Tage im Jahr für euch da sind. 

In Teil zwei der Serie erzählt der Tramfahrer, warum der Job für ihn irgendwann schließlich unerträglich wurde.

*Dies ist ein Gastbeitrag von Helmut R. (52, Name von der Redaktion geändert); protokolliert von Vanessa Fonth

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