Brief an MVG, S-Bahn und Staatsregierung

Dieser Nahverkehr ist der 1,5-Millionen-Stadt München unwürdig

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Ewig diese Verspätungen, Störungen, Sperrungen in Münchens Nahverkehr. Eine unwürdige Situation für eine Großstadt, schreibt die Aktion Münchner Fahrgäste in ihrem offenen Brief. Damit wird sie einen Nerv bei vielen Pendlern treffen. 

Liebe Staatsregierung, liebe MVG, liebe Münchner S-Bahn, München wächst – und manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Tatsache bei Ihnen noch nicht in all ihrer Dramatik angekommen ist. Darüber müssen wir reden. Denn es werden ja nicht weniger Leute. Es werden mehr. Die Prognosen liegen alle bereits vor. Es darf nicht sein, dass sich Fahrgäste nur im Stillen über die Verspätungen, Linien und Fahrpläne ärgern. Die Vermeidungstaktik „Nicht zu fahren“ – also zum Beispiel morgens zwischen 7 und 9 Uhr auf U-Bahn, S-Bahn, Tram und Bus zu verzichten – darf im Ballungsraum München keinesfalls die Lösung sein. München ist kein Dorf – sondern der Motor für die bayerische Wirtschaft. 

Werten Sie die täglichen Meldungen über Störungen und Streckensperrungen aus? Dahinter steckt wachsender Frust der Fahrgäste. Nicht nur unvorhergesehene Störungen lassen sie verzweifeln. Ärger bereiten auch die Schwächen des MVG-Fahrplans, etwa die langen Taktungen: Dass werktags die U-Bahn im Zehn-Minuten-Takt fährt, die S-Bahn im 20-Minuten-Takt, ist einer 1,5-Millionenstadt unwürdig.

Zwei Beispiele, die irgendwann jeden betreffen können:

Beispiel 1) Wer am Sonntag morgens vor 9 Uhr vom Bonner Platz oder der Dietlindenstraße mit der U3 beziehungsweise U6 zum Hauptbahnhof fahren will, kommt nur im 20-Minuten-Takt dorthin. Die gilt auch für die anderen U-Bahnlinienin in der Stadt. Gehen Sie davon aus, dass um diese Uhrzeit alle Menschen in der Großstadt schlafen? Oder frühstücken? Einen 20-Minuten-Takt haben sogar Gemeinden im Umland.

Beispiel 2) Wer Pläne für den Abend oder die Nacht hat, sollte seinen Heimweg vorher recherchieren: Nicht, dass man nach Mitternacht wieder an irgendeiner Haltestelle strandet, eineinhalb Stunden zu Fuß nach Hause braucht, 30 Minuten auf den Nachtbus wartet – oder trotz IsarCard ein Taxi zahlen muss.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter und der MVG-Chef Ingo Wortmann geben die neue Tram-Linie 25 nach Steinhausen frei. 

Trotzdem erhöht der MVV alljährlich die Fahrpreise! Kein anderer vergleichbarer Tarfiverbund erhöht die Preise so stark wie der MVV; im Dezember 2016 um durchschnittlich 2,9 Prozent. Im Vergleich: Berlin erhöhte im selben Zeitraum um 0,5 Prozent und Hamburg um 1,4 Prozent.

Aber es gibt auch planerische Fehlleistungen, wie sie sich die MVG nach Eröffnung der Linie 25 nach Steinhausen geleistet hat. Buslinien, die früher von Zamdorf direkt zum Max-Weber-Platz fuhren, enden nun am S-Bahnhof Berg am Laim. Fahrgäste werden zum Umsteigen auf die Tram gezwungen. Solche Linienverbiegungen gibt es auch woanders. Seit 2009, mit Einführung der Tramlinie 23, fahren die Buslinien 140, 141 nicht mehr direkt zur Münchner Freiheit. Bewohner an der Ingolstädter Straße werden zum Scheidplatz gefahren oder müssen in die Tram umsteigen.

Punktuelle Sofortlösungen sind besser, als Jahrzehnte lang auf einen Tunnel zu warten, meinen wir von der Aktion Münchner Fahrgäste. Gemeint sind die jährlichen Verbesserungen bei der S-Bahn München oder bei der MVG , wie Taktverdichtungen auf allen U-Bahnlinien, Verbesserungen bei den Nachtlinien und die Schaffung von Ringlinien bei Bussen. Solche punktuellen Sofortlösungen müsste es noch viel mehr geben!

Neuerungen am Liniennetz stoßen irgendwann an Grenzen. Es muss gebaut werden. Leider ist vom Sofortprogramm der Staatsregierung für den S-Bahn-Ausbau vom Mai 2012 nicht viel umgesetzt worden. Die vorgesehenen Ertüchtigungen von Außenstrecken bleiben auf der Strecke. Und: Bis heute warten die Fahrgäste auf den Regionalzughalt Poccistraße, der im Störungsfall auch von der S-Bahn angefahren werden sollte.

Jahrzehntelang blockierte der zweite Tunnel weitere Netzplanungen. Alle Überlegungen zum Ausbau des Streckennetzes wurden den Planungen „Zweite Strammstrecke“ untergeordnet. Allein die Erwähnung des Südrings war Teufelszeug.

Doch neben laufenden Erneuerungen gibt es erheblichen Verbesserungsbedarf. Nach Tunnelbaubeginn muss frei und offen über Netzoptimierungen gesprochen werden. Bis heute scheint es ein Tabu zu sein nachzufragen, welche Züge die Bahn durch den neuen Tunnel schicken will. Von woher werden die Fahrgäste kommen? … und vor allem, wo wollen sie hin? Sicherlich bleiben nicht alle in der City. Vermutlich werden viele in die U-Bahn umsteigen.

Der U-Bahn-Ausbau kam völlig ins Stocken. Das gilt für die Verlängerung nach Pasing oder gar für die Planungen an der Durchmesserlinie U 9. Auch die Tram-Westtangente muss gebaut werden und das Liniennetz der Tram braucht eine Neustrukturierung.

Nachdem die Heilige Kuh „Strammstrecke 2“ nun gebaut wird, darf endlich ein Nachdenken über den Nordring und vor allem den Südring kein Sakrileg mehr sein!

Es muss für einen wachsenden Großraum geplant werden. Schon heute leben im MVV-Verbundraum rund drei Millionen Menschen.
 München und die umgebenden Landkreise werden deutlich überproportional wachsen. Die Staatsregierung muss mehr Geld für den öffentlichen Verkehr bereitstellen. Auf geht’s. Münchens Nahverkehr muss besser werden.

Mit großer Hoffnung auf baldige Besserung,

Roland Krack, Aktion Münchner Fahrgäste

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Meine S-Bahn fällt aus - wir helfen Ihnen sofort

Die S-Bahn fällt aus. Wie kommen Sie jetzt zur Arbeit, zur Uni, zum Arzt? Schnelle Hilfe gibt es auf Facebook. Wir haben für jede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein.

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Die Bahn will Verzögerungen bei der Abfahrt von S-Bahnen so gering wie möglich halten. Deshalb setzt sie seit Mittwoch Servicemitarbeiter ein, die den Fahrgästen klare Anweisungen am Bahnsteig geben. Das neue Personal darf sich vor die Türen der abfahrbereiten Bahn stellen und somit den „Reinhüpfern“ den Zutritt verweigern. Das Pilotprojekt, das an die Bahn in Tokio erinnert, läuft vier Wochen.

Lesen Sie auch: Im Münchner Rathaus bahnt sich der nächste Zwist um einen Deckel an. Diesmal geht es aber nicht ums Bier auf der Wiesn, sondern um die Preise für die MVV-Tickets. Die Preise für die MVV-Tickets sollen ein Jahr lang nicht erhöht werden, sagt Bürgermeister Josef Schmid. 

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