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Raue Sitten, keine Specials: Münchens bestes Lokal präsentiert eher eigenwilliges Konzept

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Taverne in Untergiesing
Eine griechische Taverne in Untergiesing überzeugt den Flaucherfranzl, hat aber ihre Eigenheiten. © Seelmäcker/Litzka

Eine Taverne, die ihn durch die Corona-Pandemie gebracht hat: tz.de-Kolumnist Flaucherfranzl adelt sein Lieblingslokal in München, das mit eigenwilligem Konzept überzeugt.

Breitschultrig wie der Koloss von Rhodos bahnt sich Kosta seinen Weg. Das auf Anschlag gespannte Camp-David-Hemd kann ihn kaum bändigen. Jetzt seine Mission zu stören, wäre keine gute Idee. Mächtige Pranken ranken sich um den Tentakelsalat. Auf seinem stattlichen Bizeps tuckert ein duftendes Souvlaki-Schiff durch die Taverne. Am Stammtisch angekommen, schüttelt er die Speisen ab, als wären sie lästige Fliegen.

Münchens bestes Lokal überzeugt mit ganz eigenem Konzept

Kosta kellnert in einer griechischen Taverne im Herzen von Untergiesing, die den archaischen Charme des Glasscherbenviertels bewahrt. Obwohl hornbebrillte Highperformer mit rußverschmiertern Arbeitern aus den Giesinger Kohlegruben an einem Tisch sitzen. Für mich ist es das beste Lokal in ganz München.

„Hey Leute, darf ich euch einmal kurz unsere Monatsspecials vorstellen?“ - „Es wäre sau nice, wenn ihr uns nachher in eurer Story verlinken könntet.“ Solche Sätze fallen nicht. Kosta fragt die Bedürfnisse seiner Gäste eher kompakt ab: „Was willst du?“ Monatsspecials? Gibt‘s nicht. „Zeitgeist“ ist ein Fremdwort. Aperol Spritz wird selbst an lauen Sommerabenden nur widerwillig serviert.

Gerade dann lädt die weinumrankte Laube zum Verweilen ein. Otto Rehhagel habe hier einst seinen Vertrag als griechischer Nationaltrainer unterschrieben, wird an den Stammtischen verschwörerisch geraunt. So sehr habe ihn die Atmosphäre mitgerissen. Kein Wunder.

„Jeden Abend könnte hier etwas Großartiges entstehen“

Steht der Wind günstig, trägt er die Schlachtgesänge der Gäste bis hinab zur Wittelsbacherbrücke. Heimspiel in Untergiesing. In der rustikalen Wirtsstube liegen sich Fans des örtlichen Fußballvereins in den Armen. Zwischen Vorspeisenplatte und Bauernpfanne finden sie die Liebe ihres Lebens oder schicken sie Richtung Harlaching. Jeden Abend könnte hier etwas Großartiges entstehen, die Luft riecht nach Aufbruch. Oder doch nach Knoblauch?

Die Achillesferse: Vegetarier würden sich auf der Speisekarte ein wenig mehr Auswahl wünschen. Was spricht eigentlich gegen ein dauerhaftes Gastspiel der „Imam Baldi“? Liebhabern des Meeresgetiers sei die „Dorade Royal“ empfohlen; fangfrisch aus dem Auer Mühlbach, wie Kosta glaubhaft versichert. Die dazu gereichten Weinschorlen versprechen prozentualen Zuwachs, der jeden EU-Währungskommissar zu Tränen rühren würde.

Lieber nicht von barscher Hotline verschrecken lassen

Schreitet der Abend voran, ist Kosta zunehmend in seiner Rolle als griechischer Feldherr gefordert. Weitsichtig wie Miltiades der Jüngere stapft er durch die Reihen, um die übermütigsten seiner Gäste einzunorden. Fällt doch mal wieder ein Glas um, lässt der Feldherr Gnade vor Recht ergehen. Kosta schüttelt dann kurz den Kopf und bringt die nächste Runde Ouzo an den Tisch. „Hol die Leiter, der geht auf‘s Haus“, heißt es dann. Und so würde es immer weiter gehen. Wäre da nicht die Sperrstunde. Pünktlich um 22 Uhr beendet der Feldherr die Schlacht.

Wer sich nun einen Besuch zutraut, sollte unbedingt einen Tisch reservieren. Sich von der barschen Telefon-Hotline abschrecken zu lassen, wäre ein unverzeihlicher Fehler. Kosta fragt die Bedürfnisse seiner Anrufer eher kompakt ab: „Was willst du?“

In unregelmäßigen Abständen beleuchtet tz.de-Kolumnist Flaucherfranzl gesellschaftliche Entwicklungen in der Landeshauptstadt München. Alle Beiträge finden Sie auf unserer Flaucherfranzl-Übersichtsseite.

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