Geburten-Tourismus: Sturm auf Frauenklinik

München - So viele Münchner Kindl wie 2010 gab es in der Landeshauptstadt lange nicht mehr. Dabei zeichnen sich einige Trends ab: Russen und Araber stürmen die Frauenklinik förmlich.

Statt vor angesagten Diskotheken bildeten sich in diesem Jahr lange Warteschlangen vor den Kreißsälen der Münchner Geburtskliniken. „Heuer wurden tatsächlich die meisten Kinder in der Landeshauptstadt seit 1998 geboren“, bestätigt Gerhardt Wirsing vom Geburtenbüro des Standesamts München. So erblickten bis zum 29. Dezember insgesamt 18 790 Mädchen und Buben das Licht der Welt.

Tabelle: Zahl der Geburten im Umland

„Bis einschließlich 31. Dezember werden es vermutlich noch einige mehr werden“, sagt Wirsing. 2009 wurden insgesamt 18 330 Kinder geboren, 2008 waren es 18 500. Ein kleines Tief gab es 2007. In dem Jahr kamen nur 17 877 Babys auf die Welt. Die Gründe für den Anstieg sind vielseitig. Wirsing zufolge gebe es ein neues Phänomen: So kommen immer mehr Frauen aus dem Ausland zur Entbindung in die Münchner Frauenkliniken. Mit dem Baby-Boom liegt München mal wieder voll im Trend. Laut Statistischem Bundesamt kamen in ganz Deutschland bis September fast vier Prozent mehr Kinder zur Welt als im Vergleichszeitraum 2009.

Tanja Wolff

Trends im Kreißsaal: Russen und Araber stürmen die Frauenklinik

Nicht nur die Zahl der Geburten hat sich verändert. Auch vieles andere rund um den Kreißsaal ist heuer anders als noch vor einigen Jahren. Dabei spielt nicht nur der medizinische Fortschritt eine Rolle. Was sich alles getan hat, erklärt Professor Klaus Friese. Er ist Direktor der LMU-Frauenklinik in der Maistraße und der Frauenklinik im Klinikum Großhadern.

Geburten-Tourismus

„In unseren beiden Kliniken haben wir mittlerweile sehr viele ausländische Patientinnen. Besonders häufig kommen sie aus Russland und den arabischen Ländern. Sie reisen hauptsächlich nach München wegen der guten medizinischen Versorgung. Ein weiterer Grund ist unsere moderne Pränataldiagnostik. Wir bieten unter anderem spezielle Ultraschalle an und können kranke Kinder bereits im Mutterleib mit Lasertherapie und auch mit minimal-invasiven Maßnahmen behandeln.“

Trend: Kaiserschnitt

Den Trend zum Kaiserschnitt gibt es schon länger. Mittlerweile kommt in Deutschland etwa jedes vierte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Besonders prominente Frauen wie Claudia Schiffer oder Angelina Jolie haben es vorgemacht. Der Grund dafür ist, dass die Geburt planbar ist, schmerzloser abläuft und schonender für Mutter und Kind sein soll. „Unser Ziel ist es allerdings, die Kaiserschnittrate zu verringern. Deshalb legen wir viel Wert auf ein Beratungsgespräch mit den werdenden Eltern. Darin klären wir sie über die Risiken auf. So kann es nach einem Kaiserschnitt zu Problemen bei den folgenden Schwangerschaften kommen, weil sich der Mutterkuchen an der Narbe festsetzen kann. In diesem Jahr hatten wir die Rekordzahl von 4000 Geburten, davon kamen 24 Prozent per Kaiserschnitt zur Welt.“

Wanne ist out

„Vor fünf Jahren wollten noch sehr viele Frauen ihre Kinder in der Wanne zur Welt bringen. Das war ein sehr großer Trend. Um auf die Nachfrage zu reagieren, haben sich fast alle Frauenkliniken eine Wanne für den Kreißsaal angeschafft. Heute allerdings will kaum noch eine Schwangere ihr Kind im Wasser zur Welt bringen.“

Mehr Schmerzmittel

„Im Trend liegt auf jeden Fall die Geburt mit Schmerzmitteln. Bei uns werden 40 Prozent der Entbindungen mit Hilfe einer Periduralanästhesie durchgeführt. Dabei handelt es sich um eine lokale Betäubung des Beckenbodens. Die Frau hat weniger Schmerzen und trotzdem eine natürliche Geburt. In diesem Bereich arbeiten wir mittlerweile mit sehr modernen Methoden. So kann die Frau während der Geburt per Handpumpe selbst regulieren, wie viel Schmerzmittel sie benötigt. Aber keine Angst: Eine Überdosierung ist dabei nicht möglich, da die Pumpe mit einem speziellen Filter ausgestattet ist.“

Männer fast immer mit dabei

„Kaum eine werdende Mutter ist alleine bei der Geburt. Heutzutage ist in aller Regel der Partner bei der Entbindung mit dabei. Der Trend geht mittlerweile sogar dahin, dass die frischgebackenen Väter die gesamte Zeit mit ihrer Partnerin und dem Säugling im Krankenhaus bleiben. Zum Glück haben wir in Großhadern und in der Maistraße entsprechend große Zimmer, wo problemlos noch ein Bett mit reingestellt werden kann. Die Kosten für den Krankenhausaufenthalt der Väter tragen allerdings nicht die Kassen.“

Mehr künstliche Befruchtungen

„Die Zahl der künstlichen Befruchtungen und damit auch der Mehrlingsgeburten steigt. Das liegt mitunter daran, dass die Mütter von heute immer älter werden. Viele wollen zuerst ihre Ausbildung absolvieren, ein paar Jahre arbeiten und dann ein Kind bekommen. Häufig sind die Frauen dann schon etwas älter, und damit wird es auch schwieriger für sie, auf natürlichem Wege schwanger zu werden.“

Rubriklistenbild: © dpa

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