Justins Gedenkstätte zerstört - Familie klagt an

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Papa Gega, Mama Gyla und Schwesterchen Jessika Gekaj– die Trauer um ihren Sohn und Bruder Justin lässt sie nicht ruhen. Der Bub wurde am 30. September 2010 auf der Rosenheimer Straße überfahren

München - Die Familie des kleinen Justin, der an der Rosenheimer Straße bei einem Unfall gestorben ist, hat eine Andachtsstelle errichtet. Alle trauern, doch immer wieder wird die Gedenkstätte geplündert.

Der Baum, an dem die Gekajs und die Haidhauser um den toten Justin trauern ist fast völlig leer geräumt

Was bleibt, sind die Erinnerungen. Ist der Schmerz, der niemals erlischt. Es ging alles so schnell: Am 30. September 2010 wird der fünfjährige Justin auf der Rosenheimer Straße in Haidhausen von einem Auto erfasst, 30 Meter weit geschleudert und tödlich verletzt. Vor den Augen der Mutter Gyla, von deren Hand sich der Kleine gelöst hatte. Vor den Augen der zweijährigen Schwester Jessika, die im Kinderwagen saß. Seitdem ist für die Familie Bekaj jeder Tag Überwindung. Trauertag. Ihrem Schmerz gibt die Familie viel Raum, und das ist die einzige Möglichkeit, das Leben zu meistern. Für Justin brennt noch immer eine Kerze im Wohnzimmer. Ein kleines Licht in der Dunkelheit, mal ruhig und warm, mal unruhig flackernd.

Die Familie hat am Unfallort eine Andachtsstelle errichtet. Ganz Haidhausen trauert mit der Familie, mit dem toten Buben. Doch die Wunde darf nicht heilen: Immer wieder wird diese Stätte von Unbekannten geplündert. Immer wieder öffnet sich die Wunde. Die Familie ist verzweifelt.

Bis zu jenem 30. September 2010 hat die Familie sich mit Mut und Fleiß eine glückliche Existenz geschaffen. Vater Gega verließ 1992 seine Heimat Kosovo, als der Bürgerkrieg drohte. Ging nach Deutschland, fand einen Job als Verputzer. Seit elf Jahren lebt er in München, vor zehn Jahren holte er seine Gyla nach. Das Paar heiratete, die beiden Kinder kamen zur Welt. Alles ging seinen Weg. Bis zu jenem 30. September 2010.

Justin mit seiner Mama Gyla Bekaj und Schwesterchen Jessika voriges Jahr auf der Wiesn

„Warum musste das passieren? Wieso hatte niemand etwas unternommen, damit diese gefährliche Straße sicherer wird?“ Justins Vater klagt an: „Es gibt hier so viele Kinder im Viertel. Der Verkehr auf der Rosenheimer Straße ist viel zu stark. Und die Polizei kontrolliert viel zu wenig.“ Als Gyla damals am Nachmittag ihren Justin vom Kindergarten abholte, stauten sich die Autos stadtauswärts. „Meine Frau konnte sich mit dem Kinderwagen nur durch die Autos hindurchschlängeln – obwohl die Fußgängerampel grün war.“

Gega Bekaj fällt es schwer, sich daran zu erinnern. Nur mühsam kann er seine Tränen unterdrücken. Justins Freunde waren schon auf der anderen Straßenseite. Der Bub reißt sich plötzlich von seiner Mama los und rennt über die Straße. Den stadteinwärts fahrenden Wagen sieht er nicht. Justin stirbt im Krankenhaus.

Auch der 19-jährige Fahrer des Unglücksautos muss den Rest seines Lebens mit der Tragödie fertig werden. „Er war zu schnell“, ist Bekaj überzeugt. „Hier fährt doch niemand 50, sondern mindestens 60.“

Haidhausen war geschockt. Die Nachbarn legten Blumen an dem Baum nieder, vor dem der tödlich verletzte Bub liegen blieb. Kinder zündeten Kerzen an, legten Süßigkeiten und Plüschtiere unter den Baum. Justin soll auch beim lieben Gott etwas zu naschen und kuscheln haben. Die Gekajs hefteten Fotos ihres Sohnes an den Baum, schmückten ihn mit Stoffblumen, hängten Rosenkränze dazu.

Doch die Liebesbekundungen verschwinden immer wieder über Nacht. Die Kreuze, die Blumen, die Fotos. „Wer stiehlt denn die Bilder unseres Sohnes? Ein Fremder kann doch damit nichts anfangen!“, sagt der Vater verzweifelt. „Und wer stiehlt denn Rosenkränze und Kreuze?“ Verwandte hängten Zettel an den Baum: Bitte bringt die Sachen zurück! Vergebens.

Jeden Tag kommt Gega an dem Ort des Todes vorbei. Und muss immer wieder feststellen, dass etwas fehlt. Vor drei Wochen war die Trauerstelle sogar völlig abgeräumt worden. „Wir haben den Baum wieder geschmückt. Doch diesen Montag Abend war schon wieder fast alles weg.“

Die tz fragte bei der Stadtverwaltung nach. „Unser Bauhof hat die Trauerstätte nicht abgeräumt, wir gehen in solchen Fällen immer sehr behutsam vor.“ Auch der Betreiber des Elektrogeschäfts nebenan hat nichts beobachtet. „Das war wieder so eine Nacht- und Nebelaktion. Das sind wohl irgendwelche Ordnungs-Fanatiker“, mutmaßt ­Werner Strohmeier. „Dabei hält die Familie den Baum in Ordnung, räumt die abgebrannten Kerzen weg.“

Will jemand gar die Familie zwingen, die Trauer zu beenden? Vater Gega ist jedenfalls noch lange nicht so weit, mit dem Tode ­seines Sohnes zurechtzukommen. „Der Justin war so ein ruhiger, intelligenter Bub. Der Schmerz sitzt so tief. Wir werden ihn nie vergessen.“

Und so wird die Kerze im Wohnzimmer weiter brennen. Mal flackernd, mal ruhig und warm. In einer Ecke im Wohnzimmer, umgeben von Rosenkränzen, Heiligenbildern, Fotos des geliebten Kindes. Und so werden die Gekajs wohl auch dieses Weihnachtsfest wieder eine Krippe für Justin aufbauen. Für einen kleinen Buben, der es vielleicht irgendwann schafft, seine Eltern wieder zum Lachen zu bringen – wenn sie an ihn denken.

Johannes Welte

So trauert Familie Bekaj im Internet

Auch im Internet beweinen die Bekajs ihren Justin mit einem Video auf youtube. Ein Onkel hat dazu gedichtet: „Wie eine Blume lag ich für Dich über Deinem Sarg. Du fehlst mir sehr, aber ich kann Dich nicht mehr sehen. Die Erde ist so kalt wie mein Herz, mit vielen Tränen ohne Freude. Wärst Du nur noch einmal lebend hier, ich verspreche Dir, Du wärest voller Stolz.“

Haidhauser fordern: Macht die Straße endlich sicher!

Der schreckliche Unfalltod des kleinen Justin hat einmal mehr vor Augen geführt: Die Rosenheimer Straße ist nördlich der Orleansstraße lebensgefährlich. Justin ist der vierte Fußgänger, der innerhalb von fünf Jahren dort sein Leben dort verlor.

Die Polizei betont zwar, dass bei den anderen drei Todesopfern Alkohol und Drogen im Spiel waren, doch die Haidhauser Bezirksausschussvorsitzende Adelheid Dietz-Will (SPD) berichtet: „Die Rosenheimer Straße ist die Verlängerung der Salzburger Autobahn Richtung Stadtmitte. Die Verkehrsmengen sind viel zur groß für diesen Innenstadtbereich, die Autos sind zu schnell unterwegs.“ Seit 30 Jahren versuche der Bezirksausschuss, die Stadt zur Entschärfung zu bewegen. Doch das KVR bewege sich nicht.

Die Rathaus-Grünen wollen die Rosenheimer Straße nun per Stadtrats-Antrag entschärfen: Sie fordern einen Radweg zwischen Orleansstraße und Rosenheimer Platz, der den Verzicht auf eine der vier Fahrspuren voraussetzt, sowie Tempo 30. Sabine Nallinger zur tz: „Der tragische Unfall hat einmal mehr gezeigt, wie notwendig eine Verkehrsberuhigung der ­Rosenheimer Straße ist.“

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