„Wir wollen endlich Ruhe finden“

Geiselnehmer muss in Haft: Opfer leiden noch heute

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Paun O. (44) muss ins Gefängnis. Seine Opfer leiden bis heute.

München - Als der Angeklagte das Wort an sie richtet, blickt Maria H. (66, Name geändert) ihn nicht an. Wenige Meter entfernt von ihr im Gerichtssaal sitzt der Mann, der ihre ganze Familie traumatisiert hat.

19 Jahre ist es nun her, dass Paun O. (44) als Anführer einer Geiselnehmer-Bande Maria H., ihren Ehemann, ihre drei Kinder und ihre Mutter in ihren eigenen vier Wänden überfallen, gefesselt und 17 Stunden lang gequält hat – nur, um an den Tresor der Bank zu gelangen, in der der Familienvater als Kassierer arbeitete. Der Täter, der ihr damals eine Waffe an die Schläfe drückte und sie immer wieder schlug, sagt nun: „Ich möchte mich entschuldigen.“ Maria H. schüttelt kaum merklich den Kopf. Später wird sie sagen: „Diese Entschuldigung ist mir egal. Ich kann sie nicht annehmen.“

Die 66-jährige Mutter ist die einzige aus der Familie, die die Kraft gefunden hat, am Tag der Urteilsverkündung ins Gericht zu kommen. „Ich wollte ihn einmal sehen“, sagt sie mit fester Stimme. „Ich brauche das, um damit abzuschließen.“ Die Strafe, mit der Paun O. zu rechnen hatte, legte die Kammer wie berichtet zum Prozessauftakt im Rahmen einer Absprache zwischen allen Beteiligten fest. Am Ende verurteilt die Kammer unter Vorsitz von Max Boxleitner den Angeklagten wie erwartet zu einer Haftstrafe von neun Jahren wegen erpresserischen Menschenraubs in acht Fällen, tateinheitlich mit zwei Fällen der räuberischen Erpressung. Doch auf die Höhe des Strafmaßes kam es für Maria H. und ihre Familie nur bedingt an: „Wir wollen endlich Ruhe finden“, sagt sie. Angesichts der Brutalität der Tat ist das Urteil als äußerst milde zu werten – doch weil den Opfern durch das mit der Absprache einhergehende Geständnis des Angeklagten eine Aussage vor Gericht erspart blieb, ließen sich die Nebenklage-Vertreter auf den Deal ein. Maria H. bestätigt, dass ihre Kinder und vor allem ihr Mann sehr erleichtert waren, sich vor Gericht nicht erneut zu den brutalen Taten befragen lassen zu müssen. „Es war furchtbar“, sagt sie nur.

Der 24. Juni 1994 veränderte das Leben der Familie H. für immer. Gegen 14 Uhr drangen die fünf Täter, angeführt von Paun O., in das Haus des Bank-Kassierers in Englschalking ein, fesselten ihre Opfer, bedrohten sie mit Waffen, folterten sie mit einem Elektroschocker – solange, bis der Kassierer in Todesangst verriet, dass für die Öffnung des Banktresors eine weitere Kollegin nötig sei. Am nächsten Morgen überfiel die Bande auch diese Frau zuhause, sperrte ihren Mann in den Schrank und brachte die Bankmitarbeiter in die BfG-Bank am Promenadeplatz. Sie schafften es zunächst, 1,5 Millionen D-Mark zu erbeuten – der Großteil der Beute wurde später gefunden. Paun O. gelang als einzigem Täter die Flucht, erst vergangenes Jahr fassten ihn Fahnder in Österreich. Zwischenzeitlich saß er elf Jahre in Serbien im Gefängnis – weil er einen Mann im Streit um Arbeitslohn mit einem Kopfschuss getötet hat. Der Mann der Bankmitarbeiterin brachte sich zwei Jahre nach der Münchner Tat um.

Auch der Sohn von Maria H., zum Zeitpunkt des Überfalls 19 Jahre alt, wollte sich nach der Tat das Leben nehmen. Er hatte bereits einen Abschiedsbrief geschrieben, berichtet Nebenklage-Vertreter Heinz Schöch vor Gericht. Er schaffte es später dennoch, ein geregeltes Leben zu führen – doch sein Vater kämpft immer noch mit massiven psychischen Folgen. „Ich habe mir große Sorgen gemacht, dass er nochmal vor Gericht aussagen muss“, sagt Maria H. Wenigstens das blieb der Familie nun erspart.

Ann-Kathrin Gerke

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