Straßenkampf ohne Kämpfer

Gelbwesten-Demo in München gefloppt - Darum kamen so wenige

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Ein Sammelsurium an Forderungen trugen die Teilnehmer der Münchner Gelbwesten-Demonstration auf Schildern mit sich. Vereinzelt waren Frankreich-Flaggen zu sehen, die an die Proteste im Nachbarland erinnerten.

Sahra Wagenknechts linke Bewegung will auf den Zug der französischen Gelbwesten-Proteste aufspringen und die Unzufriedenen auf die Straße bringen. Bei der ersten Kundgebung am Samstag vor der Oper zeigt sich: Der Funke will nicht so recht überspringen.

München - Die alte Frau friert. Doch ihr Zorn über die aus ihrer Sicht unfairen Verhältnisse ist größer als der Wunsch, irgendwo ins Warme zu gehen. „Ständig wird uns erzählt, dass es uns allen in Deutschland so gut geht. Aber warum merken viele davon nichts?“, fragt die 67-jährige Augsburgerin. Jede Tasse Kaffee müsse sie sich mit ihrer „Mini-Rente von spürbar weniger als 1000 Euro absparen“. Schuld seien auch die hohen Mieten. Es müsse sich etwas ändern: „Die Unzufriedenen sollen endlich auf die Straße gehen“, fordert sie. Die französischen Gelbwesten hätten gezeigt, dass man etwas erreichen könne.

Polizei spricht von 100 Demonstranten

Deshalb ist die Aktivistin der von Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht initiierten Sammlungsbewegung „Aufstehen“ am Samstag nach München vor die Oper gekommen – natürlich in gelber Weste. Ein Bündnis von „Aufstehen München“ und der französischen Bewegung „La France insoumise – Munich“ hatte zur nach eigenen Angaben „ersten Gelbwesten-Kundgebung in Deutschland“ aufgerufen. Am Samstagmittag zählen die Veranstalter rund 200 Teilnehmer, die Polizei spricht von 100 Demonstranten.

„Vive la revolution“ haben mehrere auf ihre Westen geschrieben. Manche schwenken rot-weiße „Aufstehen“-Fahnen, auch eine Deutschland- und zwei Frankreich-Flaggen sind zu sehen. Viele der Anwesenden stehen nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens. Da ist etwa Bastian Pflüger: Mit 32 Jahren ist er krankheitsbedingt bereits Frührentner. „Wären Kranke eine Bank, hätte man sie schon längst gerettet – Aufstehen“, heißt es auf dem Transparent, das er in der Hand hält. Auch eine 62-jährige arbeitslose Münchnerin klagt, viele einfache Menschen an der Isar könnten sich ihre Stadt längst nicht mehr leisten. Einige Studenten haben sich angeschlossen. „Es muss dringend mehr Geld für Bildung ausgegeben werden“, sagt etwa die 25-jährige Franzie.

Es ist ein diffuses Sammelsurium an Forderungen. Viele Münchner dürften mit einem Teil der Slogans der Gelbwesten sympathisieren: Beseitigung der Obdachlosigkeit, Deckelung der Mieten und eine Mindestrente von 1200 Euro, führen etwa die Organisationen als Protestziele an. Außerdem liest man noch von der skandalösen Autoindustrie.

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 Doch warum sind dann nur so wenige gekommen? Schließlich demonstrierten erst vor drei Monaten etwa 10.000 Münchner lautstark gegen Luxussanierungen und steigende Mieten. „Auch die französischen Gelbwesten fingen klein an“, begründet Christian Lange, einer der Verantwortlichen von „Aufstehen München“, den mauen Zulauf. Wagenknechts Bewegung plant seinen Angaben zufolge in den kommenden Wochen weitere Kundgebungen in anderen Großstädten.

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Doch Experten wie der Mainzer Politologe Gerd Mielke glauben nicht, dass dort mehr Menschen als in München auf die Straße gehen werden. „Die Deutschen sind nur in sehr großen Notlagen zu so intensiven und andauernden Protesten wie nun in Frankreich bereit“, sagt er. Die Münchner Demo zeigt ein großes Problem von „Aufstehen“. Nur weil sich 167 000 Unterstützer seit der Gründung im September per Mausklick dort registriert haben, heißt dies nicht, dass sie auch bereit sind, auf die Straße zu gehen.

Zudem haben sich an der Isar so wie in Frankreich zumindest eine Handvoll Rechtsradikale unter das Publikum gemischt. Einer etwa bekennt sich auf seiner Mütze zum „Dritten Weg“, einem Sammelbecken Rechtextremer. „Da sind auch mehrere stadtbekannte Nazis dabei gewesen“, sagt die Fotojournalistin Anne Wild, die seit Jahren die rechtsextreme Szene beobachtet. Drei Rechtsradikale müssen schließlich auf Druck der Veranstalter und der Polizisten den Platz verlassen.

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