Ermittler sprechen von Schneeballsystem

Die Geldvermehrer aus dem Internet

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München - Sie trafen sich mal in Tirol, mal in Italien. In Gaststätten oder Fitnessstudios: Die Vertreter einer Münchner Firma mit ihren bestehenden und potenziellen Kunden.

 Dabei erklärten die Manager des Unternehmens, das Hans W. (45, Name geändert) gegründete hatte, ihre Idee zur Geldvermehrung. Über Internetmarketing. Hier war schließlich der Gründer seit Jahren aktiv. Doch nun sitzt er in U-Haft, die Kripo und Staatsanwaltschaft in Kempten denken: Es geht bei der Idee um ein betrügerisches Schneeballsystem, erwartet werden 10 000 Geschädigte – Privatpersonen und Firmen – sowie eine Schadensumme im zweistelligen Millionenbereich.

Das Internet – dank gewaltigen Wachstums wurden damit Garagen-Klitschen zu globalen Konzernen. Ein Klick, schon fließt Geld. „Google und Facebook machen es vor, sie verdienen Milliarden, ohne ein Produkt zu verkaufen“, jubelte das Unternehmen, „nun macht es unsere Firma nach.“ Das Prinzip: Die Münchner, hinter denen sich eigentlich Allgäuer verbergen, gaben sich als Dienstleister aus. Ein Geldgeber, der bei ihnen „Vertriebspartner“ hieß, trat meist nach Empfehlungen an das Unternehmen heran. Das wiederum schaltete Online-Werbung. Der Geldgeber beteiligte sich dabei immer in sogenannten Paketen über Monate hinweg an der Werbung. Am daraus resultierenden Erlös verdienten beide: Investor und Dienstleister.

In der Anfangszeit – seit dem Frühling 2013 – flossen die Provisionen. Ein Kunde jubelte: „Jedes Paket bringt 100 Prozent nach vier Monaten!“ Heißt: Kapital-Verdopplung nach vier Monaten, Verachtfachtung nach einem Jahr. Und so fort. Was einen nicht daran hinderte, neue Pakete zu kaufen.

Einer aus dem Kreis der „Partner“ berichtete der tz, „dass die Leute nie gedrängt wurden. Die Anbieter sagten etwa, schaut es euch mal an, geht mit einem kleinen Betrag rein.“ Auch bei dieser Person, selbst Chef, wurde Geld überwiesen, bis vor ein paar Wochen. „Alles war o.k. Das Geld kam pünktlich. Ein Ansprechpartner war immer erreichbar. Es ging bei mir um Klickwerbung: Sagen wir, eine Automarke plant eine Kampagne im Internet. Der Dienstleister schaltete nun hierzu Bannerwerbungen über mehrere Monate. Mit seinen ,Paketen‘ war man am Erlös durch die Werbung beteiligt. Für jeden Klick floss Geld.“

Was nun die besorgten „Partner“, die es in ganz Europa gibt, umtreibt: Wurden diese Erlöse tatsächlich mit Werbung erzielt, oder wurden Provisionen durch das Geld neuer „Partner“ hereingeholt, was ein Schneeballsystem wäre? Die Kripo sagt, dass das System seit Sommer nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Seither fließt nämlich kein Geld mehr, die Firma soll insolvent sein. Die Kripo ermittelt auch gegen zwei weitere Personen, einen 44-Jährigen und eine junge Frau (23). Bei Durchsuchungen wurde Beweismaterial sichergestellt. Die Ermittler wissen von Leuten, die sich bis zu einer Summe von einer Viertelmillion Euro beteiligt haben.

mc

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