Sie soll 520 Euro zahlen

Radio im Laden: Gema bittet Schneiderin zur Kasse

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Maria Wojnar fühlt sich abgezockt – die Gema fordert rückwirkend 522,43 Euro.

München - Seit 15 Jahren betreibt Maria Wojnar eine kleine Änderungsschneiderei in Neubiberg. Und hat dort ein kleines Radio stehen. Dafür will jetzt die Gema abkassieren - und nicht zu knapp.

Seit 15 Jahren betreibt Maria Wojnar eine kleine Änderungsschneiderei in Neubiberg. 17 Quadratmeter, ein paar Nähmaschinen – und ein Radio. Das sorgt für Unterhaltung, wenn sonst nur die Nähmaschine rattert. Doch der Apparat bringt Wojnar jetzt in Schwierigkeiten. Sie soll 522,43 Euro an die Musikverwertungsgesellschaft Gema zahlen. Der Grund: Nicht nur die Schneiderin, sondern auch ihre Kunden hören, was im Radio läuft. Das gilt als „öffentliche Musikwiedergabe“ – und das kostet.

„Zwei Männer in schwarzen Anzügen kamen in meinen Laden und haben gesagt, ich muss für das Radio etwas zahlen, rückwirkend für die letzten drei Jahre. Wie ein Verbrecher bin ich mir vorgekommen“, sagt Wojnar noch immer fassungslos. Die Summe ist für die Schneiderin ein großer Batzen. Ihre Rundfunkgebühren begleiche sie seit Jahren. Doch die Gema bezahlen – das klingt für Wojnar absurd. „Meine Kunden kommen doch nicht zum Musikhören. Die holen ihre Kleidung ab, bezahlen und gehen wieder.“

Egal, sagt die Gema. „Wer Musik irgendwo öffentlich spielt, muss eine Lizenz erwerben“, erklärt Sprecherin Gaby Schilcher. Egal ob auf 17 oder 1700 Quadratmetern. Die Gema-Tarife unterscheiden sich allerdings. „Das hängt vom Wert ab, den die Musik für den Kunden hat“, sagt Schilcher. Bei einem Konzert sei dieser Wert sehr hoch, die Lizenz entsprechend teuer. Wenn die Musik nur im Hintergrund läuft, so wie in Wojnars Schneiderei, verlangt die Gema weniger. 31,92 Euro im Quartal werden fällig, also knapp 130 Euro im Jahr. Auf die 522 Euro kommt die Gema, weil sie rückwirkend nicht pro Quartal, sondern pro Monat abrechnet. Das ist teurer.

Aber: Eine Rechnung sei das Schreiben an Maria Wojnar nicht. „Wir haben ihr lediglich ein Angebot gemacht. Aus unserer Sicht ist das völlig korrekt gelaufen“, sagt Schilcher. Als die Gema-Mitarbeiter die Schneiderei betraten, sei deutlich Musik zu hören gewesen. „Wir können aber nicht widerlegen, dass Frau Wojnar in der Vergangenheit bei Kundschaft das Radio immer ausgemacht hat, wie sie behauptet.“

Die Schneiderin muss jetzt damit rechnen, dass irgendwann wieder Männer in schwarzen Anzügen in ihrem Laden stehen – und ganz genau hinhören. Wenn Musik läuft, kann es teuer werden. „Dann machen wir Schadenersatz geltend“, sagt Schilcher.

Wojnar ist empört: „Das ist Abzocke!“ Doch wenn sie nicht bezahlen will, bleiben ihr zwei Möglichkeiten. Entweder räumt sie das Radio weg. Oder sie hört urheberrechtsfreie Musik, also Werke, deren Urheber seit mindestens 70 Jahren tot ist. Schilcher: „Mozart oder Beethoven gehen problemlos.“

tz-Stichwort:

Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) vertritt in Deutschland Komponisten, Textdichter und Verleger von Musikwerken. Für die öffentliche Aufführung urheberrechtlich geschützter Musikstücke verlangt die Verwertungsgesellschaft Lizenzvergütungen. Im vergangenen Jahr nahm sie über 820 Millionen Euro ein. Die Gewinne werden nach einem komplizierten Punkteschlüssel als Tantiemen an die Mitglieder ausgeschüttet.

Isabel Steffens

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