"O’pflanzt is“

Ein Gemüsegarten für alle Münchner

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Der Gemüsegarten an der Leonrodstraße wird vom Verein „O’pflanzt is“ bewirtschaftet.

München - Der Verein „O’pflanzt is“ will die Stadt grüner machen: anderen Großstädten wie Berlin und Köln funktioniert: Auf einer Brachfläche öffnet eine Gruppe von Naturfreunden ihren Garten für alle, die Lust haben mitzumachen.

Wibke Neugebauer teilt eigentlich mit jedem gerne. Nur mit den Kaninchen nicht. Die 31-Jährige deutet mit dem Zeigefinger in eine Ecke des Gemeinschaftsgartens am Leonrodplatz. „In dem Bau leben bestimmt 20 Stück“, sagt sie und kneift ihre blauen Augen hinter der schmalen Brille zusammen. Ihr Blick schweift über die Beete, in denen Kopfsalat, Karotten und Rote Beete wachsen. Kaninchen fressen fast jedes Grünzeug.

Jeder kann mitmachen

Und machen sich unbeliebt bei den Hobbygärtnern vom Verein „O’pflanzt is“, der auf 3300 Quadratmetern 200 Gemüsesorten pflanzt, sät, gießt – und auch ernten will. Darunter sind viele alte Sorten, die im Supermarkt kaum noch zu finden sind. Es ist ein Projekt, wie es auch in anderen Großstädten wie Berlin und Köln funktioniert: Auf einer Brachfläche, die die Stadt dem Verein zur Zwischennutzung zur Verfügung gestellt hat, legt eine Gruppe von Naturfreunden Beete an und öffnet ihren Garten für alle, die Lust haben mitzumachen.

Ungewöhnlich, aber praktisch: Die Hobbygärtner züchten ihre Pflänzchen auch in Einkaufswagen.

Die Nachbarschaft soll enger zusammenwachsen und Stadtkinder sollen zum Beispiel lernen, dass eine Karotte vier Monate braucht, bis sie ausgewachsen ist. Das Kernteam besteht aus rund 30 Leuten, immer wieder kommen Neue vorbei, die mitarbeiten oder auch einfach nur mal gucken wollen. An einem schönen Sonntag tummeln sich schon mal 50 Leute auf dem Grundstück. Auch der Verein Green City will die Umwelt schützen und die Landeshauptstadt grüner machen. Seit 1990 ist er in München aktiv, seit 2011 arbeitet er mit der Stadt in dem Projekt „Grünpaten“ zusammen. Anwohner können mit der Unterstützung des Vereins und des Gartenbaureferats Flächen in ihrer Umgebung bepflanzen. Voraussetzung ist, dass sie sich auch später um die Pflanzen kümmern. „Wir achten darauf, dass unsere Projekte nachhaltig sind, sonst macht es keinen Sinn“, erklärt Sébastien Godon von Green City. „Es gibt eine lebendige Urban-Gardening-Szene in München. Die Bewohner haben ein großes Interesse an einer grünen Stadt.“

Im Gemeinschaftsgarten stehen fünf Frauen um ein hüfthohes Beet, das aus Latten zusammengebaut ist und auf einer Europalette steht.

"Hier hat niemand sein eigenes Beet"

Mobilität ist wichtig, denn falls auf dem Grundstück jemand bauen will, muss der Verein mitsamt seinen Pflanzen weg. Die Frauen ziehen hellgrüne Rucolablätter aus der Erde und legen sie vorsichtig in einen Tontopf. „Wir dünnen den Rucola aus, der steht viel zu eng“, erklärt eine Frau mit weißem Zopf und einem Sonnenschutz um den Kopf. Sie stellt sich als Roswitha vor und erzählt, dass sie früher einen eigenen Garten hatte.

„Die Idee ist, dass wir alles gemeinschaftlich bewirtschaften“, erklärt Neugebauer, die hauptberuflich als Restauratorin bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen arbeitet. Die junge Frau in Jeans und Turnschuhen sitzt auf der Ecke eines Beetes. Während sie spricht, streichelt sie die daumengroßen Blätter einer Bohnenpflanze. „Hier hat niemand sein eigenes Beet, wir teilen Arbeit und Ernte.“ Außerdem verwendet der Verein nur Biosaatgut und Bioerde, das ist Teil des Konzepts.

Wer denkt, dass viele nur in den Garten kommen, um sich mit frischem Gemüse zu versorgen, der irrt. „Alle sind sehr zurückhaltend. Die meisten kommen wirklich, um hier Zeit zu verbringen und zu gärtnern“, sagt Neugebauer. Im vergangenen Jahr sei sogar ein bisschen Gemüse verdorben – und das sei ja wirklich nicht Sinn der Sache.

tz

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