Auch Sechzger schauten hier vorbei

Gerd Müllers Stamm-Café macht dicht

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Im Januar ist Schluss! Weil das Haus am Tiroler Platz saniert wird, muss Konditor Walter Baptist das Café Deml aufgeben. Seine Torten gibt’s dann nur noch im Café Grass am Harras, seinem zweiten Standbein

München - Die Fußballer kamen oft ins Deml und auch die Fans. Die Trainingsplätze der Bayern und der Sechzger sind gleich ums Eck. Doch bald macht das Café am Tiroler Platz für immer dicht.

Gerd Müller

Die lustigen Eichhörnchen, sagt Walter Baptist, die wird er sehr vermissen. Die draußen auf den Bäumen herumturnten und über die Terrasse seines Lokals huschten. Eichhörnchen waren viele da, und auch Fußballer kamen auch oft ins Deml, die Fußballer hatten ja auch nicht weit, die Bayern und die Sechzger. Die Trainingsplätze an der Säbener und Grünwalder waren gleich ums Eck und ein paar Meter weiter. Gerd Müller kam bei Walter Baptist oft am Morgen auf eine Tasse Kaffee vorbei. Und als Miroslav Klose noch bei Bayern spielte, erinnert sich Baptist, probierte der hier einmal ein Stück Käsesahnetorte, wobei er dann die Hälfte stehen ließ, weil er meinte, er müsse auf seine Figur achten. Klose ist nicht mehr bei Bayern und das Deml ist bald auch nicht mehr da, denn das Deml am Tiroler Platz macht bald für immer dicht.

Mehr als 60 Jahre gab es das Café in Harlaching, 1950 machte Franziska Deml die Konditorei hier auf, aber dass es so ähnlich klang wie das weltbekannte „Demel“, die K.u.K Hofzuckerbäckerei am Wiener Kohlmarkt, war nur Zufall. Das Deml am Tiroler Platz war nicht weltbekannt, aber es war stadtbekannt, und wenn man als Bub nach einem Tierparkbesuch mit dem Radl den grausamen Harlachinger Berg bezwungen hatte, diesen Tourmalet des Münchner Südens, dann spendierte einem der Papa zur Belohnung ein Stück Prinzregententorte und manchmal gern auch zwei.

Später, wenn ein Journalist und ein Fußball-Profi ungestört miteinander plaudern wollten, ohne dass es jemand mitbekommt, hieß es: „Gemma ins Deml, da hamma unser Ruah.“ Und Ruhe hatten auch die Buben vom Albert-Einstein-Gymnasium und die Mädl vom Theodolinden, hinter Richtung Mangfallplatz, wenn sie sich hier auf ein geheimes Rendezvous trafen, vormittags, wenn Freistunde war, oder man sich selbst eine Freistunde gönnte.

Aber von den Teenagern von heute kommt kaum noch einer hierher, es gibt andere Cafés inzwischen, die weitaus angesagter sind. Im Deml gibt es keine Medium-Chai-Latte oder einen entkoffeinierten Frappuccinos, sondern das, was es vor 40 Jahren auch schon gab, eine anständige Tasse Burkhof-Kaffee, zum Essen einen Leberkäs mit Spiegelei und einen Strammen Max, und auf der Weinkarte stehen immer noch ein Deidesheimer Herrgottsacker oder ein Horrheimer Stromberg.

„Durchgestylt“, sagt Walter Baptist, „ist hier bei uns gar nichts.“ Wer will ihm da schon widersprechen. Baptist übernahm das Café vor 20 Jahren, eigentlich kommt er aus dem Schwäbischen, aber bevor es ihn nach Harlaching verschlug, war er noch auf der ganzen Welt unterwegs. Nach der Meisterprüfung zum Konditor heuerte er auf einem Kreuzfahrtschiff an und fuhr um die halbe Welt. Eine raue Welt das Meer, aber Baptist trotze den Widrigkeiten und selbst bei Sturmtiefs und Orkanböen machte er weiter seine Windbeutel. Später ging er nach London und belieferte „Harrod’s“, Plunder und Gebäck für Al-Fayed. Nobel ging es weiter, zurück in München im „Vier Jahreszeiten“, und dann kam plötzlich das Angebot, das Deml zu übernehmen. Vom Harrod’s über die Maximilianstraße zum Tiroler Platz. Erst edel, dann Deml. Doch für Baptist war das kein Abstieg, im Gegenteil, er sagt, dass er glücklich war, endlich ein eigenes Café zu haben.

Dann, vor elf Jahren, starb Franziska Deml, sie war kinderlos und hatte ihrem Neffen als Erben ins Testament hineingeschrieben, dass er das Haus zehn Jahre nicht verkaufen dürfe. Im elften Jahr tat er es dann, der neue Inhaber ist eine Immobilienfirma aus Grünwald, und weil das Haus nun generalsaniert wird, muss das Deml in einem halben Jahr, im Januar 2013, raus und kommt auch nicht mehr rein.

Für Walter Baptist ist das traurig, immerhin bedroht die Schließung nicht seine Existenz. 56 ist er, ein schlechtes Alter, um arbeitslos zu werden, aber zum Glück für ihn hat er drüberhalb der Isar am Harras, direkt an der Plinganserstraße, noch eine zweite Konditorei, das Café Grass. Dort kreiert Baptist Kuchen und Torten nach Wunsch, auch im großen Stil, für Taufen, Geburtstage, Hochzeiten, das Geschäft geht gut, aber das Ambiente hier in Harlaching war nun eben doch eigen, ganz besonders, und wenn Baptist an der Plinganserstraße aus dem Fenster schaut, dann sieht er viele Autos, die von rechts nach links fahren und von links nach rechts. Aber keine Eichhörnchen mehr.

Florian Kinast

Walter Baptist: Mein München

Mein München-Platz

Der Westpark mit dem Hopfengarten. Wunderbare Atmosphäre, gerade wenn eine Live-Band spielt. Schön entspannend.

Mein München-Lokal

Das Meindl-Eck, jugoslawische Kneipe in Sendling, sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis. Und als Geheimtipp das Seidl-Café in Waldtrudering mit einer wunderschönen Terrasse.

Mein München-Gericht

Eine Schweinshaxn. Ist mir eigentlich zu fett, aber einmal im Jahr gönne ich mir das mit meiner Frau, bei einer Wallfahrt nach Andechs.

Mein Münchner

Alfons Schuhbeck. Für mich ein Paradebayer, der die Münchner Art sehr gut rüber bringt. Rustikal, selbstbewusst, manchmal knorrig. So wie der Münchner eben ist.

München – und sonst?

Ich muss nicht weit weg. Meine Lieblingsorte erreiche ich mit dem Motorrad. Den Plansee hinter Oberammergau und den Thiersee bei Kufstein.

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