Volle Kraft – zurück!

Gergiev wird 2015 Chef der Philharmoniker

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Valery Gergiev

München - Jetzt ist die Entscheidung endgültig, wer neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker wird: Der Stadtrat hat für Valery Gergiev votiert.

Kein leichter Job war das, den dieses Duo gestern hatte: Hans-Georg Küppers, Münchens alter und neuer Kulturreferent, und Paul Müller, Intendant der Münchner Philharmoniker. Im Kulturreferat stellten sie den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker ab 2015 vor: Valery Gergiev (59). Im Stadtrat ging laut Küppers die Wahl mit 99 Prozent ohne Dissonanz über die Bühne. Auch das Orchester habe sich mit „riesiger Mehrheit“ für den Russen entschieden, der beim Amtsantritt 62 Jahre alt sein wird.

Wollte man nicht, wie seit Jahren angekündigt, einen der feurigen Jung­spunde? Davon ist man nun weit entfernt. Apropos Jungspund: Noch-Chef Lorin Maazel (82) wird dem Orchester auch nach 2015 als Gastdirigent erhalten bleiben, teilte das Duo Küppers/Müller gestern mit. Doch die Skepsis bei den Kritikern ist geblieben.

Die tz nennt die Knackpunkte:

Repertoire:

Intendant Paul Müller versichert, Gergiev im Ausland oft auch mit deutschem Kern-Repertoire gehört zu haben. Das könne er, sei es Bruckner, Beethoven, Brahms oder Strauss. Dennoch darf man bezweifeln, ob Gergiev, berühmt für die Interpretationen seiner Landsleute wie Schostakowitsch, Tschaikowsky oder Strawinsky, hier bahnbrechend Neues und vor allem Überzeugendes servieren wird. Erste Möglichkeit zum Nachhören: am 31. Januar bei Bruckners Siebter in der Philharmonie beim Abo-Konzert der Philies. Und was hilft die von Intendant Paul Müller angepriesene Repertoire-Erweiterung (das wird außer bei Christian Thielemann ja immer ins Feld geführt), wenn die Hausgötter des Orchesters Bruckner, Brahms und Beethoven nicht zünden sollten?

Alter:

Gergiev hat seinen eigenen Stil, seine eigenen Vorstellungen. Dass er sich da nicht reinreden lässt, dürfte klar sein – auch wenn Küppers und Müller bei den Verhandlungen sehr beeindruckt waren von der Kommunikationsfähigkeit Gergievs. Übrigens nicht auf Deutsch. So oder so: Der nach der Maazel-Übergangsphase groß angekündigte Neustart ist mit einem Weltstar von 62 Jahren schwer zu bewerkstelligen. In einem Nebensatz sagte Kulturreferent Küppers vielsagend: „Ich habe mal anders geträumt, aber das war nicht so.“

Orchestertraum:

Wir wissen es von den Münchner Philharmonikern: Der Jubel über einen neuen Chef ist zu Beginn groß, doch die Liebe kann auch ganz schnell wieder erkalten. Klar ist: Wer mit Gergiev alle Schostakowitsch-Symphonien probt und aufführt wie unsere Philies in den vergangenen zwei Spielzeiten, der ist fasziniert. Gergiev habe „klangliche Tiefenschichten hervorgebracht“, die enorm berührt haben, sagte laut Intendant Müller ein Musiker. Der 59-Jährige war der Wunschkandidat des Orchesters. Nur: Wie wird es reagieren, wenn sich diese Tiefenschichten bei deutschen Komponisten nicht einstellen werden? Denn ansonsten haben die Philies und Gergiev wenig Erfahrung miteinander – Müller erinnert sich an ein Verdi-Requiem. Auch nicht gerade Kerngeschäft des Orchesters.

Arbeitszeit:

Der Vertrag Gergievs läuft von 2015 bis 2020 und sieht pro Saison 30 Programme plus zehn Gastspiele vor. Ende 2015 beendet er sein Engagement als Chef des London Symphony Orchestra, da überschneidet sich seine Dreifach-Belastung als Chef der Münchner nur um ein paar Monate – bei uns beginnt die Saison im Herbst, in England endet sie am 31. Dezember 2015. Doch Gergiev hat ja noch sein Mariinski-Theater, mit dem er durch die Welt tourt und zu Hause spielt, kriegt demnächst ein zweites Opernhaus in St. Petersburg, leitet seine selbst ins Leben gerufene Festivals – und dann sollen für die Philharmoniker genug Raum zur intensiven Probenarbeit bleiben? Ja, sagt Kulturreferent Küppers. Vertraglich ist festgelegt, dass Gergiev elf Wochen im Jahr da ist. Falls der Stardirigent das nicht schaffen sollte: Sanktionen sind nicht vertraglich festgelegt. Über das Gehalt des Maestro schweigt man sich aus.

Volle Kraft zurück!

Gergiev soll neues, jüngeres Abo-Publikum bringen und neue Schichten anlocken. Aber ist der Mann, der auf tausenden Hochzeiten tanzt, der richtige Mann dafür?

Die Münchner Philharmoniker haben mal wieder einen Weltstar am Pult. Einen Neuanfang haben sie nicht. Volle Kraft zurück!

Matthias Bieber

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