So ist der Weg ins geregelte Leben

Betreuer für Ex-Häftlinge: „Jeder von uns kann zum Straftäter werden“

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Alkoholkonsum ist für Gerhard Gruber gerade bei jungen Menschen ein Grund für immer enthemmtere Gewalttaten. „Alkohol ist eine Droge“ sagt Gruber.

Seit 14 Jahren kümmert sich Gerhard Gruber ehrenamtlich um frisch entlassene Straftäter. Im Interview spricht er über Rückfallquoten und Gründe, warum man kriminell wird.

München - Gerhard Gruber (54) ist gelernter Büromaschinenmechaniker und Anlagenbauer. Daneben arbeitet er seit 14 Jahren ehrenamtlich in der Münchner Straffälligenhilfe. Für junge Strafgefangene ist Gruber oft der erste neutrale Ansprechpartner auf dem Weg in ein geregeltes Leben. Ein Gespräch über Strafe, Sühne und kriminelle Karrieren.

Herr Gruber, wie wurden Sie ehrenamtlicher Straffälligen-Helfer?

Gerhard Gruber: Da werden Sie lachen.

Weshalb?

Gruber: Ich habe eine Anzeige im Münchner Merkur gelesen, damals vor 14 Jahren. Dann habe ich einen Grundkurs gemacht. Seit 2011 bin ich Einrichtungsleiter der Münchner Straffälligenhilfe des Evangelischen Hilfswerks. Wir tun alles dafür, dass Straffällige nicht rückfällig werden.

Wie machen Sie das?

Gruber: Reden! Ganz normale Gespräche bei Besuchen, bei Ausgängen mit den Gefangenen. Manchmal auch darüber, was sie verbrochen haben. Viele verarbeiten so erstmals ihre Tat. Und das ist der erste Schritt zu einem besseren Leben nach der Haft. Bei manchen merke ich, wie es im Hirn klickt. Und sie verstehen, was sie falsch gemacht haben.

Rückfallquote bei 65 Prozent

Was sagen Sie?

Gruber: Zum Beispiel: Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie die Person sich fühlt, der du das angetan hast? Das ist Straftätern unangenehm. Aber sie erklären mir dann auch ihre Perspektive.

Wie hoch ist derzeit die Rückfallquote?

Gruber: Bis zu 65 Prozent.

Frustriert Sie das?

Gruber: Nein. Wir wissen ja vorher, auf was wir uns einlassen. Da muss man realistisch sein. Jemand der im Gefängnis sitzt, ist ja nicht umsonst dort.

Welche Strafen begehen rückfällige Straftäter?

Gruber: Sehr oft dieselbe wie zuvor, weil sie nach der Haft häufig wieder im selben Milieu leben.

Wie könnte man das ändern?

Gruber: Ortswechsel, neue Leute, neue Arbeit, neues Leben. Das schlagen Ex-Gefangene oft selbst vor. Neulich ist einer nach seiner Haft nach Berlin gezogen, weil er meinte, wenn er hier in München bleibt, wird das nichts.

Wie beginnen kriminelle Karrieren?

Gruber: Bei manchen geht es schon im Elternhaus los, wenn sich die Eltern nicht um den Nachwuchs kümmern. Meistens sind es ja Jungs, die späteren Männer. Dann treffen sie die falschen Freunde und wollen sich darin überbieten, wer den größten Quatsch macht.

„Keiner wird als Straftäter geboren“

Gibt es bestimmte Charaktere, die dazu neigen, straffällig zu werden?

Gruber: Nein. Keiner wird als Straftäter geboren.

Das heißt ...

Gruber: ... richtig, dass jeder von uns zum Straftäter werden kann. Sehen Sie, wenn die jungen Straftäter zum ersten Mal über ihren Werdegang reden, entdecke ich da Momente, in denen ich selbst auch schon gewesen bin. Dann trifft man vielleicht eine falsche Entscheidung – und die Strafkarriere geht los.

Mit welchen Delikten haben Sie es zu tun?

Gruber: Körperverletzung, Diebstahl, Drogen, Mord, Betrug, Sexualstraftaten – alles.

Wie kommen Sie mit Gefangenen in Kontakt?

Gruber: Einmal im Monat führen wir Sprechtage in den JVAs rund um München durch. Der Gefangene entscheidet selbst, ob er mit uns reden möchte. Dafür muss er einen Antrag stellen. Dann hören wir uns an, was er zu erzählen hat, und vermitteln ihn bei unseren monatlichen Gruppenabenden im Bodelschwingh-Haus an andere ehrenamtliche Mitarbeiter.

Welche Straftäter betreuen Sie am liebsten?

Gruber: Eindeutig die Jüngeren, die 20- bis 30-Jährigen. Da kann man am meisten bewegen. Ich meine, soll ich jetzt einem 65-Jährigen erzählen, was er in Zukunft tun sollte, um sein Leben in den Griff zu bekommen? Das funktioniert nicht. Aber vielen Kollegen ist es egal, wie alt die Straftäter sind. Die versuchen, immer allen zu helfen.

Ist Haft die richtige Strafe?

Gruber: Hmm, manchmal ist das zweifelhaft. Wir haben es oft mit Leuten zu tun, die nicht rechtzeitig Grenzen aufgezeigt bekommen haben. Eine Zeit lang war ich Schöffe im Jugendgericht. Wenn man da den Vorlauf sieht, was sie schon alles angestellt haben, da sagen sogar die Gefangenen selbst, es wäre sinnvoll gewesen, sie rechtzeitig kurz einzusperren.

Bei Drogendelikten ist Haft nicht die richtige Strafe

Wann ist Haft nicht die richtige Strafe?

Gruber: Bei Drogendelikten. Da knüpfen die Straftäter in der Haft erst die richtigen Kontakte, um nach ihrer Entlassung in noch größerem Ausmaß weiterzumachen. Aber ganz ehrlich: Ich möchte nicht Richter sein. Das sind schwierige Urteile.

Was wäre bei Kleinkriminellen die Alternative?

Gruber: Sozialstunden sind manchmal deutlich sinnvoller. Oder noch besser: Falls das Opfer bereit dazu ist, sollte man ein Treffen arrangieren zwischen Täter und Opfer. Sie können sich nicht vorstellen, wie beklemmend das für die Täter ist. Ich habe das bei meinen Betreuungen öfter schon vorgeschlagen.

Wie haben die Täter reagiert?

Gruber: Die haben natürlich ein schlechtes Gewissen, wissen ganz genau, was sie angestellt haben. Die Reaktion ist oft: „Ja, hmm, ich weiß ja nicht ...“ Viele markieren zuerst den großen Max. Und wenn es darauf ankommt, haben sie den Arsch nicht in der Hose, auf gut Deutsch gesagt.

Haben Sie schon jemanden betreut, der aus Lust Straftaten begangen hat?

Gruber: Meine Erfahrung ist: Von den jungen Straftätern denkt kein einziger in dem Moment darüber nach, was er tut. Häufig sind sie getrieben von der Gruppendynamik. Die schauen halt, wer der Coolere ist. Der eine aus der Gruppe klaut, der zweite prügelt, der dritte muss das überbieten und tritt auf jemanden ein, der schon am Boden liegt. So eskaliert das. Das ist übrigens ein neues Phänomen, dass die Hemmung sinkt, auf Leute einzutreten, die am Boden liegen.

Woran liegt das?

Gruber: Ich denke, am Alkohol. Schauen Sie am Wochenende zum Ostbahnhof. Da hat jeder früh am Abend schon die Bierflasche in der Hand, bevor er zum Feiern geht – jeder! Der Alkohol enthemmt. Vor allem, wenn die jungen Leute grenzenlos trinken. Und keiner sagt irgendwas.

Also: weniger Alkohol, weniger Eskalation?

Gruber: Da bin ich mir absolut sicher. Der Konsum ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Alkohol ist ein Droge, aber eben eine gesellschaftlich anerkannte. Fatal ist, dass man ihn immer und überall kaufen kann. Und da müsste viel mehr aufgeklärt werden. Nüchtern tritt keiner so schnell auf jemanden ein.

Was erzählen Sie einem, der im Rausch gewalttätig geworden ist?

Gruber: Ich frage, ob er vollkommen spinnt, ob er es gut finden würde, wenn jemand auf ihn eintritt, falls er schon bewusstlos am Boden liegt. Konfrontativ.

Es gibt auch positive Fälle

Welcher Fall hat Ihnen besonders Mut gemacht?

Gruber: Ein Sexualstraftäter. Wir haben lange Gespräche geführt, in denen ich den Eindruck gewonnen habe, dass er seine Freundin gar nicht vergewaltigt hat und sie sich an ihm rächen wollte, weil er damals die Beziehung beendete. Drei Jahre saß er. Er hat heute eine Freundin, eine Arbeit, Führerschein, ein neues Leben. Wir sind öfter in Kontakt.

Das klingt einfach.

Gruber: War es überhaupt nicht. Er hatte eine üble Kindheit, viele Enttäuschungen. Und es dauerte ein halbes Jahr, bis er sich überhaupt geöffnet hat. Die Aufmerksamkeit war für ihn neu. Ein langer Prozess. Ich denke, dass unsere Gespräche ihm was gebracht haben.

Verfolgen Sie das Leben der Ex-Häftlinge?

Gruber: 80 Prozent lassen nichts mehr von sich hören. Wir wissen nicht, ob sie rückfällig geworden sind. Rückmeldungen bekommen wir oft von denen, die nicht rückfällig sind.

Ein Fall, an den Sie sich gern erinnern?

Gruber: Ein Kubaner. Er war Fahrer bei einem Überfall auf eine Spielhölle. Mit dem habe ich mich sehr gut verstanden. Heute ist er wieder in Kuba. Er wurde leider abgeschoben. Er arbeitet dort als Fremdenführer für Deutsche. Er schreibt mir regelmäßig Postkarten, wirkt glücklich und lädt mich ein, dort vorbeizukommen.

In der Gesellschaft herrscht oft der Eindruck, dass Straftäter häufig eine Migrationsgeschichte haben. Wie sehen Sie das?

Gruber: Nein, das stimmt überhaupt nicht. Mir stellt es die Haare auf, wenn ich so was höre. Reine Vorurteile. Auch die Presse bauscht das ganz gerne auf. Und die Leute denken dann, alle Kriminellen sind Ausländer. Unter meinen Strafgefangenen und Ex-Strafgefangenen ist jede Nationalität statistisch ähnlich vertreten, auch die Deutschen natürlich.

„Das sind größtenteils die ärmsten Teufel“

Asylsuchende stehen oft unter Generalverdacht.

Gruber: Auch das kann ich nicht verstehen. Das sind größtenteils die ärmsten Teufel. Ich betreue zum Beispiel einen Senegalesen. Er hat ein Packerl von A nach B gebracht und wurde erwischt. Drogen eben. Er sagt bis heute, er wusste nicht, was drin war. Aber sehen Sie, so was kann passieren, wenn die Politik verhindert, dass die Leute Arbeitsplätze bekommen und Geld verdienen.

Was wünschen Sie sich?

Gruber: Ich sehe da die Politik in der Pflicht, diesen Leuten eine Perspektive zu bieten anstatt sie aufs Abstellgleis zu schieben. Gebt ihnen Arbeit. Wir brauchen doch Arbeitskräfte. Ich suche seit einem halben Jahr einen neuen Mitarbeiter für meine Firma – keine einzige vernünftige Bewerbung.

Was sagen Sie Politikern, die zum Beispiel über Senegalesen wettern, die man nicht mehr loskriegt, weil sie im Fußballverein sind und ministrieren?

Gruber: Ganz ehrlich, denen würde ich am liebsten mal die Realität erklären. Solche Politiker, das sind Leute, die ihre Nase immer nach dem Wind richten und kein Rückgrat haben.

Interview: Hüseyin Ince

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