Albtraum aller Patienten erlebt

Unfassbare Geschichte: Sein Leben ist verpfuscht!

+
Anwalt Stephan Rössler (l.) vertritt Richard K. (34) bei seiner Berufungsklage am Oberlandesgericht. Der Streitwert liegt bei 767 207,37 Euro.

München - Kein Arzt konnte ihm helfen - bis Richard K. bewusstlos zusammenbrach. Nun sitzt er nach zwei Amputationen im Rollstuhl. "Ich wurde falsch behandelt", davon ist er überzeugt.

Richard K. (34, Name geändert) aus Rosenheim hat den Albtraum aller Patienten erlebt: Mit Schmerzen sucht er verschiedene Ärzte auf – doch keiner kann ihm helfen. Schließlich bricht er bewusstlos zusammen, stirbt fast und sitzt nach zwei Amputationen im Rollstuhl. „Ich wurde falsch behandelt“, wirft er einem Urologen vor – und fordert 500.000 Euro Schmerzensgeld. Gestern prüfte das Oberlandesgericht die Berufung seiner Klage, die das Landgericht Traunstein abgewiesen hatte.

Als Richard K. mit Beinprothese in den Gerichtssaal fährt, muss selbst der erfahrene Richter Thomas Steiner schlucken. „Sie haben eine unglaubliche Leidensgeschichte hinter sich. Ein schlimmer Fall“, sagt der Vorsitzende.

1300 Seiten stark ist K.’s Patientenakte, sein Leiden beginnt am 3. April 2009. Mit Brust- und Bauchschmerzen geht er zu seinem Hausarzt, der ihm Schmerzmittel und Entzündungshemmer verschreibt. Drei Tage später schmerzt auch das Wasserlassen und sein Penis schwillt ungewollt an. Sein Hausarzt überweist ihn sofort zum Urologen – der führt einen Ultraschall durch und verschreibt Antibiotika. Aber K.’s Zustand verschlechtert sich: Er hält die Schmerzen nicht mehr aus – der Urologe hat aber keinen Termin frei und rät ihm, in die Uniklinik zu fahren. Dort bricht Richard K. bewusstlos zusammen: Ärzte stellen eine schwere Blutvergiftung fest, an der er beinahe stirbt. Seine Nieren versagen, das Gewebe wird nicht mehr durchblutet, schließlich muss sein Penis und das linke Bein amputiert werden, am rechten werden Nerven schwer beschädigt. Drei Wochen lang liegt Richard K. im Koma, muss danach drei Monate in die Reha. Seitdem ist er ein Pflegefall – und sein Leben verpfuscht.

„Ich will einfach nur eine Begründung für meine Behandlung und eine ordentliche Begutachtung“, sagt Richard K. im Prozess. Sein Vorwurf: Der Urologe hätte die Dauerrektion (Fachbegriff: Priapismus) erkennen und sein Blut untersuchen müssen – um so die lebensgefährliche Blutvergiftung bekämpfen zu können.

„Es ist ein schicksalshafter Verlauf, aber nicht die Folge eines Behandlungsfehlers“, sagt Anwalt Philip Schelling, der den niedergelassenen Urologen verteidigt. Richter Thomas Steiner sieht es wohl ähnlich: Als er andeutet, dass keine groben medizinischen Fehler zu entdecken sind und der Urologe auch die Behandlung fachgerecht dokumentiert hat, weint Richard K. so bitterlich, dass die Verhandlung unterbrochen wird. „Noch heute habe ich starke Schmerzen und muss täglich Tabletten schlucken“, sagt K. Bitter: Auch seine Beziehung, aus der seine Tochter (6 Jahre alt) hervorging, zerbrach an dem schweren Krankheitsverlauf. „Meine Ex-Freundin konnte das alles nicht mehr ertragen.“ Seit drei Jahren lebt er wieder bei seiner Mutter, die ihn pflegt. Das Urteil fällt am 24. Juli.

Andreas Thieme

auch interessant

Meistgelesen

Mann steht auf A9 und wird von Kleintransporter getötet
Mann steht auf A9 und wird von Kleintransporter getötet
Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?

Kommentare