Gerichtssprecherin im Interview

Andrea Titz spricht über den Fall Hoeneß

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Ihr größter Auftritt: Beim Hoeneß-Prozess war Andrea Titz der heimliche Star vor den TV-Kameras.

München - Andrea Titz (45) ist Richterin am Oberlandesgericht und seit Mai 2013 auch Gerichtssprecherin. Titz blickt auf das Gerichtsjahr 2014 zurück und äußert sich zu den wichtigsten Prozessen.

Sie war die Frau, die Deutschland den Hoeneß-Prozess erklärte: Andrea Titz (45) ist Richterin am Oberlandesgericht und seit Mai 2013 auch Gerichtssprecherin. Ihr Markenzeichen: High Heels und mega-schicke Kostüme. Aber auch: messerscharfe Analysen, die jeder versteht. Dieser Mix machte Titz selbst prominent. Sekunden nach einem Urteil spricht sie schon vor TV-Kameras – sexy und souverän. Im Interview blickt Titz auf das Gerichtsjahr 2014 zurück – und äußert sich zu den wichtigsten Prozessen.

Andrea Titz - die Lady in Red

Große Prozesse in München? Ohne Andrea Titz kaum noch vorstellbar. Denn auch ihre Garderobe ist oft eine Sensation. „Es liegt mir einfach am Herzen, die Justiz zu erklären“, sagt sie. Im roten Kostüm und schwindelerregenden Schuhen trat Titz beim Hoeneß-Prozess vor die Kameras – seitdem galt sie als Lady in Red! Und als Medienstar. Sogar Heiratsanträge hat sie schon erhalten: „Das Netteste war eine förmliche Anfrage bei meinem Gerichtspräsidenten, ob ich noch zu haben sei.“ Titz stellt aber klar: „Es ist jetzt nicht so, als hätte ich das gesucht.“ Ihr ist wichtig: „Für mich stehen meine Arbeit und die Inhalte an erster Stelle: zu sprechen, zu erklären, mit den Journalisten zusammenzuarbeiten. Wenn anerkannt wird, dass ich das gut mache, dann kann ich gut damit leben, dass darüber hinaus auch berichtet wird, welche Schuhe ich trage oder wie mein Kleid aussieht. Aber ich hätte ein Problem damit, wenn nur wahrgenommen würde, wie ich gekleidet bin.“ Denn auch in Fachkreisen gilt die Richterin als hervorragende Justiz-Expertin. Im neuen Jahr hofft Andrea Titz auf neue große Verfahren in München, gerne auch gegen Prominente: „Dafür wünsche ich mir, dass wir das wieder gut organisieren können“, sagt Titz. „Ich bin zuversichtlich, dass das klappt.“

Frau Titz, reden wir über Gerechtigkeit. Sein Erpresser musste länger ins Gefängnis als Uli Hoeneß. Das können viele Menschen nicht verstehen…

Andrea Titz: Die Verurteilung von Uli Hoeneß nahm der Angeklagte erst zum Anlass, einen Erpressungsversuch zu starten. Aber sonst gibt es keinen Zusammenhang, man muss die Strafzumessung hier völlig neu bewerten. Entscheidend ist die individuelle Schwere der Schuld: Der Angeklagte war vielfach vorbestraft, bringt eine langjährige Hafterfahrung mit und stand zur Tatzeit unter offener Bewährung.

Trotzdem: Der eine schrieb einen Drohbrief, der andere hinterzog 28,5 Millionen Euro.

Andrea Titz: Das Verwerfliche an dem Erpressungsversuch lag darin, dass der Angeklagte sich zunutze gemacht hat, dass Herr Hoeneß als besonders prominenter Mensch in diese empfindliche Haftsituation kam. Das hat er ausgenutzt, um Hoeneß einzuschüchtern. Das Gericht hatte auch berücksichtigt, dass er den Brief nicht nur geschrieben, sondern am Übergabeort die Beute sofort an sich genommen hatte. Das war also kein Zufallsversuch.

Um Hoeneß drehte sich der Prozess des Jahres. Er bekam dreieinhalb Jahre wegen Steuerhinterziehung. Ein hartes Urteil?

Andrea Titz: Bei einem Verfahren, das so sehr im Fokus der Öffentlichkeit steht, ist es immer schwierig, allgemeine Akzeptanz zu finden. Wer die Verhandlung verfolgt hat, hat gesehen, dass das Gericht sich sehr intensiv und sorgfältig mit allen Erwägungen auseinandergesetzt hat. Es gab keinen Zweifel, dass auch mithilfe der Rosenheimer Steuerfahnderin dezidiert dargestellt wurde, wie die Berechnungen – auch der nachgelieferten Zahlen – funktioniert haben. Das Gericht hatte ausführlich erklärt, warum es von der Straftat überzeugt ist. Ich denke, das hat die Kammer ausgesprochen vorbildlich gemacht.

War Hoeneß auch für Sie eine tragische Figur?

Andrea Titz: Man muss auch einen prominenten Angeklagten so werten wie jeden anderen. Da mag es Aspekte geben, die besonders tragisch und besonders straferschwerend sind – aber das ist in diesem Verfahren so wie in anderen auch.

Wurde er von der Öffentlichkeit fair behandelt?

Andrea Titz: Es ist immer schwierig für eine Person, die so im Fokus steht und sich dann vor Gericht wiederfindet. Dann besteht natürlich auch die Gefahr, dass er mit großer Häme überzogen wird – von all jenen, die ihm sein Leben vielleicht immer schon geneidet haben. Aber kein Straftäter hat das verdient.

Hoeneß-Richter Rupert Heindl schickte einen 79-jährigen Steuersünder für zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis – er hatte 1,2 Millionen Euro hinterzogen.

Andrea Titz: Es ist eine vergleichbare Straftat, aber der Fall muss für sich betrachtet werden. Wenn man davon ausgeht, dass die Frage der Gerechtigkeit immer auch geprägt wird davon, was akzeptiert wird – dann ist es sicherlich richtig, dass einige fragen: Muss man so einen alten Mann denn noch ins Gefängnis schicken? Dazu gibt es aber klare Vorgaben für die Justiz: Wenn jemand haftfähig ist, dann ist er haftfähig. Alter schützt vor Strafe nicht.

Das galt auch beim Fall Ecclestone. Gegen die Zahlung von 100 Millionen Dollar wurde sein Schmiergeld-Verfahren aber eingestellt. Hat er sich freigekauft?

Andrea Titz: Ganz wesentliche Punkte der Anklage waren nicht nachweisbar nach der bis dahin durchgeführten Beweisaufnahme. Zum Beispiel hatten sich die Bestechungsvorwürfe nicht erhärtet. Eine Verurteilung erschien nicht wahrscheinlich, womöglich hätte auch ein Freispruch herauskommen können. Aus Sicht des Gerichts war die Schuld des Angeklagten nicht gering, sondern die Schwere der Schuld stand der Verfahrenseinstellung nicht entgegen. Deshalb hielt das Gericht die Zahlung für angemessen.

Vergewaltiger Carl H. hatte vor seiner Verurteilung im Oktober behauptet: Reiche kaufen sich ihr Urteil. Stimmt das?

Andrea Titz: Klares Nein. Wenn ein 19-Jähriger ohne abgeschlossene Schulausbildung von so etwas überzeugt ist, dann hat die deutsche Justiz ihn in der Verhandlung und durch das Urteil eines Besseren belehrt.

Sein Fall galt als Justizpanne, denn er wurde noch vor Prozessbeginn aus der U-Haft entlassen. Zudem vergaß das Oberlandesgericht, sein Opfer zu informieren.

Andrea Titz: Das war kein Versagen der Justiz, sondern der starken Belastung der Jugendkammer geschuldet. Im Durchschnitt hat sie im vergangenen Jahr an drei bis vier Tagen pro Woche verhandelt, darunter auch etliche schwere Haftsachen. Der Termin von Carl H. wurde sogar noch vorgezogen, aber das Bundesverfassungsgericht war nur wenige Wochen vor der Verhandlung plötzlich der Meinung, dass nicht mehr abgewartet werden kann. Im Übrigen hatte sich daraus auch abgeleitet, dass der bayerischen Justiz im neuen Jahr auch wieder neue Stellen zugewiesen werden. Damit hat auch die Regierung diesem Problem Rechnung getragen.

Dennoch: Verstehen Sie die Empörung der Münchner über die vorzeitige Freilassung?

Andrea Titz: Ich denke, es ist schon nachvollziehbar, dass das Gefühl der Unsicherheit dadurch geweckt wird. Wir können aber nur so schnell verhandeln, wie wir auch personell ausgestattet sind.

Gegen die mutmaßlichen NSU-Täter verhandelt das Oberlandesgericht seit Mai 2013. Kann es in diesem Mammut-Verfahren überhaupt ein gerechtes Urteil geben?

Andrea Titz: Es setzt zumindest bei den beteiligten Richtern eine immense Konzentration voraus sowie ein permanentes Vor- und Nachbereiten jedes einzelnen Verhandlungstages. Als Zuhörer konnten sich viele Bürger bereits davon überzeugen, dass der Vorsitzende und seine Senatsmitglieder minutiös vorbereitet sind und detaillierte Fragen stellen.

Trotzdem wird sich der Prozess bis 2016 ziehen. Kann es aus Sicht der Angehörigen denn ein gerechtes Urteil geben?

Andrea Titz: Das wage ich nicht zu beurteilen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es aus Sicht der Angehörigen wichtig ist zu sehen, dass der Fall strafrechtlich aufgearbeitet wird. Ihr persönlicher Schmerz kann nur dadurch aufgearbeitet werden, dass überhaupt über das Verfahren gesprochen wird und dass anerkannt wird, dass die Opfer – aus Sicht der Anklagebehörde – Teil eines großen Konzepts von ausländerfeindlichen Verbrechen waren. Wenn das eine Befriedung oder Wiedergutmachung bewirken kann, dann kann dieses Verfahren es sicher leisten.

Ist es dem Gericht denn ein Anliegen, den Angehörigen gerecht zu werden?

Andrea Titz: Einer unserer Strafzwecke ist die Sühnefunktion – im Urteil muss sie mit einbezogen werden. Wir sind aber noch an einem Punkt, wo man sagen muss: Das Verfahren ist bei Weitem nicht abgeschlossen. Dem Gericht ist bewusst, dass den Angehörigen natürlich auch damit geholfen wäre, wenn das Verfahren zu einem Abschluss käme. Aber der Zeitpunkt ist schwer vorauszusagen.

Wie geht es denn weiter?

Andrea Titz: Ab dem 12. Januar wird in den großen Tatkomplex Nagelbombenattentat Köln-Keupstraße eingetreten. Das wird ein Meilenstein sein. Später folgen noch die Raubüberfälle, durch die nach Auffassung der Bundesanwaltschaft die Finanzierung des NSU beleuchtet werden kann.

Ein weiteres Ereignis in 2015: Uli Hoeneß wird Freigänger.

Andrea Titz: Weder Gericht noch Staatsanwaltschaft haben darauf Einfluss, wie sein Vollzug konkret ausgestaltet wird. Gleichwohl gibt es keine gesetzlich festgelegten Regeln, denen die Justizvollzugsanstalt unterliegt.

In einem Satz: Warum ist es gerecht, dass Hoeneß so schnell Freigänger wird?

Andrea Titz: Weil es Teil seiner Resozialisierung ist. Und die gelingt eben dadurch, einen Häftling aus der Haft heraus schrittweise im normalen Leben zu integrieren. 

Andreas Thieme

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