Gert Fritjof Goergens im Interview

Experte erklärt, welche Gefahren bei der Bebauung Münchens drohen 

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Bewahrte und prägte das Stadtbild Münchens: Der Architekt und Stadtplaner Fritjof Goergens (77) in seinem Büro am Prinzregentenplatz.

Gert Fritjof Goergens (77), Stadtplaner und Architekt, war 17 Jahre lang der Stadtheimatpfleger Münchens. Er musste zusehen, wie einige Gebäude verschwanden, obwohl sie denkmalwürdig waren.

Gert Fritjof Goergens konnte aber auch einige einzigartige Gebäude erhalten. Zuletzt gestaltete er die Fassade des als „Hugendubel-Haus“ bekannten Gebäudes neu. Wie er die Zeit als Stadtheimatpfleger empfand, erzählt er uns im Interview.

Herr Goergens, wenn Sie auf 17 Jahre als Stadtheimatpfleger zurückblicken, was empfinden Sie?

Es war eine ehrenvolle Aufgabe, auch eine sehr wichtige, um das weltweit einzigartige Stadtbild Münchens zu bewahren. Ich habe dieses Ehrenamt mit Leidenschaft geführt, so wie meine Vorgänger auch.

Woher kommt diese Leidenschaft?

Ich bin ein großer Bewunderer der italienischen Stadtbaukunst im Mittelalter und der Renaissance. Ich habe viel Zeit in italienischen Städten verbracht. Man findet dort die Essenz der europäischen Stadt. Die Homogenität im Material verbindet sich mit Reichtum in der Gestaltung.

Sie sind Architekt und haben sich zuletzt mit Ihrer Idee für die neue Außenfassade des Hugendubel-Hauses durchgesetzt. Wie wurden Sie eigentlich Stadtheimatpfleger?

Ich war vor meiner Zeit als Stadtheimatpfleger bereits sechs Jahre Mitglied der Stadtgestaltungskommission. Die damalige Stadtbaurätin, Christiane Thalgott, bemerkte, dass ich mich engagiert für den Erhalt der Altstadt einsetzte und fragte mich, ob ich Interesse an diesem Ehrenamt hätte, als Stadtheimatpfleger. Eigentlich war ich damals dazu nicht in der Lage.

Weshalb?

Ich war zuvor auf einer Baustelle in Italien verunglückt. Ich bin von einem Gerüst rückwärts auf einen Steinhaufen gefallen. Meine Wirbel waren teils zertrümmert. Ich musste nach Deutschland transportiert werden, wo mich die Ärzte wieder zusammengeflickt haben. Und als ich im Krankenhaus lag, bekam ich diesen Brief von Frau Thalgott. Ich brauchte erst einmal Bedenkzeit, erkannte aber in diesem Ehrenamt eine neue Chance.

Welche Aufgaben hat ein Heimatpfleger?

Er macht unabhängig vom Landesamt für Denkmalpflege und von der unteren Denkmalschutzbehörde dem Stadtrat und der Stadtgestaltungskommission Vorschläge, wie das Bild der Stadt trotz eines permanenten Wandels erhalten bleiben und weiterentwickelt werden kann.

An welches Projekt erinnern Sie sich besonders gerne?

Man hat Erfolge und ausbleibende Erfolge. Ein sehr großer Erfolg war, dass ich mich mit meinen Ideen beim Siemens-Headquarter am Wittelsbacherplatz durchsetzen konnte.

Was für Ideen?

Es ist ein klassizistischer Platz mit einheitlicher Architektursprache. Siemens wollte für den Eingang zum neuen Headquarter das Haus Wittelsbacherplatz 2 abreißen, um einen modernen Haupteingang direkt am Platz zu erreichen. Dieses Haus stand weder unter Denkmalschutz noch unter Ensembleschutz. Als Mitglied des Preisgerichts ist es mir und anderen durch Aufklärungsarbeit gelungen, den Abbruch zu verhindern. Auch der damalige Siemens-Chef, Peter Löscher, konnte überzeugt werden. Man betritt das Siemens Headquarter heute in der nördlichen Fuge zwischen den erhaltenen Palais. Eine harmonische und rücksichtsvolle Lösung. Der Wittelsbacherplatz blieb unversehrt.

Was ist an der Münchner Stadtgeschichte architektonisch so besonders?

Was viele junge Münchner nicht wissen: Die Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zu 70 Prozent zerstört. Der damalige Stadtrat Karl Meitinger konnte das Leitmotiv durchsetzen: Alles, was noch größtenteils steht, etwa Kirchenbauten, wird wieder aufgebaut. Alles andere wird neu gebaut, aber im Geiste der Münchner Geschichte.

Wie geht man mit dem Erbe der 50er-, 60er- und 70er-Jahre um?

In der Münchner Altstadt sind sie Teil des Ensembles und folglich geschützt. Dennoch lässt sich ein Abbruch nicht in jedem Fall verhindern. Ich habe mich immer für Erhalt und Umbau anstelle des Abbruchs eingesetzt. Ein gelungenes Beispiel ist das Hotel Louis am Viktualienmarkt, es wurde vorbildlich nachhaltig umgebaut. Der Kontext mit den umliegenden Bestandsbauten blieb erhalten.

Sie sind auch Verfasser der Münchner „Altstadt-Leitlinien“, eine Art Empfehlung zum Planen und Bauen. Was empfehlen Sie?

Die Altstadt Münchens wird bestimmt durch Monumentalbauten. Diese dürfen durch andere Gebäude nicht beeinträchtigt werden. Die Kirchen und deren Türme sind dafür ein Beispiel. Neue Gebäude sollten sich diesen Bauten unterordnen. Jedes Hochhaus in der Altstadt würde diese feingliedrigen Turmspitzen entwerten und die Silhouette der Stadt zerstören.

Wo hätte man sich besser an diese Linie gehalten und hat es nicht getan?

London. Die Skyline dort war lange Zeit unverkennbar. In den letzten Jahren sind viele Hochhausbauten in der Stadt neu entstanden. Der Wiedererkennungswert der Stadtsilhouette hat deutlich gelitten.

Welches neue Haus könnte die Münchner Skyline beeinträchtigen?

Das geplante 75-Meter-Hochhaus am Hauptbahnhof ist nur einen Kilometer vom Dom entfernt. Eine deutliche Höhenreduzierung ist erforderlich, um eine optische Überlagerung mit der Münchner Turmsilhouette zu verhindern.

Hat ein wiedererkennbares Stadtbild auch mit Identität zu tun?

Klar, das ist ein Teil meiner Leitlinien. Sie haben in einer Stadt immer identitätsstiftende Orte, wo man das Gefühl hat, hier ist die Altstadt ganz bei sich. Hier sollte man möglichst wenig verändern. Etwa am Platzl rund um das Hofbräuhaus. Aber auch die Bodenordnung dürfen Sie nicht vergessen.

Was bedeutet das?

Die Parzellierung. München ist sehr kleinteilig parzelliert. Das trägt enorm zum heutigen Stadtbild bei. Wäre das nicht so, würde es sehr schnell seinen Charakter verändern, wenn Sie zum Beispiel zwei oder drei Häuser zusammenlegen. Vor allem Durchgänge, Innenhöfe und Passagen sind ebenfalls in Gefahr, überbaut zu werden. Investoren würden solche Freiflächen am liebsten mit den Verkaufsflächen zuschlagen. Da muss die Stadt außerordentlich wachsam sein.

Haben Sie ein Beispiel für gefährdete Freiflächen?

Die Arkaden der Alten Akademie, übrigens eines der allerwichtigsten Gebäude der Stadt, weil seine Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Diese Flächen gehören den Bürgern, nicht den Investoren. Sie sind eindeutig öffentlicher Raum und sind deshalb zu erhalten und zu schützen. Je größer der Zuzug ist und je mehr Menschen in einer Stadt leben, desto wichtiger ist der öffentliche Raum und desto größer müssten freie Durchgangsflächen in einer Innenstadt sein. Sonst verschließt sie sich und wird unattraktiv.

Welche Gefahr droht konkret?

Wenn einmal angefangen wird, solche Flächen aufzugeben, wird ein Präzedenzfall geschaffen. Hinzu kommt, dass die Investoren – im Fall der Akademie-Arkaden die Signa-Gruppe – enorm selbstbewusst auftreten. Leider wackelt bei dem Thema der Stadtrat derzeit. Er ist gespalten.

Es gab doch sicherlich Projekte, bei denen Sie Ihre Meinung nicht durchsetzen konnten, oder?

Natürlich. Ein großer Verlust ist der Abriss des Osram-Hauses gewesen. Es ließ sich leider nicht verhindern. Als Student der Architektur bin ich zu dieser modernen architektonischen Ikone gepilgert. Es war seiner Zeit voraus, ein absolut neues Gebäude mitten im Park an der Isar, 50 mal 50 Meter groß, sechs Stockwerke hoch, metallen schimmernde Fassade. Es war ein Großraumbüro, aber schon 1962 erbaut, von Professor Walter Henn. Einfach fantastisch. Eines der ersten Gebäude der Nachkriegszeit, die sich am US-amerikanischen Baustil orientierten. Es war nicht zu halten, weil dort als einzig zulässige Nutzung „Wohnen“ festgesetzt war.

Wie kann München Ihrer Meinung nach grundsätzlich mit dem starken Zuzug zurechtkommen?

Man könnte dichter in der Peripherie bauen. Aber bitte nicht in der Innenstadt. Das bringt langfristig keinem etwas. Drastisch gesagt: Wenn Sie jetzt in der Innenstadt verdichten und in die Höhe bauen, hätte sich München den Wiederaufbau nach dem Krieg sparen können. Eine ständige, behutsame Erneuerung ist dagegen wichtig.

Wenn Sie zurückblicken, wie viel Gewicht hatte Ihre Einschätzung in den Gremien der Stadt?

Da gab es eine eindeutige Entwicklung. Anfangs, ab dem Jahr 2000, hatte ich oft das Gefühl, einige Politiker und Architektenkollegen mit meiner Einschätzung zu nerven. Ich galt manchmal als Verhinderer oder Außenseiter. Aber ich habe es geschafft, mich über die Jahre zu etablieren. Ich glaube, allmählich wurde ich entsprechend ernstgenommen mit meinem Versuch, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass man immer auf den Ort reagieren muss, wenn man ein neues Bauprojekt entwickelt.

Das Werksviertel ist Münchens spannendste Baustelle, ein Zukunftslabor. Es geht um die Frage: Wie wollen wir leben? Mehr zum Werksviertel lesen Sie hier.

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Das Interview führte Hüseyin Ince

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