Schaden von mehreren Millionen Euro

So zocken falsche Polizisten und die Gewinnspiel-Mafia ab

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Gertrud Zick zeigt die Paysafe-Quittungen ihrer Überweisungen an die Betrüger in der Türkei.

Schaden in Millionenhöhe, fast 700 Fälle allein in diesem Halbjahr: Betrüger haben es immer häufiger auf Münchner Rentner abgesehen. Vor allem falsche Polizeibeamte sind ein Problem.

„Ich war kurz davor, irgendwo hinzufahren, nur damit es ein Ende nimmt“, sagt Gertrud Zick (83) über das, was ihr Betrüger angetan haben. Drei Jahre lang setzen kriminelle Anrufer sie unter Druck, drohen mit Gefängnis in der Türkei. Am Ende betrügen sie die Rentnerin um 26.000 Euro - und bringen sie beinahe um ihr Haus.

Dabei beginnt alles mit einer wunderbaren Nachricht. Bis 2009 nimmt Gertrud Zick gelegentlich an Gewinnspielen teil. „Gewonnen habe ich nie. Ich habe auch nicht viel eingesetzt“, erklärt sie. Umso erstaunter ist die Rentnerin, als zwei Jahre später das Telefon klingelt. Bei einer Sonderziehung für alle, die in der Vergangenheit leer ausgegangen sind, habe Zick ein Auto gewonnen. „Aber den Audi brauchte ich nicht, mir war das Geld lieber.“

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2000 Euro Bearbeitungsgebühr

Natürlich mache man in diesem Fall eine Ausnahme und werde das Geld auszahlen, versichert man der Münchnerin. In Zahlen: 42.000 Euro. Vorher müsse sie aber eine Bearbeitungsgebühr überweisen, die ihr selbstverständlich erstattet werde. Gertrud Zick zahlt über 2000 Euro auf ein türkisches Konto ein. Vom angeblichen Riesengewinn hört sie nichts mehr. „Ich kapierte, dass es Betrüger waren“, sagt Zick. „Ich habe mich geschämt und wollte nicht, dass mein Mann etwas erfährt.“ Vorbei ist der Spuk aber noch lange nicht.

Sieben Monate später ein weiterer Anruf: Es meldet sich ein gewisser Kommissar Richter vom Bundeskriminalamt. Ob sie wisse, dass sie kürzlich Opfer von Betrügern geworden sei, fragt er. Gertrud Zick bejaht und bemerkt nicht, dass sie bereits mit dem nächsten Betrüger spricht. Herr Richter erklärt, er sei ein verdeckter Ermittler, die Münchner Polizei solle deshalb nichts von den Gesprächen erfahren.

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Bankkaufmann bemerkt Betrug

„Den Schmarrn hab‘ ich natürlich auch geglaubt“, sagt Zick. Um einer Gefängnisstrafe in der Türkei zu entgehen, soll sie Gebühren bezahlen. Bis August 2013 überweist sie 26.000 Euro. Als sie kein Geld mehr hat, will sie an das Haus. Doch ein aufmerksamer Bankkaufmann bemerkt den Betrug. Zick: „Erst da bin ich aufgewacht. Das war eine Gehirnwäsche.“

Nicht die Geldgier wurde ihr zum Verhängnis, sagt Zick. „An den Gewinn dachte ich nicht mehr. Ich wollte nur meine Ersparnisse zurück.“

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Die derzeit beliebtesten Betrugsmaschen

Falsche Polizisten: „Wir sind besonders empfindlich“, sagt Erster Kriminalhauptkommissar Uwe Dörnhöfer, „wenn Straftaten in unserem Namen begangen werden.“ Wie eine Flutwelle überschwemmen derzeit Anrufe von vermeintlichen Beamten den Großraum München. Meist geben die Betrüger vor, man habe Einbrecher in der Nähe festgenommen und in deren Kleidung Notizen mit der Adresse des Angerufenen gefunden. Der Verdacht liege also nahe, dass auch ein weiterer Einbruch bevorstehe. Oder: Dass er eventuell bereits stattgefunden habe. Deshalb sollen die Opfer Bargeld und Wertsachen vor die Türe legen. Ein Beamter werde das Geld abholen, überprüfen und wieder vorbeibringen. Alleine mit dieser Masche haben Kriminelle im ersten Halbjahr 2017 einen Schaden von über 1,5 Millionen Euro verursacht.

Falschgeld-Methode: Derzeit beobachten die Ermittler auch verstärkt eine Vorgehensweise, die bewusst Angst schüren soll. Dem Angerufenen wird erklärt, er sei im Besitz von Falschgeld und habe deshalb bereits eine Vorladung zur Anhörung erhalten. Nur durch Überweisung eines Geldbetrages sei dies zu umgehen.

Holger-Münch-Methode: Diese Masche trägt ihren Namen, weil sich falsche Beamte des Bundeskriminalamtes in den meisten Fällen mit dem Namen „Holger Münch“ bei ihren Opfern vorstellen. Gegen den Angerufenen liege ein Haftbefehl in der Türkei vor, heißt es oftmals. Grund: Er soll Teil eines Kinder-Porno-Rings sein. Lediglich die Hinterlegung einer Kaution könne laut den Betrügern eine Auslieferung an die türkischen Behörden verhindern. Kriminalhauptkommissar Dörnhöfer: „Die Betrüger nutzen die Scham ihrer Opfer aus, die häufig ohne Schuld Geld überweisen.“ Denn: Wer wolle schon in der Öffentlichkeit als jemand gelten, der etwas mit Kinderpornografie zu tun hat?

Falsche Gewinnspiele: Im Jahr 2016 gab es laut Polizei 75 vollendete Betrugsdelikte mit falschen Gewinnversprechen. Den Opfern ist dabei ein Schaden von knapp einer halben Million Euro entstanden. Vielen ist es dabei ähnlich wie Gertrud Zick ergangen. Anfangs herrscht Freude über einen vermeintlichen Gewinn. Da scheint ein niedriger vierstelliger Betrag für angebliche Bearbeitungsgebühren angemessen - ein fataler Irrglaube.

Johannes Heininger

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