Mutter einer behinderten Tochter klagt an

"Warum spart der Staat ausgerechnet bei uns?"

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Sie spielen „Mensch ärgere dich nicht“ - in Wahrheit sind sie fassungslos: Waltraud Vogt (58) und ihre behinderte Tochter Michaela Hengmith (38) müssen künftig auf 71 Euro Stütze im Monat verzichten

München - Für manche Menschen mögen 71 Euro nicht viel erscheinen. Für andere bedeuten sie ein Stück Lebensqualität. Zu ihnen gehören Waltraud Vogt und ihre Tochter Michaela Hengmith, die unter einer schweren Form des Down-Syndroms leidet.

 Ihnen fehlen seit 1. Januar monatlich 71 Euro. Denn Michaela Hengmith bekommt nach einer Gesetzesänderung nicht mehr die volle Grundsicherung von bislang 393 Euro, sondern nur 322 Euro.

„Die 71 Euro konnten wir gut gebrauchen. Michaela bekommt wegen einer Erkrankung an der Bauchspeicheldrüse Spezialkost. Und bei der Kleidung braucht sie Sondergrößen. Das sind alles zusätzliche Kosten“, sagt Waltraud Vogt. Bisher ist sie mit ihrer behinderten Tochter gelegentlich Essen gegangen. „Das ist eine der wenigen Freuden, die Michaela hat. Sie war gern im Lokal und hat die Leute beobachtet.“ Solche Ausflüge können sich die beiden in Zukunft nicht mehr leisten.

Grund für die Kürzung ist eine Gesetzesänderung des Bundes. Der übernimmt seit diesem Jahr die Kosten der Stütze von der Stadt – und pocht auf eine strenge Einhaltung der Stufen der Grundsicherung. Bislang hat die Stadt behinderte Erwachsene im Haushalt der Eltern eigenmächtig der höchsten Stufe 1 zugeordnet und ihnen den vollen Satz plus München-Zuschlag von 393 Euro ausgezahlt – obwohl der Bund dafür die niedrigere Stufe 3 vorsieht. Das gleiche war der Fall für Senioren, die von ihren Kindern gepflegt werden. Bei ihnen darf die Stadt jetzt nicht mehr beide Augen zudrücken. Besonders bitter: Zum neuen Jahr stiegen Höchstsatz und München-Zuschlag auf 402 Euro. Statt mehr Geld bekommen hunderte Behinderte und pflegebedürftige Senioren in München viel weniger!

„Das ist einfach ungerecht. Bei einem Behinderten sind die Ausgaben viel höher als bei einem gesunden Menschen“, ärgert sich Vogt. Sie will für ihre Tochter kämpfen. Gegen den Bescheid des Sozialreferats hat sie Einspruch eingelegt. Und das Sozialreferat ist auf ihrer Seite! „Wir bedauern diese finanzielle Verschlechterung außerordentlich und fordern den Gesetzgeber eindringlich auf, die Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderung sofort zu beenden“, sagt Sprecher Fabian Riedl. Der Stadt seien die Hände gebunden: Ohne den Bund könne sie in diesem Fall nichts ausrichten.

Für Waltraud Vogt ist die neue Regelung ein Schlag ins Gesicht. Von klein auf hat sie ihre Tochter gepflegt. Ein 24-Stunden-Job, denn Michaela spricht nicht und leidet unter Arthrose an den Füßen. Sie kann keine weiten Strecken laufen und wäre allein völlig hilflos. „Ich verstehe nicht, warum man es uns so schwer macht. Wenn ich meine Tochter ins Heim gebe, wären die zusätzlichen Kosten für den Staat viel höher als 71 Euro“, sagt Vogt.

Wie sie ohne das zusätzliche Geld über die Runden kommen soll, weiß die 58-Jährige nicht. „Bisher musste ich keine Schulden machen. Jetzt bin ich nicht mehr sicher, ob ich die Ausgaben noch stemmen kann.“ Eigentlich wollte sie im Frühjahr die Terrasse erhöhen lassen, damit Michaela leichter nach draußen kommt. Diesen Plan hat ihre Mutter nun erst einmal auf Eis gelegt: „Wir können es uns nicht leisten. Das ist schade, weil Michael so gern auf der Terrasse sitzt."

Beate Winterer

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