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Gesundheitsfonds: Fachärzte warnen Kassenpatienten

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Experten befürchten: Nicht lebenswichtige Operationen könnten bei Kassenpatienten lange hinausgeschoben werden.

Sie haben Schmerzen im Knie? Brauchen dringend eine Meniskus-Operation? Da sagt der Orthopäde: Kommen Sie in einem halben Jahr wieder!

Vielleicht haben wir dann einen Termin für den Eingriff frei. Wenn es dann die Praxis noch gibt …

Die Fachärzte schlagen Alarm: So ähnlich könnten die Gespräche mit Patienten ab sofort laufen – aber nur mit den Kassenpatienten! „Ich stehe vor dem Ruin“, sagt etwa der spezialisierte Münchner Orthopäde Dr. Roland Axel Werzinger. „Operieren ist für mich zum Hobby geworden.“ Grund sei der neue Gesundheitsfonds mit sehr geringen Honoraren für Fachärzte.

Die Folgen für Kranke könnten gravierend sein: Die Betreuung durch Spezialisten würde schlechter. Kassenpatienten würden Termine noch schwerer bekommen als ohnehin schon. Nicht lebenswichtige ambulante Operationen könnten lang verschoben werden. Oder die Patienten werden gleich ins Krankenhaus geschickt – für kleine Eingriffe, die der Facharzt in seiner Praxis in zwei Stunden macht.

Dr. Werzinger hat seine Kollegen in ganz Bayern auf seiner Seite. Die Spezialisten protestieren seit Wochen. Ärzteverbände hatten sogar gedroht, AOK-Patienten nur noch gegen Vorkasse zu behandeln – waren dann aber zurückgerudert. Denn die AOK zahlt den Hausärzten pro Patient und Quartal bis zu rund 90 Euro. Die hochspezialisierten Fachärzte bekommen davon nur einen Bruchteil!

Pro Kassenpatient und Quartal: 29 Euro

Der Münchner Orthopäde stört sich dabei nicht am Honorar der Hausärzte. „Das ist angemessen“, sagt Dr. Werzinger. Seine eigene Bezahlung bereitet ihm Sorgen. Er soll nur noch 29 Euro pro Kassenpatient und Quartal bekommen – alles inklusive! Davon soll er operieren und muss Hightech-Geräte wie neueste Röntgen- und Ultraschalltechnik, Fußdruck- und Bewegungsmessung vorhalten. Außerdem muss er natürlich seine sieben Mitarbeiter und die 300 Quadratmeter-Praxis bezahlen.

Früher hat er die Operationen extra berechnet bekommen. Da konnte er im Quartal mit 90 000 bis 105 000 Euro von den Krankenkassen rechnen – jetzt seien es keine 36 000 Euro mehr für drei Monate. Allein in einem Monat koste ihn die Praxis aber 34 000 bis 38 000 Euro! Wie Dr. Werzinger die Kosten für die weiteren beiden Monate bestreiten soll, ist ihm schleierhaft.

Kurzarbeit für die Praxis-Mitarbeiter

Erste Konsequenzen: Der Spezialist operiert in seiner Praxis gar nicht mehr, sondern nur noch als Belegarzt in den Isar Kliniken in der Sonnenstraße – aber weniger als vorher. Er will für seine Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden und streicht deren 13. Monatsgehalt. Damit will er Kündigungen verhindern. „Schließlich habe ich als Arbeitgeber auch eine soziale Verantwortung“, sagt Dr. Werzinger. Allerdings müsse er auch seine fünfköpfige Familie ernähren. „Das ist kein Jammern auf hohem Niveau“, versichert der Experte.Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) bestätigt: „Es gibt eine Gefahr für hoch spezialisierte Fachärzte“, sagt KVB-Chef Dr. Axel Munte der tz. Insgesamt seien aber alle Fachärzte betroffen. Wartezeiten bis zu einem halben Jahr seien für planbare Operationen möglich. „Da kommt noch sehr viel mehr auf uns zu, als wir bisher ahnen.“ Die Bundesregierung in Berlin habe die Sparmaßnahmen ganz bewusst getroffen. Dagegen wollte die bayerische Staatsregierung eine Schlechterstellung verhindern. Sie hat mit den Ärzten bereits eine Härtefallkommission eingerichtet – ein Ärzte-Hartz-IV für Spezialisten mit zehn Jahren Studium!

Große Demo der Ärzte im Februar

In den nächsten Wochen und Monaten werden die Kollegen die neuen Abrechnungen machen. „Wenn wir die Zahlen kennen, werden wir tätig werden“, sagt Dr. Munte. Der Ärzte-Chef kündigt sogar eine Facharzt-Demonstration an. Am 4. Februar marschieren Kardiologen, Gynäkologen und Kinderärzte Seit’ an Seit’ von der Staatskanzlei zum Stiglmaierplatz … Auch der Deutsche Facharztverband und die Gemeinschaft der Fachärztlichen Berufsverbände Bayerns sind alarmiert. Deren Chef, der Münchner Augenarzt Dr. Thomas Scharmann, spricht von einer „Verhöhnung bayerischer Fachärzte“ und befürchtet sogar eine Ausdünnung der Notdienste durch die Spezialisten. Nach deren Berechnungen würden die meisten Experten mit Kassenpatienten nur noch Miese machen – manch ein Gynäkologe bekomme nur 16 Euro für eine Patientin!

„Hier läuft etwas schief“, sagt Dr. Scharmann der tz. Der Landesverband für Ambulantes Operieren will zum Protest alle OP-Patienten mit einem Formular zur Krankenkasse schicken. Damit der Eingriff vielleicht doch noch gesondert gezahlt wird.

Aushang klärt im Wartezimmer auf

So weit will Dr. Werzinger noch nicht gehen. Im Wartezimmer macht er jetzt einen Aushang: Bitte beachten Sie, dass wir Kassenpatienten nicht in der gewohnten Weise bei der Terminvergabe berücksichtigen können. Er hofft allerdings, dass Bundesregierung und Krankenkassen nach den ersten Quartalen ein Einsehen haben werden und mehr Geld zahlen. Und er hofft, dass es seine Praxis dann noch gibt.

Quelle: tz

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