Gift-Implantate zerstören Baby-Glück

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Im Einsatz für die Mandantin: Die Fachanwälte für Medizinrecht, Christian Zierhut (l.) und Michael Graf sprechen mit Manuela Gebert, die anonym bleiben möchte und deshalb nur ihren Rücken zeigt.

München - Sie wollte einen vollen Busen – und ist jetzt schwer krank: Die Münchnerin Manuela Gebert* ist eine von 500 000 Frauen weltweit, die giftige PIP-Implantate im Körper tragen. Nun muss die Schwangere ihr Kind abtreiben.

Vor Gericht kämpft die Frau nun mit Anwälten um Schmerzensgeld.

Immer wenn die 29-jährige Verkäuferin im Drogeriemarkt Babypuder und Windeln in die Regale räumt, kämpft sie mit den Tränen. „Ich wünsche mir schon so lange ein Baby“, erzählt Manuela Gebert mit leiser Stimme. „Jetzt bin ich endlich schwanger und muss es abtreiben lassen.“ Weil sich das Brustgewebe während der Schwangerschaft verändert, besteht die Gefahr, dass die schadhaften Silikon-Implantate der Firma „Poly Implant Prothèse“ (PIP) platzen, in denen giftiges Industriesilikon steckt. Die toxischen Stoffe können Entzündungen auslösen, erhöhen womöglich sogar das Krebsrisiko. Deshalb nun der Schwangerschaftsabbruch.

Wegen der Krankheit können die Implantate nicht entfernt werden

Gebert sitzt mit ihrem Lebensgefährten, einem Soldaten der Luftwaffe, im Besprechungsraum der Patientenanwalt AG Zierhut und Graf und sagt: „Ich bin am Ende.“ Das minderwertige Silikon, das jederzeit heraussickern kann, hat bei der jungen Frau wohl schon Schaden angerichtet: Seit 2009 leidet sie an einer Bluterkrankung, die eine Chemotherapie erforderlich macht. „Da diese Krankheit erblich ist, in der Familie unserer Mandantin aber keiner betroffen ist, gehen wir davon aus, dass die Krankheit eine Folge des Silikons ist“, sagt Geberts Anwalt Michael Graf. Seine Kanzlei für Medizinrecht vertritt inzwischen 150 PIP-Opfer und bereitet gerade eine Sammelklage vor, die das Prozesskostenrisiko minimieren soll: „Für jene Frauen, die keine Rechtschutzversicherung haben und bei denen eine außergerichtliche Einigung nicht funktioniert“, erklärt Grafs Partner Christian Zierhut.

Das Martyrium von Gebert beginnt 2004. Damals macht die hübsche Blondine eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Das Gehalt, das sie als Verkäuferin im Drogeriemarkt verdient, spart sie eisern – und investiert es in eine neue Oberweite: „Ich war jung und habe mir das damals unbedingt eingebildet. Viele an der Kosmetikschule ließen sich die Brust vergrößern und bei allen ging es gut. Könnte ich es nur rückgängig machen“, sagt sie.

Denn schon die erste Brustoperation geht schief: „Ich war grün und blau, weil ich starke Einblutungen hatte und es sah aus, als hätte mir jemand seitlich in die Brust geboxt.“ Im Jahr 2008 legt sich die junge Frau erneut unters Messer. Dieses Mal soll alles glatt gehen: Gebert lässt sich von einem Münchner Schönheitschirurgen operieren. „Er hat mir versichert, nur Implantate bester Qualität zu verwenden“, sagt Gebert. Das Privatfernsehen ist bei dem Eingriff dabei: „Ich dachte, wenn das Fernsehen dabei ist, kann sich der Arzt keine Fehler erlauben.“

Ein Irrtum: Der Arzt pflanzt ihr im Vertrauen auf die TÜV-Zertifizierung die giftigen Implantate ein. Als Gebert vor Wochen von dem PIP-Skandal erfährt, bricht für sie eine Welt zusammen. Denn die Giftkissen kann sie sich nicht entfernen lassen: „Wegen meiner Bluterkrankung ist die Thrombose-Gefahr so hoch, dass ich bislang keinen Arzt gefunden habe, der das Risiko einer Operation eingehen will.“

Die Anwälte Zierhut und Graf fordern nun für Gebert ein Schmerzensgeld von etwa 80 000 Euro, eine monatliche Schadensrente von 1500 Euro bis zum Lebensende und die Anerkennung der Haftung für Folgeschäden in der Zukunft: „Unsere Mandantin wird aufgrund ihrer Erkrankung Erwerbsminderungsschäden haben, eine kürzere Lebenszeit und sie wird wohl auch früher zum Pflegefall“, erklärt Graf. Mit den Streitpartnern – der französischen Allianz, die Pflichtversicherer von PIP ist, dem TÜV Rheinland, dem Chemiekalienlieferanten Brenntag sowie dem Münchner Arzt – wollen sie sich außergerichtlich einigen: „Der Arzt macht uns noch Sorgen, da er aus unserer Sicht im Fall von Gebert uneinsichtig ist. Ärzte, die sich so über das Wohlergehen ihrer Patienten hinwegsetzen, das gibt es selten“, sagt Graf.

Der Schönheitschirurg verwies gestern auf seine Pressemitteilung von Ende Januar: „Wir nehmen die Meldungen über schadhafte PIP-Implantate sehr ernst und stehen in direktem Kontakt mit der zuständigen Gesundheitsbehörde, der Regierung von Oberbayern.“ Die Implantate habe er verwendet, weil er sich auf unbedenkliche Produkteigenschaften der vom deutschen TÜV zertifizierten Implantate habe verlassen dürfen. Ein Behandlungsfehler liege nicht vor.

*Name geändert.

Bettina Stuhlweissenburg

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