Ihr Papa starb, nachdem er sie rettete

Gondel-Drama: So verarbeitet die Tochter das Trauma

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Venedig am Sonntagnachmittag: Einen Tag nach dem Todes-Drama gedenken die Gondoliere dem toten Münchner Professor an der Rialto-Brücke

München - Joachim V. (50) starb als Held, weil er seiner kleinen Tochter (3) nach dem Gondel-Unglück in Venedig das Leben rettete. Doch wie kann das kleine Mädchen diesen Schicksalsschlag verarbeiten?.

Psychotherapeut Stephan Lermer

Beim Zusammenstoß eines Wassertaxis der städtischen Fährgesellschaft mit der Gondel seiner Familie, wurde der Münchner Joachim V. lebensgefährlich verletzt. Bei dem Versuch, seine Tochter zu retten, wurde der dreifache Familienvater zwischen Fähre und Pier zerquetscht und verstarb bei seiner Ankunft im Krankenhaus (tz berichtete). Psychotherapeut Stephan Lermer erklärt im tz-Interview, wie das Kind die Situation am besten verarbeiten kann.

Herr Lermer, wie fühlt sich die dreijährige Tochter?

Stephan Lermer: Sie hat einen großen Verlust erlitten. Andererseits ist sie eine Art Prinzessin, deretwegen der Vater gestorben ist, so in etwa: „Mein Papa hat mich gerettet.“ Ihr ist noch nicht bewusst, was passiert ist.

Also fällt sie nicht in ein lebenslanges Loch?

Lermer: Es wird ein Leben lang ein Thema für sie sein, aber muss kein schwarzes Loch werden. Das Mädchen ist noch so klein, dass es das Drama so einordnen lernen wird, wie man es ihm erklärt. Es ist noch nicht in festen, vorgefertigten Bahnen. Auch Glaube oder Spiritualität würde helfen, falls die Familie so veranlagt ist. Das Mädchen kann zu einem Schutzengel beten oder zu Gott und weiterhin mit dem Papa leben, auch wenn er physisch nicht mehr da ist.

Haben es spirituelle Menschen nach so einem Schlag leichter?

Lermer: Natürlich. Es gibt den Satz: „Man kann nie tiefer fallen als in die Hand Gottes.“

Wie geht es nach dem Unfall weiter?

Lermer: Ich glaube, dass das Kind gut betreut wird. Hier greifen zwei Stränge: Zum einen das, was wir „selbstregulierenden Prozess“ nennen. Die Familie bietet ein natürliches, regulatives Element. Da hängen ja nicht nur Mutter und Geschwister dran, sondern auch Freunde oder die Großeltern. Sie werden sich mit der Dreijährigen austauschen, ihr klarmachen, dass es ein Unfall war und keine böse Absicht. So etwas kann im Leben leider passieren.

Und zum zweiten?

Lermer: Wird es hoffentlich eine psychologische Gruppen- und auch Einzelbetreuung geben. Falls nicht, wäre das nicht zeitgemäß und fast schon unterlassene Hilfeleistung. Der Nutzen einer Therapie ist viel größer, als sie schaden kann.

Wie kann sich eine Dreijährige in so einer Sitzung überhaupt äußern?

Lermer: Sie braucht eine Umgebung, in der sie sich wohlfühlt. Einen Kakao, das Lieblings-Kuscheltier, vielleicht auch in vertrauter Umgebung. Dreijährige sind sprachlich noch nicht so versiert, aber sie können sich etwa mit Figurenspielen, mit Zeichnen und Malen ausdrücken. Da kann man schon anhand der Farbwahl viel erkennen. Wichtig ist: Wenn etwas drinnen ist in der Seele, muss es rauskommen. Es darf nicht stumm im Kinderhirn drinbleiben.

Besteht eine Gefahr bei der Therapie?

Lermer: Eine Übertherapierung, ein Pathologisieren wäre schädlich. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig ist wichtig. Falls sich das Kind aus irgendeinem Grund schuldig fühlt – vielleicht ist es auf dem Boot rumgeturnt, ich weiß es nicht –, muss man so früh wie möglich anfangen, ihm jegliche Schuldgefühle zu nehmen. Und ihr klarmachen, dass ­Papa ihm verzeihen würde.

Interview: Matthias Bieber

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