Scholl, Sportfreunde und Blumentopf

Video: Promi-Protest gegen Abriss in Müllerstraße

München - Mit Pauken und Trompeten bewaffnet, stürmt eine als Gorillas maskierte Gang ein Treppenhaus in der Müllerstraße und greift zu Pinsel, Spachtel und Besen. Was ist da los auf diesem Video?

Zu den Beats der Münchner Brass-Rapper Moop Mama wird hier eine Siff-Bude in der Müllerstraße renoviert. In den Hauptrollen: Dieter Hildebrandt, Mehmet Scholl, die Sportfreunde Stiller und Luise Kinseher (siehe unten)!

Was für ein affengeiler Protest! Wenn es nach der Stadt geht, würde dieses Haus demnächst abgerissen. Denn die Stadt sagt, man könne die drei Häuser „nur mit ganz erheblichem Aufwand bewohnbar“ machen. „Der Erhalt dieser Häuser würde nicht viel kosten“, kontert Münchens Kultur-Impresario Till Hofmann, der seine Freunde zu dieser kurzzeitigen „Hausbesetzung“ zusammentrommelte, um den Beweis dafür anzutreten. In der 40-Quadratmeter-Bude hat das Jugendamt den 17-jährigen Ramdadan übergangsweise untergebracht. Der junge Mann ist ein Flüchtling aus Somalia, für die Aktion stellte er die Räume zur Verfügung, nächste Woche zieht er dort wieder ein – und dürfte richtig Augen machen ...

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

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Die Stadt plant, das Haus und die zwei Nachbargebäude mit ihren 17 Wohnungen, die zum Teil schon seit 15 Jahren leer stehen, abzureißen und auch den benachbarten Bolzplatz der Glockenbachwerkstatt platt zu machen. Dafür soll für rund 5,2 Millionen ein Neubau entstehen mit 20 Wohnungen. „Das ist doch völliger Unsinn, für so viel Geld neue Häuser hinzustellen, die dann viel mehr Miete kosten werden, als wenn man sie mit kleinem Aufwand wieder bewohnbar macht“, so Hofmann. Also wurde der Linoleum-Fußboden herausgerissen und durch Eiche-Parkett ersetzt, die Wände neu gestrichen. Klo, Armaturen und Küche flogen raus und wurden durch neue Teile ausgewechselt. Eine Ausziehcouch von Ikea und eine Kommode von Ebay machen das Apartment wieder wohnlich. „Unterm Strich haben wir 2500 Euro ausgegeben, wobei unsere Arbeit nicht mitgerechnet ist“, so Architekt und Hofmann-Spezl Georg Benecke. „Die Stadt könnte in ihren leer stehenden Häusern ebenfalls die Neumieter ihre Wohnungen in Eigenleistung renovieren lassen, wenn man ihnen die Miete nachlässt.“

Man darf gespannt sein, was der zuständige Kommunalreferent Georg Markwardt (SPD) am Mittwoch um 18 Uhr zu der Aktion sagt. Da gibt es in der Glockenbachwerkstatt (Blumenstraße 7) eine Diskussionsrunde zum Thema Bolzplatz und städtische Häuser in der Müllerstraße...

Darum machen wir uns zum Affen

Eine Woche lang schrubbte, schliff, spachtelte und weißelte eine Schar Gorillas in der Müllerstraße die städtische Siff-Bude flott. Wer hinter dem maskierten Einsatz in den vier Wänden steckte? Das Who-is-who der Münchener Musik- und Kabarettszene, auch ein paar waschechte Sportfreunde waren dabei.

Unter der Maske steckt Kabarettist Dieter Hildebrandt.

„Das wäre doch wirklich ein Blödsinn, dieses Haus abzureißen!“, schimpft Kabarettist Dieter Hildebrandt, der statt zum spitzen Wort zu Schaufel und Besen griff. „Wir haben ja jetzt den Beweis erbracht, dass die Wohnungen mit wenig Geld wieder hergerichtet werden können.“ Hildebrandt hofft, dass das Beispiel Schule macht: „Man könnte in vielen alten Häusern auf diese Weise bezahlbaren Wohnraum schaffen“, ist er überzeugt. Auch Kabarettistin und Nockherberg-Bavaria Luise Kinseher war bei dabei. „Es ist an der Zeit, dass wir gemeinsam als Bewohner dieser Stadt ein Zeichen setzen“, meint sie. „Damit unsere Innenstadt bunt bleibt, braucht es auch günstigen Wohnraum. Es darf nicht mehr so weitergehen, dass der Ausverkauf fortschreitet und nur noch Spekulanten und reiche Leute hier ihr Geld anlegen. In dieser Stadt muss man noch leben können – und dafür muss die Politik sorgen!“

Karikaturist Dieter Hanitzsch war ebenso mit im Boot: „Der Aufwand, die Wohnung wieder bewohnbar zu machen, hielt sich in Grenzen. Und die Aussicht hier ist ja wirklich wunderschön.“

Ebenfalls zu Pinsel und Spachtel griffen Ex-Bayernstar Mehmet Scholl, Filmregisseur Marcus H. Rosenmüller, Flo Weber, Rüde Linhof und Peter Brugger von den Sportfreunden Stiller, Musikgröße Gerd Baumann, die Rapper von Blumentopf und Moop Mama sowie das Team der Lach & Schieß rund um Till Hofmann.

Johannes Welte/Dos

Rubriklistenbild: © Screenshot: Youtube

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