Mutter ist entsetzt: Urne sollte ins falsche Grab

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Musste mit ansehen, wie Arbeiter das Loch ausschaufelten: Karin Seremek am Grab ihres Sohnes.

München - Schreckliche Panne bei einer Urnenbeisetzung auf dem Waldfriedhof: Vor den Augen der schockierten Trauergemeinde ist die Zeremonie zum unwürdigen Schauspiel geworden.

Als Karin Seremek an das Grab ihres viel zu früh verstorbenen Sohnes tritt, schießen ihr hinter der eleganten Brille die Tränen in die Augen. Sie blickt auf den schlichten Grabstein, der seit Mittwoch hier liegt, auf die roten Rosen, die sie darauf gelegt hat. Doch im Kopf hat sie ein anderes Bild: Die Urne mit der Asche ihres Sohnes, achtlos ins Gras gelegt, während drei Männer mit Schaufeln hektisch ein Loch in die Erde buddeln. So will Karin Seremek den Abschied von ihrem Christian gewiss nicht in Erinnerung behalten. Aber das Bild verfolgt sie. „Ich krieg es einfach nicht aus dem Kopf“, sagt die Münchnerin mit bebender Stimme.

46 Jahre alt war Christian G., als er Anfang November durch eine Krankheit plötzlich und unerwartet aus dem Leben gerissen wurde – ein Schock für seine Mutter Karin Seremek. Ein wenig Trost spendete ihr die bewegende und stimmungsvolle Trauerfeier am 12. September, bevor der Sarg zur Einäscherung nach Mainburg gebracht wurde.

Das Urnengrab für ihren Sohn habe sie sehr bewusst ausgesucht, berichtet die 67-Jährige: Eine große Buche wölbt ihre Krone über die Stelle, ein paar Sträucher haben jetzt gerade ihre schönste Herbstfärbung, ein paar Schritte weiter schweift der Blick über eine freie Wiese. „Nicht so friedhofsmäßig“ kam Seremek das Grab vor, das sie für ihren Sohn wählte und für zehn Jahre bezahlte. Nun, vier Wochen nach Christians Tod, stand die Urnenbeisetzung an – für Karin Seremek eine wichtige Station der Trauerarbeit: „Man will das irgendwie zum Abschluss bringen“, sagt sie. Doch es wurde ein Abschluss mit Schrecken. Ein Urnenträger der Friedhofsverwaltung führte die siebenköpfige Trauergemeinde zu dem Grab, das Friedhofsarbeiter ausgehoben hatten – es war das falsche. Versehentlich war ein bereits belegtes Urnengrab geöffnet worden – womöglich, weil der dort Bestattete den gleichen Nachnamen trägt wie Christian G.

Was dann folgte, empfand Karin Seremek als „absolut pietätlos“: Der Urnenträger stellte die Urne auf einem Grabstein ab und telefonierte. Dann führte er die Trauergemeinde zum richtigen Grab, das aber noch nicht vorbereitet war. „Wir standen alle vor diesem unausgeschaufelten Grab und mussten warten“, erinnert sich Seremek. „Nach einer Viertelstunde kamen zwei Arbeiter und haben vor unseren Augen ein Loch ausgebuddelt. Ein richtiges Loch!“ Die 67-jährige ringt um Fassung, atmet tief durch, bevor sie weitererzählt. Der Urnenträger habe schließlich die Urne auf den Boden gestellt und beim Graben geholfen. Ein Arbeiter habe die Urne in das Grab gehoben.

„Das war ein absolutes Durcheinander und für mich ein furchtbarer psychischer Stress“, sagt Seremek. Dass sich der offenbar von der Situation völlig überforderte Urnenträger „ein paar mal entschuldigt“ habe, ändert nichts an der Wirkung der verpfuschten Zeremonie: „So eine Bestattung ist etwas Endgültiges“, sagt Seremek. „Diese Erinnerung begleitet mich mit Sicherheit ein Leben lang“.

Bei der Friedhofsverwaltung räumt man Fehler ein. „Der Kollege vor Ort hat nicht gerade kundenorientiert reagiert“, sagt Peter Lippert, Leiter der Betriebsabteilung. Keinesfalls dürfe der Eindruck entstehen, „dass sterbliche Überreste als Sache behandelt werden“. Pietätvoll, so Lippert, wäre es gewesen, Urne und Trauergemeinde zurück in die Aussegnungshalle zu bringen, bis das Grab hergerichtet ist. Der Urnenträger hätte die Trauernden so lange auch auf Kosten der Verwaltung in die Cafeteria bitten können. „Das sind Dinge, die es zu korrigieren und zu besprechen gilt.“

Warum es überhaupt zu dem Fehler kam, wird laut Lippert noch untersucht. Offenbar sei im Urnenbegleitschein eine falsche Grabnummer eingetragen worden. Außerdem habe es einen „Erfassungsfehler“ gegeben, als Seremek das Grab kaufte. Anders als üblich sei die Urne zudem aus Mainburg direkt zum Waldfriedhof gebracht worden. Normalerweise sei erste Anlaufstelle das Krematorium im Ostfriedhof. Von dort würden die Urnen dann zu den jeweiligen Friedhöfen gebracht. Man wolle den Fehler nun analysieren und sicherstellen, dass er sich nicht wiederholt, so Lippert.

Karin Seremek tröstet das nicht. Auf eine Entschuldigung der Friedhofsverwaltung, bei der sie sich inzwischen schriftlich beschwert hat, wartet die trauernde Mutter bis heute.

Peter T. Schmidt

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