„Anspruch in München immer respektiert“

Graffiti-Star Loomit im Interview: Große Kunst aus kleinen Dosen

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Loomit in seinem Atelier im Ex-Kunstpark.

München - „Magic City“ ist ab 13. April in der kleinen Olympiahalle. Wir sprachen mit Sprayer-Star Loomit: Der zweifache Familienvater sprüht auch mit Worten.

In diesem Fall ist die „13“ eine ausgesprochene Glückszahl: Denn am 13. April startet in der kleinen Olympiahalle die Schau Magic City mit den Top-Künstlern der Streetart – 66 sind’s aus 20 Nationen. Dass München die Hauptstadt der Bemalung und Besprühung von Fassaden ist (und nicht Berlin etc.), erklärt uns der Münchner Sprayer Loomit im großen Interview.

Außerdem erfahren Sie, wie sich die Graffiti-Szene vom Buhkind zu einer eigenständigen, weltweit begehrten Kunstform entwickelt hat – und wir stellen einige Highlights an Münchner Mauern vor. Mehr zur Schau: magiccity.de

Werksviertel, strahlende Sonne, vierter Stock, freier Blick – da arbeitet Loomit, Jahrgang 1968 und einer der alten, jungen Haudegen der Szene. Der Münchner kennt die Stadt von ihrer sprühenden Seite seit Jahrzehnten, war einer von sieben Sprayern des ­Geltendorfer Zugs von 1985, hat 1993 für den damaligen OB Christian Ude (69, SPD) dessen privates Badezimmer bemalt. Der zweifache Familienvater sprüht auch im Interview – mit Worten, versteht sich.

Loomit, ist das Radl im Atelier dekorativ oder zweckgebunden?

Loomit: Zweckgebunden. Es ist mein Fortbewegungsmittel zum Arbeiten. Damit transportiere ich auch meine Leiter, und ich habe zudem eine Fliegertasche, die über den besten Reißverschluss der Welt verfügt. Da packe ich meine Ausrüstung rein, die ich brauche – in eine indische Milchkiste, die genau in die Tasche passt.

Womit wir schon beim Reisen wären…

Loomit: Ich liebe das Reisen und bin neugierig geboren. Ich komme an Orte, wo Touristen maximal durchlaufen. Wie etwa für einen Auftrag in der Bronx oder in Brasilien, wo ich Favela-Chefs kennenlernte. Und mittendrin ein weißer Sprayer aus Deutschland, auf den sie stolz waren, weil er alles so umsetzte, wie sie es sich gewünscht haben. Ich komme mit meinem Handwerk weiter als viele andere Menschen, weil die Leute verstehen, dass du ihren Lebensraum aufwertest.

Handwerker – nicht Künstler?

Loomit: Handwerker. Es geht um Leidenschaft, aber auch ums Üben. Dazu gesellt sich, ganz handwerklich jetzt, das Wissen um das Material, das du bearbeitest. Wenn du einen Ziegel hast, ein atmendes Material, dann kannst du keinen Lack benutzen. Es gibt so viele verschiedene Oberflächen – all das muss man lernen wie ein Handwerker auch.

Sie gelten als akribischer Arbeiter – auch schon bei der Vorbereitung ­eines Werks…

Loomit: Hier sehen Sie ein Skizzenbuch. Darin sind Hunderte Zeichnungen, das mache ich täglich stundenlang. Die Auftraggeber sind die Chefs, sie entscheiden. Aber natürlich mache ich Vorschläge, beschäftige mich mit der Umgebung, der Geschichte, dem Umfeld. Hier sehen Sie etwa die kolorierten Skizzen für das ehemalige Trambahnhäusl in Ramersdorf, eine kleine, feine Kulturstätte. Hier gibt es etwa die Feuerinsel für Feuerspieler mit Musik, Lagerfeuer und Geselligkeit. Ich habe dazu eine Inselstruktur skizziert mit Palmen und Flammen. Oder die neue Gartengruppe, die ich mit Harken und Rechen ausstatte. Dazu Musikgruppen wie eine A-cappella-Formation, Hip-Hop-Combo und eine Punkband. Und die Kochgruppe verewige ich etwa mit einem Kochlöffel.

Ein Mekka: der Viehhof im Schlachthof. Vor zwei Jahren fand hier das Urban-Art-Festival Deadline mit 25 Sprayern statt

Verewigen?

Loomit: Na ja: Jeder in der Szene ist sich im Klaren: Sobald du die Wand verlässt, ist das Geschaffene nicht mehr deins. Wenn also am nächsten morgen der Hausmeister um 8.17 Uhr das Ding wegmacht, wenn jemand drübersprüht – dann ist das halt so. Wir sind in diesem Wissen ja groß geworden: Das, was wir schaffen, ist vergänglich. Aber es macht einfach viel zu viel Spaß. Das Sprühen und Malen ist eine sehr körperliche, sportliche und auch anstrengende Geschichte. Klettern, Schleppen, Streichen… Das macht allem voran sehr trainierte Unterarme.

Hätten Sie geglaubt, dass Sie von Ihrer Berufung leben können?

Loomit: Das war nie ein Thema, weil ich das schon immer aus Leidenschaft tue. Die Beschaffungskriminalität der Anfänge ist zum Glück passé. Wir haben in den 80ern ja nicht Farben geklaut, weil wir es cool gefunden hätten, sondern weil’s teuer war. Eine Dose kostete vier, fünf Mark. Mittlerweile erhalten wir weltweit Aufträge, die Kunstform ist etabliert – und überhaupt ist München die Vorreiterstadt in Deutschland.

Nicht Berlin?

Loomit: Nein. München ist die älteste Graffitistadt. Die Galerie Thomas hatte schon 1984 eine erste Ausstellung mit unseren Bildern. In München war Graffiti schon immer auch auf viel Gegenliebe gestoßen. Das liegt sicherlich auch in der Geschichte Münchens als Kunststadt begründet. Hier gab es immer einen differenzierten Blick. Der künstlerische Anspruch wurde immer respektiert. Und wo gibt es das sonst, dass das Kulturreferat uns so unterstützt? Nirgends, soweit ich weiß. Oder diese tolle Zusammenarbeit mit dem Tiefbauamt, die seit Mitte der 90er ein offenes Ohr für uns hat und uns Tunnel oder Brücken zur Verfügung stellt. Ich bin ein begeisterter Münchner, und mich nerven Diskussionen über das angeblich fade München.

Wie das?

Loomit: Viele sagen, dass München die Subkultur opfert. Das ist einfach nicht wahr. Es kommt nur darauf an, ob du Feuer im Hintern hast. Viele Sprayer ziehen nach München und haben oft mehr Energie als die hiesigen, wo viele lieber jammern als handeln. München hat eine Super-Atmosphäre – aber man muss halt Bock haben.

Bilder: München, die Streetart-Galerie

Graffiti in München - Von den 70ern bis heute

1970: HEIDUK war der erste Graffiti-Writer in München. Um 1970 tauchte er überall in der Stadt auf. Wer „Heiduk“ war, ist nicht geklärt.

1983: RAY macht – lange vor Banksy – Streetart. Seine witzigen, oft auch kritischen Comicfiguren tauchten oft in luftiger Höhe auf, etwa 1985 an der Großhesseloher Brücke.

1985: Im März besprühen sieben Teenager die S-Bahn („Geltendorfer Zug“) über fast die ganze Länge. Nachts, illegal und unter Adrenalin im Zugdepot. Einer der sieben: Loomit. Die Aktion sorgt republikweit für Aufsehen und für die Gründung der ersten Polizei-SoKo in Deutschland.

1986: Loomit lädt eine europäische Graffiti-Crew aus Frankreich, den Niederlanden und England („Crime Time Kings“) zum Sprühen ein. Innerhalb einer Woche ist das S-Bahnnetz mit ihren Zeichen übersät. Drei Sprayer landen in Stadelheim in U-Haft. – Zwei Fachbücher zum jungen Kunststil erscheinen.

1988: Das erste Graffiti-Atelier entsteht (Jugendtreff Berg am Laim).

1989: Abriss der Hallen am Flohmarkt Dachauer Straße: Die Szene verliert einen wichtigen legalen Ort. Loomit: „Eine Wand war 250 Meter lang, wir haben unter die Werke unsere Telefonnummern gesprüht und bekamen in der Woche mehrere Anrufe von potenziellen Kunden.“

1988/89: Der Jugendtreff Berg am Laim organisiert zusammen mit dem Sprüher Zebster aus Mainz frühe HipHop-Festivals.

1991: Zebster gründet mit Loomit die erste internationale Graffiti-Agentur (Living Colors).

1993: OB Christian Ude lässt sich von Loomit sein Badezimmer verschönern. Das Graffiti gibt’s noch.

1996: Nach über zehn Jahren illegaler Bemalung wird die Brudermühlbrücke für Graffitikünstler freigegeben.

2002: Loomit erhält den Schwabinger Kunstpreis.

2006: Der Writers Corner München (WCM) wird gegründet – ein Zusammenschluss der Münchner Graffiti-Szene mit mittlerweile mehr als 50 Mitgliedern.

2013 – 2015: Der Verein Positive Propaganda organisiert die legale Bemalung vieler Hausfassaden durch internationale Stars wie Aryz oder Shephard Fairy.

2016: Der Galerist Christian Utz eröffnet im ehemaligen Umspannwerk in der Hotterstraße mitten in der Altstadt das Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA).

2017: In der kleinen Olympiahalle versammelt die Schau Magic City die führenden Streetart-Künstler der Welt. Start am 13. April, die Mega-Schau läuft bis 3. September.

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