Labortechnik, Messgeräte oder neue Wirkstoffe

Gründungs-Boom in der bayerischen Biotech-Szene

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Biotechnologie in Bayern: Die Geschäftsführer der ibidi GmbH Roman Zantl (l) und Valentin Kahl.

Sie entwickeln Labortechnik, Messgeräte oder neue Wirkstoffe: Gründer in der Biotechnologie. Gerade in Bayern floriert die Branche.

München - Bayern hat sich zur Schwerpunktregion für Biotechnologie entwickelt. Etwa ein Drittel der gut 600 deutschen Biotech-Firmen ist im Freistaat angesiedelt, viele davon im Großraum München. Die Szene entwickle sich mit hohem Tempo weiter, sagt Peter Zobel, der Geschäftsführer des Gründerzentrums IZB in Martinsried. „Da ist eine wahnsinnige Dynamik drin.“ Bis zu zehn Neugründungen gebe es in Bayern jedes Jahr, viele könnten sich fest etablieren. Auch zahlreiche Investoren sitzen in München.

Das IZB, das einen zweiten Standort in Weihenstephan bei Freising unterhält, bietet jungen Start-Ups seit mehr als 25 Jahren Büro- und Laborräume sowie Unterstützung bei Finanzierungen und Marketing. Aktuell sind 60 Betriebe mit rund 600 Mitarbeitern im IZB angesiedelt. Außerhalb des Freistaates gelten unter anderem Heidelberg, Mannheim und Berlin als Biotech-Zentren.

Der Geschäftsführer des Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie IZB, Peter Hanns Zobel.

Etwa 20 Prozent der IZB-Mieter arbeiteten an neuen Medikamenten. „Ich nenne sie die Hardcore-Forscher“, sagt Zobel salopp. Zwei Drittel der Firmen seien im Dienstleistungsbereich tätig. Sie entwickelten neue technische Verfahren, mit denen die Forscher dann arbeiten könnten - beispielsweise Messgeräte, Labortechnik oder Analysesysteme.

Zehn Jahre kann ein Unternehmen im IZB bleiben. Dann muss es ausziehen, wie die Firma ibidi, die sich auf die Entwicklung und Herstellung von technischem Laborzubehör spezialisiert hat. Angefangen haben die Geschäftsführer Valentin Kahl und Roman Zantl mit ihrem Start-Up nach der Physik-Promotion 2001 in Kellerräumen der Universität, später zogen sie in das IZB und sind jetzt auf dem Sprung in neue Firmenräume - als mittelständisches Unternehmen mit 60 Mitarbeitern. Ein typisches Beispiel für ein Start-Up, wie eine IZB-Sprecherin sagt.

Das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie IZB in Martinsried (Bayern).

Die beiden Gründer gingen damals davon aus, dass Biologen mit lebenden Zellen arbeiten und haben Kunststoffkammern für die Analyse lebender Zellen hergestellt. Ein statisches Bild einer Zelle sei sehr aussagekräftig, jedoch könne man bei der Beobachtung lebender Zellen weitere Erkenntnisse gewinnen, sagt Zantl. „Damals wurde uns erst klar, dass die meisten Forscher bis dahin gar nicht mit lebenden Zellen arbeiteten. Das war eine schöne Ausgangssituation. Wir sind in einen Markt reingegangen, der noch nicht besetzt war.“

Außerhalb des menschlichen Organismus verhalte sich eine Zelle anders, erklärt Kahl. „Unser Ziel war es, Systeme zu entwickeln, die möglichst nah an die Lebensbedingungen im Organismus heranreichen - so dass sich die Zellen so verhalten wie im Organismus.“ Je näher man an das Original herankomme, desto aussagekräftiger seien die Ergebnisse. Kahl zieht einen Vergleich mit einer Weltraumkapsel, in der die Astronauten außerhalb der Erde leben können wie auf der Erde.

Der Markt boomt - gute Leute fehlen

Kunden sind zu 90 Prozent akademische Grundlagenforscher, aber auch Entwickler in der Industrie. „Wir wollen Marktführer werden“, bringt Kahl das Ziel auf den Punkt. Problematisch sei allerdings der Arbeitsmarkt für ihre Branche, ergänzt Zantl. Gute Leute zu finden sei schwierig. „Der Markt boomt.“

Dieses Problem kennt Horst Domdey, Direktor der Biotech-Management GmbH BioM. Gerade technisches Personal wie Laboranten sei schwer zu kriegen. „Der Fachkräftemangel wird zunehmen.“ Es gebe schon Leute, die Jobs suchen, aber nicht gerade auf dem Gebiet, das gebraucht werde. Die BioM unterstützt die Gründer im IZB unter anderem beim Aufbau von Netzwerken und in betriebswirtschaftlichen Fragen. Der Schritt von der Idee zum Unternehmen falle nicht allen Gründern leicht. „Nicht jeder Wissenschaftler ist auch ein guter Geschäftsmann.“

Auch Investoren hätten sich im Großraum München angesiedelt, sagt IZB-Chef Zobel. Mehr als 20 sogenannte Venture Capital Unternehmen, die auf Gründer spezialisiert sind, seien hier ansässig. Die investierten zwar nicht alle in Biotech, „aber man muss ja erst einmal zahlreiche Firmen da haben, damit sich einige davon in der Lifescience engagieren“. Dringend notwendig wäre es allerdings, steuerliche Anreize für Geldgeber zu schaffen. Da seien andere Länder Deutschland weit voraus.

Biotech und Backwaren - Was ist Venture Capital?

Firmengründer aus der Medikamentenforschung sind auf Venture Capital angewiesen. Um zu erklären, was Venture Capital (deutsch: Risikokapital) ist, zieht Peter Zobel, Geschäftsführer des Gründerzentrums IZB in Martinsried bei München, einen einfachen Vergleich: Wenn ein Bäcker zur Bank geht und eine neue Backmaschine benötigt, dann sagt die Bank: „Das Risiko können wir einschätzen, die Backmaschine kostet 100.000 Euro, die finanzieren wir.“ Wenn aber eine Biotech-Firma komme, die Krebszellen am Rezeptor CDA erforschen will und dafür dann gleich sieben Millionen Euro brauche, werde der Banker wohl auf das Kreditwesengesetz verweisen und kein Geld geben - mangels Sicherheiten.

Hierfür gibt es Venture Capital (VC) Fonds. „Die sammeln bei vermögenden Leuten Geld ein. Das geht meist bei einer Million Euro los“, sagt Zobel. Fonds haben in Deutschland so um die 100 Millionen Euro, in den USA zum Teil mehrere Milliarden. Das Geld daraus werde in riskante Geschäfte investiert - und eben nicht in die Bäckerei. Ein Fonds unterstütze mehrere Firmen, und da seien immer ein oder zwei Totalverluste dabei. „Wie man Semmeln backt, kann man im Internet nachschauen. Aber Krebs zu behandeln, ist immer ein Risiko. Man weiß vorher nicht, was aus einem Wirkstoff wird.“

Unter den privaten Geldgebern sind viele, die eben nicht nur soziale oder kulturelle Projekte unterstützen, sondern bewusst auch die finanziell riskante Medizinforschung. Manche fördern Biotech-Firmen auch aus persönlichen Motiven heraus, weil vielleicht die Ehefrau an Krebs gestorben ist.

Von Ute Wessels, dpa

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